Tiroler Penicillinwerk fordert Strafzölle gegen China 

© Sandoz / Peter Ginter

Der Sandoz-Standort in Kundl kann mit der Billig-Konkurrenz aus China kaum noch mithalten und fordert rasche Maßnahmen von der Europäischen Kommission.  

Das letzte vollständig integrierte Penicillin-Werk Europas steht vor einer ungewissen Zukunft. Der Sandoz-Standort im Tiroler Kundl ist die einzige Anlage auf dem Kontinent, in der Penicillin vom Rohstoff bis zum fertigen Arzneimittel hergestellt wird. Doch inzwischen dominiert China die Herstellung der Wirkstoffe für die rund 1,5 Milliarden Tagesdosen, die in Europa jedes Jahr verabreicht werden. Der Anteil Chinas an den EU-Importen von Penicillin und dessen Derivaten, meist in Form pharmazeutischer Wirkstoffe (API), hat sich laut Eurostat von 44 Prozent im Jahr 2019 auf 86 Prozent im vergangenen Jahr fast verdoppelt. Gleichzeitig sind die europäischen Exporte dieser Stoffe auf weniger als ein Fünftel ihres Höchststands aus den frühen 2000er-Jahren zurückgegangen.

Nachdem mehrere Wettbewerber angekündigt haben, ihre Produktion einzustellen oder nach China zu verlagern, gewinnt der Standort Kundl für die europäische Versorgungssicherheit weiter an Bedeutung. Eine Schließung würde Europa bei diesem lebenswichtigen Antibiotikum „vollständig abhängig“ von China machen, warnte Standortleiterin Stephanie Jedner. Nur drei Jahre nach einer 200 Mio. Euro teuren Erweiterung, in die 50 Mio. Euro an öffentlichen Mitteln flossen, hat Sandoz die Europäische Kommission jetzt um eine Antidumping-Untersuchung gebeten. Diese könnte zu Strafzöllen auf chinesische Produkte führen.

Bereits Anfang des Jahres hatte Sandoz in einer Stellungnahme an britische Abgeordnete vor den Schwierigkeiten der europäischen Penicillin-Produktion gewarnt. Wenn Regierungen nicht mehr für Penicillin zahlten, sei die Herstellung in Kundl „wirtschaftlich nicht tragfähig“. Pekings Kontrolle über die Lieferkette berge zudem ein „inhärentes strategisches Risiko“, ähnlich wie bei kritischen Mineralien. „Die Versorgung mit Antibiotika könnte durchaus zu einem Instrument wirtschaftlichen Zwangs oder hybrider Kriegsführung werden, insbesondere in Zeiten diplomatischer Spannungen“, hieß es in der Stellungnahme.

Wie verwundbar Europas Versorgung ist, zeigte sich 2022, als während einer Welle von Atemwegsinfektionen die Vorräte an Amoxicillin – der in Kundl hergestellten Penicillin-Variante – knapp wurden. Ein Jahr später bewilligte die EU-Kommission 28,3 Millionen Euro für den Ausbau des Werks. Dadurch konnte die Produktionskapazität um 20 Prozent erhöht werden. Sandoz wirft China nun vor, den europäischen Markt mit billigen, staatlich subventionierten Wirkstoffen zu überschwemmen. Im März reichte der Konzern deshalb Beschwerde in Brüssel ein. Chinesisches Amoxicillin werde in Europa unter den Produktionskosten verkauft, so der Vorwurf. Zudem kritisiert das Unternehmen, dass europäische Regierungen bei der Beschaffung oft nur auf den niedrigsten Preis achteten, statt ihre Lieferketten abzusichern. Die Europäische Kommission dürfte demnächst eine Antidumping-Untersuchung einleiten. (tab)