Zum 100. Geburtstag von Erwin Ringel – Österreichische Seele 3.0

Am 27. April dieses Jahres wäre Erwin Ringel 100 Jahre alt geworden. Anlass genug, um eines großen Psychiaters unserer Zeit und seines Wirkens zu gedenken, aber mehr noch, vor allem seinen Wirkungen auf unsere Zukunft Aufmerksamkeit zu schenken. Erwin Ringel wurde am 27. April 1921 in Timişoara, damals Königreich Rumänien, heute Republik Rumänien geboren, weil seine Mutter, wie es heißt, den damaligen Gepflogenheiten entsprechend, zur Entbindung in ihre Mutterstadt reiste. Die ersten fünf Lebensjahre verbrachte er in Hollabrunn, ab 1926 lebte er fortan in Wien in der Annagasse 8 (wo später auch Peter Berner, mein erster Lehrer und Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie, Ordination und Wohnung hatte). Nachdem er seine Schulzeit im Akademischen Gymnasium 1939 erfolgreich beendet hatte, studierte er in Wien Medizin, promovierte 1946 und ließ sich zum Facharzt für Psychiatrie ausbilden. Schon im Jahre 1948 baute er die „Lebensmüdenfürsorge“ der Caritas mit auf, aus der dann 1975 das heute von Thomas Kapitany geleitete Kriseninterventionszentrum wurde. Die Suizidforschung und die Suizidprävention in Österreich sind seitdem untrennbar mit seinem Namen verbunden.

Pionier der Psychosomatik

Erwin Ringel war in der Tat ein Pionier und Wegbereiter, und das keineswegs nur auf dem Gebiet der Suizidprävention. An weiteren Pioniertaten und Errungenschaften sind vor allem jene auf dem Gebiet der Psychosomatik, jene im Rahmen der Schaffung des österreichischen Psychotherapiegesetzes sowie jene als Opernkenner, Kritiker, Analytiker, Liebhaber und Volksbildner, in besonderem Ausmaß aber auch jene als kritischer politischer Österreicher zu nennen, als einer, der nicht müde wurde, immer wieder (und durchaus markant und prägnant) auch die psychosozialen Dimensionen unseres Zusammenlebens in einen doch vorzugsweise von Machtansprüchen und Wirtschaftsinteressen geprägten politischen Diskurs miteinzubringen. An der Wiener Universitätsklinik leitete er zuletzt als Oberarzt die Station 6B, die er gerne selbst als psychosomatische Abteilung bezeichnete (obwohl es eine solche an der Wiener Universität nie gab). Unbestritten ist allerdings, dass er dort mit seinem Team ganz maßgeblich die psychosomatische Forschung und Therapie voranbrachte und damit die Grundlage zu einer bis heute höchst erfolgreichen psychiatrischen Psychosomatik schuf. Dem geschieht auch kein Abbruch, wenn man heute hier das klassische Psychosomatik-Paradigma, psychosomatische Erkrankungen als durch psychische Faktoren verursachte körperliche Erkrankung zu verstehen („was kränkt, macht krank“), zusehends verlässt und durch moderne Leiblichkeitskonzepte ersetzt, die auf den Menschen als lebendiges Ganzes fokussieren.

