Vollblutgewerkschafterin im Super-Ministerium

Nach acht Jahren Opposition hat die SPÖ vor einem Jahr wieder ihr Kernministerium, das Arbeits- und Sozialministerium, übernommen. Und weil das quasi eine gewerkschaftliche Erbpacht ist, war auch schon in den ersten Koalitionsverhandlungen mit ÖVP und NEOS klar, wer das Ressort besetzen wird. Korinna Schumann war, so hört man, die erste Fixkandidatin in den Verhandlungen. Ein Jahr später fragen sich aber viele noch immer, wer die Frau mit der langen Gewerkschaftskarriere wirklich ist und was sie antreibt. Schumann gilt als medial zurückhaltend, in den Society-Rubriken sucht man sie vergebens, mit 8.200 Facebook- und 5.500 Instragram-Follower:innen ist sie auch nicht das, was man eine Politinfluencerin nennen würde, und auch privat ist kaum etwas bekannt.

Korinna Schumann will „zuhören, evidenzbasiert arbeiten, unterschiedliche Perspektiven einbeziehen und dann konsequent handeln“.; © BKAAndy Wenzel

„Politik muss Orientierung geben“

Intern und im Real Life gilt Schumann allerdings als bestens vernetzt, und in ihrer Arbeit im größten Ressort der Regierung mit Sozialem, Arbeit, Gesundheit, Pflege und Konsument:innenschutz setzt die Super-Ministerin vor allem auf Inhalte. „Mein Zugang ist immer derselbe: zuhören, evidenzbasiert arbeiten, unterschiedliche Perspektiven einbeziehen und dann konsequent handeln. Politik muss Orientierung geben, Stabilität schaffen und Vertrauen vermitteln“, sagt sie im Gespräch. Die schwierigste Entscheidung bisher in Gesundheitsthemen seit dem Amtsantritt? „Ich denke nicht in Kategorien wie ‚schwierig‘ oder ‚einfach‘. Als Politikerin ist es meine Aufgabe, Entscheidungen zu treffen – verantwortungsvoll, faktenbasiert und immer im Interesse der Menschen. Natürlich gibt es im Gesundheitsbereich Themen, die besonders herausfordernd sind, weil sie unmittelbare Auswirkungen auf den Alltag der Bevölkerung haben. Es geht dabei oft um begrenzte Ressourcen, um strukturelle Veränderungen und um die Frage, wie man kurzfristig Entlastungen schafft, ohne langfristige Stabilität zu gefährden. Solche Abwägungen sind nie trivial.“ Am Ende zähle für sie nicht, ob eine Entscheidung als „schwierig“ wahrgenommen wird, sondern ob sie dazu beiträgt, das Gesundheitssystem gerechter, verlässlicher und zukunftsfähiger zu machen. „Genau daran messe ich meine Arbeit“, so Schumann.

Gesundheit als Querschnittsthema

Der Gesundheitsbereich sei für sie einer der zentralen Teile des Ressorts, weil er die Lebensqualität der Menschen unmittelbar berührt, betont Schumann: „Gesundheit ist keine Nebensache und kein Feld, das man bloß verwalten kann. Sie ist eine grundlegende Frage von sozialer Sicherheit, Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Gerade weil mein Portfolio so breit ist, sehe ich es als meine besondere Aufgabe, Gesundheit nicht isoliert, sondern als echtes Querschnittsthema zu betrachten.“ Gesundheit stehe in engem Zusammenhang mit Pflege, guten Arbeitsbedingungen, sozialer Absicherung, wirksamer Prävention und einer verlässlichen regionalen Versorgung – sowohl in den Städten als auch im ländlichen Raum. Sie wolle deshalb ein solidarisches, öffentlich getragenes Gesundheitssystem weiter stärken. Dazu gehöre, Wartezeiten spürbar zu verkürzen, den öffentlichen Bereich konsequent auszubauen und den Zugang zu medizinischer Versorgung für alle Menschen zu sichern – unabhängig von Einkommen, Wohnort oder Lebenssituation.

Gesundheitsberufe entlasten

Besonders wichtig sei ihr die Situation der Beschäftigten im Gesundheitswesen: „Sie tragen das System tagtäglich und leisten Enormes. Deshalb müssen wir sie nachhaltig entlasten, bessere Arbeitsbedingungen schaffen und ihre Arbeit auch gesellschaftlich stärker anerkennen. Denn eines ist klar: Ohne die Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, kann dieses System nicht funktionieren.“ Als der Rechnungshof zuletzt eine Entmachtung der Landesärztekammern forderte, stieg Schumann deshalb auf die Bremse. „Einem Partner im Gesundheitswesen medial auszurichten, diesen per Gesetz zu entmachten, ist respektlos und nicht mein Stil.“

Gewerkschaftliche Prägung und feministischer Leitgedanke

Die 59-jährige Wienerin, aufgewachsen in den kommunalen Sozialwohnungen der Brigittenau, verbindet in ihrer politischen Arbeit gewerkschaftliche Erfahrung mit einem tiefen sozialen Engagement. Sie begann ihre berufliche Laufbahn 1989 im Sozialministerium, wo sie an der Schnittstelle zwischen Behinderung, Pflege, Sozialhilfe und Gesundheit tätig war. Innerhalb des Ministeriums machte sie mit wachsender Verantwortung konsequent und gleichzeitig unauffällig Karriere: von der Personalvertretung über den Vorsitz des Dienststellenausschusses bis hin zu Leitungspositionen im Bereich Arbeit, Soziales und Gesundheit. Parallel entwickelte sie eine bemerkenswerte Karriere in der Gewerkschaft. Seit 2006 war sie Mitglied des Vorstands der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD), seit 2013 im Vorstand des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) und seit 2018 Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende des ÖGB.

Ihre gewerkschaftliche Erfahrung prägt auch ihre Politik: pragmatisch, sozial ausgleichend und engagiert für die Interessen der Beschäftigten. Als überzeugte Sozialdemokratin sieht Schumann in Freiheit, Gleichheit, Solidarität und sozialer Demokratie die Grundlage ihres Handelns. Feminismus ist für sie ein zentraler Leitgedanke: „Er ist die Basis für Gleichstellung und Chancengerechtigkeit. Ich freue mich über jeden Schritt, der das Leben von Frauen leichter macht.“ Neben dem Ausbau des Gesundheitssystems treibt sie Maßnahmen wie flächendeckende Kinderbildungsplätze und die Bekämpfung von Lohndiskriminierung voran. In ihrer Regierungserklärung im Bundesrat formulierte Schumann vor allem eine Kernbotschaft: „Wir machen einen Neustart und tun jetzt gemeinsam das Richtige für Österreich.“ Für sie bedeutet das: das Vertrauen in die Demokratie und das Sozial- und Gesundheitssystem stärken, sichere Arbeitsplätze schaffen, staatliche Pensionen absichern und die medizinische Versorgung für alle garantieren. Dabei handelt sie ressortübergreifend, um Arbeitsbedingungen, Kinderbetreuung und soziale Sicherheit als Gesamtsystem zu verbessern.

Trotz hoher Verantwortung bleibt Schumann bodenständig, Ausgleich findet sie bei einem gemütlichen Kaffeehausbesuch. Ihr Motto für die politische Arbeit ist pragmatisch: Niemand darf zurückgelassen werden.