COVID-19 in urologischen Ordinationen

Impfskeptiker glauben nur, wissen aber nicht wirklich Bescheid, denn es fehlen die schlüssigen Beweise, wenn man genauer hinschaut. Vielfach stehen selbstzentriertes Unabhängigkeitsbestreben und vermeintliche Einschränkung der persönlichen Freiheit im Vordergrund. Groteskerweise sind es aber genau diese Grundrechte, die in unserer hedonistischen Überflussgesellschaft auch von Impfbefürwortern gepredigt werden. Aber die persönliche Freiheit hört immer dort auf, wo die Freiheit anderer oder die der ganzen Gesellschaft gefährdet wird. Die fortwährende Wandelbarkeit des Virus und dessen rasante Verbreitung stellt unsere Gesellschaft immer wieder vor neue Herausforderungen. Selbst die Wissenschafter, die sich intensiv mit der Materie befassen, stehen vor neuen Situationen und Fragestellungen, die zunächst genauer untersucht werden wollen. Das wiederum erregt erneut die Skepsis der Impfgegner, alles Bisherige sei Humbug und mit einer Täuschungsabsicht verbreitet worden. Nur eines steht fest, wenn dem auch noch so zahlreiche Impfdurchbrüche widersprechen sollten: Nur eine Durchimpfung der Menschen (weltweit) kann diese Pandemie eindämmen.

Spuren in den Ordinationen

In Ordinationen hat diese Pandemie ebenfalls ihre Spuren hinterlassen und wird das auch in Zukunft tun. Fachspezifische Daten zu Umsatzeinbußen fehlen zwar; lediglich bei den so genannten technischen Fächern (Radiologie, Labormedizin u. ä. m.) lässt sich eine knapp 10%ige Einkommenseinbuße feststellen, was angesichts des in diesen Fächern besonders hohen Geräte- und Personalaufwands schon erhebliche wirtschaftliche Probleme aufwerfen kann. Beeinträchtigt waren natürlich vor allem die Patienten, die aus Angst vor der Virusverbreitung Ambulanzen und Ordinationen gemieden haben, und sie meiden sie noch immer. Dadurch besteht die Gefahr der verzögerten Diagnostik und Therapie von Erkrankungen. Erste Zahlen aus der Brustkrebsvorsorge zeigen eine bedenkliche Entwicklung in diesem Zusammenhang, und es steht zu befürchten, dass die Zahl der fortgeschrittenen Mammakarzinome in den nächsten Jahren dramatisch zunehmen wird. Hinsichtlich der Auswirkungen von COVID-19 auf die Nierenfunktion haben neuere Daten gezeigt, dass die Entwicklung eines akuten Nierenversagens während einer COVID-19-Erkrankung deutlich häufiger ist und diese vielfach in eine chronische Nierenfunktionseinschränkung übergehen kann. Aus diesem Grund sollten COVID-19-Patienten mit Nierenbeteiligung regelmäßig auf ihre Nierenfunktion kontrolliert werden.

Maßnahmen in den Ordinationen

In den Ordinationen wurden durch die Pandemie zahlreiche Auflagen und Maßnahmen notwendig. Diese reichen von der 3G-Regel für Mitarbeiter und Patienten bis zu diversen Hygienevorschriften wie alkoholische Hände- und Oberflächendesinfektion, regelmäßige Raumbelüftung und eine FFP2-Maskenpflicht. Die Einhaltung von Abstandsregeln macht auch eine großzügigere Terminplanung erforderlich. Diese Maßnahmen werden uns wohl noch in mittelbarer Zukunft begleiten.

Urologische Abteilungen als COVID-Stationen

In den Spitälern wurden viele urologische Abteilungen in COVID-Stationen umgewandelt. Allein diese Einschränkung hat zu Verschiebungen von Operationen und Therapien geführt, ein Umstand, der wohl noch längere Zeit nachwirken wird. Besonders gelitten hat dabei die Ausbildung angehender Fachärzte, die nicht mehr in adäquatem Ausmaß Standardeingriffe erlernen konnten. Hier werden wir zukünftig umfassende und intensive Bemühungen benötigen, um dieses Defizit ausgleichen zu können.

Umfrage unter bvU-Mitgliedern

Im Jahr 2020 gelang uns im bvU die Durchführung unserer sehr erfolgreichen Sommertagung, die wegen erneut steigender Infektionszahlen heuer leider ausfallen musste. Eine jüngst unter den bvU-Mitgliedern durchgeführte Umfrage zu den Auswirkungen von Corona auf die Patientenversorgung hat ziemlich deutliche Ergebnisse hervorgebracht. Mehr als die Hälfte der Befragten hat sich an der Umfrage beteiligt.
Insbesondere die Fragen, ob es zu pandemiebedingten Einschränkungen des Ordinations­alltags mit Reduktion der Patientenfrequenz, zur Verschiebung von Routine­eingriffen und zu erschwerten Bedin­gungen für die Zuweisung von Patienten an urologi­sche Abteilungen kam, wurden mit 75–90%iger Zustimmung beantwortet. (Abb.) Lediglich der Frage, ob auch onkologische Eingriffe verschoben werden mussten, stimmten nur 42% der Teilnehmenden zu. Praktisch alle Kollegen hatten sich jedoch eindeutig dafür ausgesprochen, die Menschen in Österreich zur Impfung aufzurufen, um zukünftig diese doch erheblichen Einschränkungen der urologischen Patientenversorgung am Stand des Wissens zu vermeiden.

 

 

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass COVID-19 unsere Welt verändert hat. Wir werden lernen müssen, mit neuen Realitäten und Routinemaßnahmen zu leben und umzugehen. Wir sind angehalten, COVID-19-Patienten mit Nierenbeteiligung engmaschig zu kontrollieren. Wir werden große Anstrengungen unternehmen müssen, um das Ausbildungsdefizit bei angehenden Fachärzten auszugleichen, und wir sollten die ärztliche Ethik wieder stärker in den Vordergrund stellen. Gerade in der Zeit der Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig das zur Vertrauensbildung zu unseren Patienten ist. Und diese Pandemie ist noch nicht zu Ende!

AutorIn: Dr. Karl Dorfinger

Präsident des bvU


SU 04|2021

Herausgeber: Dr. Karl Dorfinger, Prim. Dr. Wolfgang Loidl
Publikationsdatum: 2021-12-15