Der kranke Mensch wird heute nicht mehr als aus körperlichen, psychischen und sozialen Anteilen zusammengesetzt angesehen; Krankheit, unabhängig davon, ob sie sich nun vorzugsweise in körperlichen bzw. psychischen Phänomenen äußert, ist, wie es Heinrich Schipperges in seinen Studien zur Geschichte des Leibes ausdrückte, nicht mehr als Defekt an einem körperlichen und/oder psychischen Mechanismus, sondern als Antwort eines lebendigen Systems auf die vielfältigen Herausforderungen der Lebenswelt aufzufassen. Demgemäß werden auch als Erweiterung der herkömmlichen kategorialen Diagnostik mehrdimensionale differenzialdiagnostische Vorgehensweisen vonnöten sein, die es erlauben, im Rahmen einer mehrdimensionalen Behandlung nicht nur die Krankheit selbst, sondern den ganzen Menschen, mit all seinen Defekten und Defizienzen, aber auch mit all seinen Ressourcen und Möglichkeiten im Blickfeld zu haben. Es gilt, wie schon von Viktor von Weizsäcker gefordert, eine „vom Menschen zum Menschen gerichtete Medizin“ zu schaffen, die sich „die Ermöglichung der Bestimmung des Menschen“ zum wesentlichen Therapieziel macht. Oder wie es Karl Jaspers bereits in seiner Allgemeinen Psychopathologie hervorhob: „Unser Thema (in der Psychiatrie) ist der ganze Mensch in seinem Kranksein, soweit es seelisches … Kranksein ist … Unser Thema ist der Mensch … Die Seele ist kein Ding, sondern das Sein in der Welt … Die Seele ist kein endgültiger Zustand, sondern ein Werden, Entfaltung, Entwicklung …).“

Kultur und Kunst gegen Zivilisation

Diese hier angesprochene „seelische Gesundheit“ im Sinne des Menschseins war Erwin Ringel immer ein besonderes Anliegen, was sich nicht zuletzt in seiner klinischen Arbeit als Psychotherapeut und Tiefenpsychologe niederschlug, aber auch in seinem Kampf für ein allgemein verbindliches Psychotherapiegesetz sichtbar wurde. Ein solches Gesetz war für ihn der Garant sowohl für eine bessere Zugänglichkeit des Einzelnen zur Psychotherapie sowie auch für eine ausreichend hohe Qualität in der angebotenen Psychotherapie. Einen wesentlichen Schlüssel zur seelischen Gesundheit sah er vor allem auch in der Kultur. In einem Artikel mit dem Titel „Mit dem Herzen gedacht, mit dem Geist gefühlt“ fragt er am Beginn: „Sollen wir, wie viele meinen, uns bemühen, immer zivilisierter zu werden?“, um darauf ebenso markant wie durchaus auch provokant zu antworten: „Man kann nicht genug davor warnen …“ Zivilisation, so argumentiert er, beruht nämlich „auf Bewusstseinsverengung, das heißt auf Verdrängung unserer Gefühle, und mündet immer mehr in Technik und Versachlichung“, währenddessen Kultur bewusstseinserweiternd wirkt, „indem sie die vielen Gefühle, die wir haben und die wir so stiefmütterlich durch Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen und mit Verdrängung behandeln, wieder uns zur Kenntnis bringt und damit neue Einsichten bewirkt“.

Damit erhebt sich die Frage: Wie können wir Zivilisation in Kultur verwandeln? Ringels Antwort dazu ist eindeutig: „Es ist die Kunst, die uns lehrt, mit dem Herzen zu denken und mit dem Geist zu fühlen und damit Kultur zu ermöglichen.“ Im Weiteren unterschied Erwin Ringel zwischen einer „zivilisatorischen Kunst“, das ist „… eine Kunst, die sich sorgfältig hütet, Gefühle hervorzurufen … Sie hat einen militärischen Zug, ist nur für Eliten gedacht, sie betreibt eine Selbstbefriedigung, indem sie ein Publikum anlockt, dem es eigentlich nur darum geht, gesehen zu werden und hämisch zu kritisieren“, und einer „kulturellen Kunst“, das ist „eine Kunst „… welche sich bemüht, in den Kunstbetrieb (ein schreckliches Wort) die Menschlichkeit einzuführen“. Die liebste Kultur- und Kunstgattung war ihm eindeutig die Oper. Unvergessen sind seine Vortragsauftritte als Analytiker und Volksbildner im Opernfach. Aber auch sein Buch „Unbewusst – höchste Lust“ gibt beredtes Zeugnis davon. Oper war für ihn nicht nur schöne Musik, gepaart mit interessanter Erzählung, sondern sie hält uns den Spiegel vor unser aller seelisches Leben – so auch der Untertitel des Buches: Oper als Spiegel des Lebens.

