© ÖÄK/Thomas Jantzen Auf der Basis einer neuen Studie wiederholen oberste Ärztevertreter ihre Forderung nach einem Dispensierrecht für alle Ärzt:innen.
Laut Österreichischer Ärztekammer (ÖÄK) wird es bald zu wenig Kassenmediziner:innen geben, vor allem in kleinen Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohner:innen falle die Nachbesetzung von Kassenstellen schon jetzt schwer. Eine neue Studie, die im Auftrag der ÖÄK erstellt wurde, zeigt nun auf, dass das Problem gelindert werden könnte, wenn es mehr ärztliche Hausapotheken geben würde. „Der Ausbau wäre eine wirksame Maßnahme, um die medizinische Grundversorgung auch in strukturarmen, spärlich besiedelten Regionen dauerhaft abzusichern“, sagt Studienautor Andreas Kreutzer vom Beraternetzwerk Kreutzer, Fischer & Partner und ergänzt, dass eine größere Zahl an ärztlichen Hausapotheken aber noch mehr Vorteile hätte: So ließen sich Wegzeiten der Patient:innen für die Besorgung von Medikamenten reduzieren, was 160 Millionen Euro an volkswirtschaftlichen Kosten einspare. Zudem würde die hausarztzentrierte Medikamentenverabreichung die Umwelt entlasten, und zwar jährlich von CO2-Emissionen von rund 30.000 Tonnen, die bei den privaten Pkw-Fahrten in die Apotheke anfallen.
Auf der Basis dieser Studie wiederholten oberste Ärztevertreter am Mittwoch ihre Forderung nach einem allgemeinen und freiwilligen Dispensierrecht für alle Ärzt:innen. ÖÄK-Präsident Johannes Steinhart sagt, die Patient:innen würden davon gleich doppelt profitieren, denn die Gemeinden würden leichter Kassenärzt:innen für ihre wohnortnahe Versorgung finden, und sie würden im Krankheitsfall leichter zu ihrem Medikament kommen. „Wenn nicht jetzt gehandelt wird, wann dann?“ Das Vorhaben dürfe nicht am antiquierten Gebietsschutz der Apotheken scheitern. Ärztliche Hausapotheken seien besonders für ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität die wichtigste Möglichkeit der Medikamentenversorgung, sagt ÖÄK-Vizepräsident Edgar Wutscher. Das duale System aus ärztlichen Hausapotheken in ländlichen Regionen und öffentlichen Apotheken in Ballungsgebieten sei für Österreich optimal, betont Silvester Hutgrabner, Leiter des Referats für Hausapotheken in ländlichen Regionen in der ÖÄK.
Während Studienautor Kreutzer meint, ein Ausbau der ärztlichen Hausapotheken, von denen es derzeit bundesweit 807 gibt, würde die wirtschaftliche Existenz der 1470 öffentlichen Apotheken nicht gefährden, warnt die Österreichische Apothekerkammer (ÖAK) aus dem Grund vor mehr ärztlichen Hausapotheken. Die Forderung danach sei gesundheitspolitisch fahrlässig, sagt der zweite ÖAK-Vizepräsident Gerhard Kobinger. Sie entziehe den Apotheken ihre wirtschaftliche Basis und schwäche dadurch das Gesundheitssystem nachhaltig. Ein Ausbau würde nur dazu dienen, Ärzt:innen zusätzliche Einnahmen zu sichern. Auch der Österreichische Apothekerverband kritisiert die Forderung der Ärztevertreter. Verbandspräsident Thomas W. Veitschegger sagt: „Bei einer durchschnittlichen Öffnungszeit von 20 Stunden der Arztordinationen ist die Medikamentenabgabe in einer Arztordination lediglich ein Teilzeitangebot, das mit der Lebensrealität der Bevölkerung nicht im Einklang steht.“ Die vollinhaltliche Arzneimittelversorgung gebe es nur in der öffentlichen Apotheke mit einer durchschnittlichen Öffnungszeit von 50 Stunden pro Woche. (sst/APA)