Lieferengpässe: Neue Kritik an Parallelexporten durch Apotheken

Pharmaindustrie und Ärztekammer machen parallelexportierende Apotheken für Lieferengpässe verantwortlich. Die weisen das zurück.

Die Pharmaindustrie macht erneut Parallelexporte durch heimische Apotheken und den Großhandel für Lieferengpässe bei Medikamenten verantwortlich. Der neue Pharmig-Präsident Philipp von Lattorff (Boehringer Ingelheim) sagte in einem Antrittsinterview: „Dass wir produktionsbedingt nicht liefern können, ist nur zu einem kleinen Teil für Probleme verantwortlich. Der größere Teil liegt im Export von Arzneimitteln. Großhändler und Apotheken machen sich ein Körberlgeld. Sie sammeln auf dem österreichischen Markt Arzneimittel ein und verkaufen sie in die EU.“ Die Preisunterschiede könnten pro Packung bei teuren innovativen Medikamenten dreistellige Summen ausmachen. Um das zu vermeiden, hätten zahlreiche Pharmakonzerne ihre Produkte aus dem österreichischen Pharmagroßhandel genommen. Geliefert wird nur noch über Pharma-Logistik-Unternehmen an die Apotheken.

Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, stößt in die gleiche Kerbe: Dass sich einige Apotheken mit dem Verkauf von Medikamenten ins Ausland ein „Körberlgeld“ verdienen, findet er „empörend“. Für ihn bedeutet dies, dass ein Teil der Apotheken „offensichtlich statt Versorgungsinteressen ausschließlich finanzielle Ziele verfolgt und dafür sogar eine schlechtere Versorgungslage in Österreich in Kauf nimmt.“ Steinhart fordert deshalb erneut mehr ärztliche Hausapotheken.

Die Apotheker weisen die Kritik zurück. Von den aktuell rund 900 nicht lieferbaren Medikamenten seien etwa 15 Top-OTC-Artikel, etwa 180 Top Rx-Artikel und etwas mehr als 400 Generika. Lediglich vier Produkte davon seien Medikamente, die auch von Apothekengroßhändlern exportiert werden, sagt ein Apotheker zu RELATUS. Die Hersteller würden schon längst Exporte kontrollieren, etwa durch die von der Industrie angeführten direct-to-pharmacy-Belieferungen, durch Kontingente, durch das Verlangen von Rezepten bei Großhandelsbestellungen oder durch anderen Maßnahmen.

Das Problem der Lieferengpässe sei vielschichtig und habe mehrere Ursachen, hieß es zuletzt auch aus dem Apothekerverband. „In unserer globalisierten Welt, wird der Großteil der Medikamente an wenigen Standorten in China und Indien produziert. Treten dort Produktionsprobleme auf, wirken sie sich weltweit aus – das spüren auch wir in Österreich. Hinzu kommt, dass wir im Arzneimittelsektor ein Niedrigpreisland sind und ein dementsprechend wenig attraktiver Absatzmarkt“, schreibt der Verband. In dieser komplexen Gemengelage komme es auch zu sogenannten Re-Exporten. Ähnlich argumentiert der Großhandelsverband PHAGO: Der Parallelhandel führe definitiv nicht zu einem Versorgungsproblem „Die Versorgungskette wäre deutlich robuster, wenn der Vollgroßhandel alle Arzneimittel von der Industrie beziehen kann“, sagte zuletzt Generalsekretärin Monika Vögele. (rüm/APA)

 

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