Der Ärztemangel wird kritisch

Seit etwa zehn Jahren warnt die österreichische Ärzteschaft: Es fehlt an Nachwuchs für die Sicherstellung der medizinischen Versorgung in Österreich. Bisher hat noch keiner der Verantwortlichen entsprechend reagiert. „Der Ärztemangel wird zunehmend kritisch. Wir brauchen ein ganzes Bündel an Schritten, um gegenzusteuern. Speziell unter dem Aspekt, dass alle Gegenmaßnahmen erst mittel- und langfristig einen Effekt zeigen können, weil die Ausbildungszyklen in der Medizin lang sind“, betonte Dr. Lothar Fiedler.

Insgesamt waren mit Ende 2020 in Österreich 47.674 Ärzte in den Standeslisten verzeichnet: 23.109 Ärztinnen und 24.565 Ärzte. Davon waren 7.979 Turnusärzte (4.334 Ärztinnen und 3.645 Ärzte), 13.138 Allgemeinmediziner (7.930 Ärztinnen und 5.208 Ärzte) sowie 26.415 Fachärzte (10.768 Ärztinnen, 15.647 Ärzte). „Das zeigt bereits einen wesentlichen Trend: Der Arztberuf wird in Zukunft noch ‚weiblicher‘ werden“, erklärte der Bundesfachgruppenobmann Innere Medizin in der Österreichischen Ärztekammer.

Zwar liegt Österreich im Vergleich der OECD mit 5,34 Ärztinnen und Ärzten pro 1.000 Einwohner nach Griechenland (6,1/1.000) an zweiter Stelle (z. B. Deutschland: 4,31/1.000), doch die Daten sind international wegen der unterschiedlichen Zählweisen nur schwer zu vergleichen. Bereinigt man die Ärztedichte innerhalb dieses Vergleichs um die gröbsten Faktoren, kommt Österreich auf 4,44 Ärzte pro 1.000 Einwohner.

„Doch nicht auf die reine Statistik kommt es an. Die Versorgungssicherheit muss gegeben sein. Immerhin sind in der österreichischen Statistik zum Beispiel allein unter den 13.138 Allgemeinmedizinern bereits 1.343 Wohnsitzärzte verzeichnet, von den 26.415 Fach­ärzten sind es 1.038 Wohnsitzärzte“, sagte Dr. Fiedler.

Alterspyramide

Das führt auch gleich zur Alterspyramide der österreichischen Ärzteschaft. „1995 lag der Anteil der über 55-Jährigen in der Ärzteschaft bei 15,7 %. 61 % waren im Alter zwischen 35 und 55 Jahren, 23,3 % unter 35. Im vergangenen Jahr betrug der Anteil der über 55-Jährigen bereits 32,2 %, 48,5 % entfielen auf die Altersgruppe zwischen 35 und 55 Jahren, 19,3 % auf die unter 35-Jährigen“, stellte der Bundesfachgruppenobmann die Daten im Detail dar. Die aktuelle altersmäßige Zusammensetzung der österreichischen Ärzteschaft ähnelt jener Anfang der 1970er-Jahre, allerdings stieg danach der Anteil der unter 35-Jährigen stark an.

„Bei den Ärzten liegt derzeit der größte ‚Altersgipfel‘ in der Alterspyramide bei den etwa 60-Jährigen (zweithöchste Zahl etwa um 45 Jahre; Anm.). Bei den Ärztinnen sind es die etwa 45-Jährigen mit einem zweiten Gipfel ebenfalls um die 60“, sagte Dr. Fiedler.

Ärztinnen gehen früher in Pension als Ärzte. Damit rücken in den kommenden Jahren die großen Pensionierungswellen beider Geschlechter zusammen. „Das kann die Situation noch verschärfen“, betonte der Fachgruppenobmann. „Zusätzlich müssen und wollen viele nachkommende Ärztinnen und Ärzte Familie und Beruf besser vereinbaren. Gleichzeitig hat sich die Einstellung der Gesellschaft zu den Arbeitszeiten und -modalitäten insgesamt geändert. Die Gesundheitspolitik sollte deshalb nicht die Ärztezahlen an sich, sondern die Vollzeitäquivalente in der Versorgung im Spital und im niedergelassenen Bereich berücksichtigen. Sonst zieht man einfach falsche Schlüsse“, erklärte der Fachgruppenobmann.

Nachwuchsbedarf ungedeckt

Und der Nachwuchs? 2020 gab es insgesamt 1.479 ersteingetragene Turnusärzte. Davon waren 997 Inländer. Der Anteil der Inländer an den Ersteintragungen bei den Turnusärzten lag 2006 bei 95 %, um dann bis 2016 kontinuierlich – auf damals 65 % – zu sinken. 2020 waren es 67 %. „Der jährliche Nachwuchsbedarf an Ärzten liegt in Österreich bei um die 1.500. An diese Zahlen kommen wir seit Jahren nicht heran, wenn man die Abwanderung ins Ausland berücksichtigt“, sagte Dr. Fiedler.

Statt anhaltend wegzuschauen, sollte die österreichische Politik endlich handeln: durch Sicherstellung von genügend Medizin-Absolventen, durch genügend Ausbildungsstellen und durch berufliche Rahmenbedingungen – intra- und extramural –, die den Arztberuf attraktiver machen. „Sonst beginnt bald das ganze System zu schwanken“, sagte der Bundesfachgruppenobmann abschließend.