v.l.: Dominik Wolf (OeGHO), Eva Compérat (MedUni Wien), Peter Lehner (SVS), Sophia Petschnak (WiGEV), Thomas Czypionka (IHS), Silvia Bodi (NÖ Landesgesundheitsagentur), Philipp Jost (MedUni Graz), KathrinStrasser‑Weippl (OeGHO) @ Oliver Miller-Aichholz Das 8. Österreichische Onkologie Forum stellte die gesundheitsökonomische Relevanz der Präzisionsonkologie in den Mittelpunkt präsentierte erneut Forderungen für die Versorgung.
Krebsmedizin verändert sich grundlegend: Diagnose und Therapie werden immer stärker durch molekulare Informationen bestimmt. Damit rücken Molekularpathologie, molekulare Tumorboards und damit die Präzisionsonkologie ins Zentrum der Versorgung. Zugleich zeigen sich strukturelle, finanzielle und organisatorische Herausforderungen, die mit dieser Entwicklung nicht mithalten können. Lösungen wurden im Rahmen des 8. Österreichischen Onkologie Forums, eines offenen Thinktanks der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO), in Wien am 20.05.2026 diskutiert. „Die Präzisionsonkologie ist ein wichtiges Tool, um Patientinnen und Patienten zielgerichtet und kosteneffizient zu behandeln“, sagte Kathrin Strasser-Weippl, Medizinische Leiterin der OeGHO sowie Gastgeberin des interdisziplinären Forums.
Eine präzise molekulare Charakterisierung des Tumors gibt Antwort auf viele Fragen: Welche Mutation liegt vor? Gibt es eine therapeutisch relevante Zielstruktur? Ist eine zielgerichtete Therapie möglich? Kommt eine klinische Studie infrage? Diese Vielfalt zeigt bereits, dass damit auch zahlreiche gesundheitspolitische Implikationen verknüpft sind. „Erfreulich ist, dass die molekularpathologische Routinediagnostik grundsätzlich gut funktioniert. Sie ermöglicht eine rasche therapeutische Orientierung und ist für viele zugelassene zielgerichtete Therapien heute unverzichtbar. Doch nach wie vor erleben wir eine Zeitverzögerung zum Diagnosezeitpunkt und das macht einen großen Unterschied für die Patientenkarriere und die Möglichkeiten der Therapie“, betonte Strasser-Weippl. Die Lösung beschreibt Peter Lehner, Obmann der Sozialversicherung der Selbständigen (SVS): „Es gibt eine onkologische Fast-Track-Schiene, die in dringenden Fällen eine Abklärung innerhalb von 14 Tagen vorsieht.“
Dabei heißt „Fast-Track“ nicht einfach, schneller zu einer Untersuchung zu kommen, sondern bezieht sich auf den gesamten Versorgungspfad – von der ersten Verdachtsdiagnose über Bildgebung und Pathologie bis hin zur Therapie im Spital und idealerweise auch zurück in den niedergelassenen Bereich. „Es geht darum, die richtigen Entscheidungen rasch zu treffen und das setzt voraus, dass wir auch die erforderlichen Daten vernetzt zur Verfügung haben,“ sagte Thomas Czypionka, Leiter der Forschungsgruppe Gesundheitsökonomie und -politik am Institut für höhere Studien. Zeitverzögerungen bei Diagnose und Therapie verursachen nicht nur hohes persönliches Leid, sondern in weiterer Folge hohe Kosten für das Gesundheitssystem.
Daher muss die Molekularpathologie dringend einen Fokus auf strukturelle Pfade legen, denn sie steht immer wieder vor Herausforderungen, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. „Die Komplexität, die Geschwindigkeit und die Anforderungen steigen, denn praktisch jede Krebsdiagnose braucht heute ein molekulares Verständnis“, betonte Philipp Jost, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Medizinischen Universität Graz, Leiter des Comprehensive Cancer Center Graz und Vertreter des Austrian Comprehensive Cancer Network (ACCN). Er rückte Themen ins Rampenlicht, die in der Onkologie jetzt zu stellen sind: „Wir müssen nach Geschwindigkeit, Effizienz und europaweiten Standards fragen und dann herausfinden, wo die Leistungen überhaupt verfügbar sind, in einer Form, wie sie die Medizin und die Versorgungspolitik benötigen.“ Gerade diese Unschärfe wird zunehmend problematisch. Neue Medikamente, neue Biomarker, neue Testverfahren und neue Indikationen verändern laufend, welche Diagnostik notwendig ist. „Was heute noch Spezialdiagnostik ist, kann morgen bereits Standard sein“, brachte es Sophia Petschnak, vom Institut für Klinische Pathologie, Molekularpathologie & Mikrobiologie an der Wiener Klinik Favoriten auf den Punkt.