Was braucht dieösterreichische Seele?

Gerade dieses unser aller seelisches Leben, vor allem aber jenes der Österreicher war ihm ein ganz besonderes Anliegen. Seine Gedanken, Analysen und Schlussfolgerungen schrieb er in seinem wohl wichtigsten Buch „Die österreichische Seele“ nieder. In der heute so rasch um sich greifenden digitalen Ausdruckswelt könnte man dieses Werk als Österreichische Seele 1.0 bezeichnen. Nach seinem Tod war es seine Frau Angela Ringel, die sein Werk, nicht zuletzt auch in dem neu gegründeten Stiftungsfonds Erwin Ringel Institut, mit ihren Weggefährten weiterbearbeitete und weitertrug. Zusammengefasst finden sich diese Arbeiten in dem von ihr herausgegebenen Buch „Die verwundete Seele Österreichs. 20 Jahre nach Erwin Ringel“. Dieses Werk könnte man dann als Österreichische Seele 2.0 benennen. Im Mai 2014, zum 20. Todestag von Erwin Ringel, wurde vom Stiftungsfonds Erwin Ringel Institut ein Projekt mit dem Titel „Österreichische Seele 3.0“ aus der Taufe gehoben.

Aufgabe dieses Projekts war und ist es, die seelische Gesundheit nachhaltig zu fördern. Im Rahmen dieses Projekts wurde unter anderem vor einigen Jahren auch das Institut für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit an der Sigmund Freud Universität Wien geschaffen und vor nunmehr 2 Jahren auch eines in der Sigmund Freud Universität Berlin etabliert. Beide Institute sind multiprofessionelle Einrichtungen, in denen sich Vertreter aus verschiedenen Gebieten der Medizin, Psychologie, Psychotherapie, Philosophie, Kunst, analogen und digitalen Medien, Theologie, Rechtsprechung und Wirtschafts- bzw. Finanzwesen wissenschaftlich mit dem zentralen Thema der Sozialästhetik, der schönen und gelingenden Begegnung und Beziehungen beschäftigen. Hauptaufgabe dieser beiden suprafakultären Rektoratsinstitute ist dabei nicht nur die Forschung und Lehre, sondern vor allem auch die Wissensweitergabe an die breite Bevölkerung mittels einer entsprechenden Öffentlichkeitsarbeit. Es geht dabei vor allem darum, Verbesserungen der Beziehungen im Kleinen (Zweierbeziehungen, Gruppenbeziehungen, Arbeitsplatzbeziehungen etc.) sowie auch im Großen (in gesellschaftlichen, politischen, religiösen, kulturellen Beziehungen etc.) zu ermöglichen und damit zu einer Vermehrung von psychischem Gesundsein beizutragen. Es braucht nicht nur eine vom Menschen zum Menschen gerichtete Medizin, sondern auch eine vom Menschen zum Menschen gerichtete Umwelt und Mitwelt. Oder, um nochmals Erwin Ringel zu Wort kommen zu lassen: Es braucht mehr Liebe in dieser Welt – eine Welt ohne Nächstenliebe, ohne Liebe zum Mitmenschen ist keine lebenswerte Welt!

Eine solch große Aufgabe kann und darf keineswegs nur auf zwei Forschungs- und Lehrinstitute beschränkt bleiben, sondern es bedarf hier des Einsatzes von uns allen, um all das zu einem allgemeinen Anliegen werden zu lassen. In diesem Sinne wünsche ich im Gedenken an das pionierhafte Wirken Erwin Ringels mir und vor allem uns allen so viel Kraft, Elan und Engagement, wie es für die gemeinsame Umsetzung des Projekts „Österreichische Seele 3.0“ braucht.

Herzlichst Ihr

Michael Musalek

AutorIn: Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek

Foto: © feelimage / Matern


SP 02|2021

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek
Publikationsdatum: 2021-07-01