Besonders deutlich wurde der Bedarf nach einer österreichweiten Landkarte der molekularpathologischen Versorgung. „Nicht jedes Krankenhaus kann und soll jede hochspezialisierte Untersuchung selbst anbieten. Das wäre medizinisch, personell und ökonomisch nicht sinnvoll“, weiß Silvia Bodi, Geschäftsführerin der Gesundheit Thermenregion GmbH, aus Erfahrung. Was in einem Bundesland schon herausfordernd sein kann, wird noch schwieriger, wenn es um die Frage der Finanzierung von Leistungen geht, wenn Proben zwischen intra- und extramuralem Bereich oder über Bundesländergrenzen hinweg transportiert werden. Dominik Wolf, Vizepräsident der OeGHO, Direktor der Univ.-Klinik für Hämatologie und Onkologie in Innsbruck, fordert daher ein interdisziplinäres Netzwerk der Molekularpathologie und Präzisionsonkologie. „Wir als Expertinnen und Experten der Versorgungspolitik können vorschlagen, wie diese Wege im Idealfall aussehen, ohne dass die Kosten explodieren.“
Ein Perspektivenwechsel macht deutlich, dass auch die Pathologie selbst unter hohem Druck steht. „Molekularpathologie ist kein isolierter Laborprozess, sondern Teil einer umfassenden pathologischen Diagnostik. Zunächst braucht es die histologische Diagnose, die Aufarbeitung des Gewebes, die Auswahl des geeigneten Materials und die Einbettung der molekularen Befunde in den klinischen Kontext. All das erfordert hochqualifizierte Pathologinnen und Pathologen sowie spezialisierte biomedizinische Analytikerinnen und Analytiker“, sagte Eva Compérat vom Klinischen Institut für Pathologie, Medizinische Universität Wien, und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie. Die Pathologie ist ein dynamisches, hochkomplexes Fach mit wachsendem Personalbedarf. Ausbildungsplätze können aktuell nicht einmal zur Hälfte besetzt werden, da der Nachwuchs fehlt.
Molekulare Diagnostik bewegt sich häufig an Schnittstellen zwischen Krankenhaus und niedergelassenem Bereich, zwischen Diagnostik und Therapie sowie zwischen Bund, Ländern und der Sozialversicherung. Diese Schnittstellen führen zu massiven Reibungsverlusten und gerade in der Onkologie können Zeitverzögerungen auch Menschenleben kosten. Wenn Patient:innen ambulant behandelt werden, aber molekulare Diagnostik in einem Krankenhauslabor benötigt wird, stellt sich die Frage, wer diese Leistung bezahlt. „Wird eine Probe aus dem niedergelassenen Bereich an ein Zentrum geschickt, entstehen Verrechnungsfragen. Wird eine Diagnostik unterlassen oder verzögert, kann das später zu teureren oder weniger zielgerichteten Therapien führen“, beschreibt Petschnak die Problematik aus der Praxis.
Aus Sicht der Expertinnen und Experten ist das derzeitige Finanzierungssystem vielfach nicht darauf ausgerichtet, medizinisch sinnvolle Entscheidungen zu erleichtern, ein Umstand, der auch zu ökonomischen Fehlallokationen führt. Pauschalfinanzierungen und getrennte Finanzierungsströme können dazu führen, dass nicht die beste Versorgung im Mittelpunkt steht, sondern die Frage, welcher Bereich welche Kosten trägt oder abschieben kann. Mehrfach wurde betont, dass künftig stärker Einzelleistungen finanziert werden müssten – unabhängig davon, ob sie intra- oder extramural erbracht werden. „Entscheidend muss sein, was für Patientinnen und Patienten sinnvoll und für das Gesamtsystem effizient ist“, so Lehner. (red)