Editorial 9/21

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

im aktuellen FOCUS widmen wir uns einigen ausgewählten gastroenterologischen und hepatologischen Krankheitsbildern, bei denen neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Genetik wichtige diagnostische, prognostische und therapeutische Implikationen haben. Obwohl monogenetische Erkrankungen in ihrer Gesamtheit nur einen kleinen Teil im gastroenterologischen und hepatologischen Krankheitsspektrum einnehmen, haben diese oftmals Modellcharakter für das Verständnis anderer Erkrankungen – so können sich neue Erkenntnisse positiv auf die Prävention, Diagnostik und Therapie auswirken und im Einzelfall für das Schicksal der Betroffenen entscheidend sein. Auch bei multifaktoriellen, erworbenen Erkrankungen wie der nichtalkoholischen Fettlebererkrankung (NAFLD) spielen genetische Faktoren in der Pathogenese und Erkrankungsprogression eine wichtige Rolle.

Die Prävalenz der NAFLD hat in den letzten Jahren signifikant zugenommen. Aus hepatologischer Sicht ist eine adäquate Risikostratifizierung notwendig, um frühzeitig zu erkennen, welcher Patient ein erhöhtes Risiko für eine progressive Erkrankung hat. Neben invasiven und nichtinvasiven Markern gibt es vermehrt Daten zu genetischen Modifikatoren, die mit einem, vor allem hepatologisch, komplexeren Verlauf assoziiert sind. Verschiedene Sequenzvariationen im PNPLA3-, TM6SF2-, MBOAT7-, GCKR- und HSD17B13-Gen sind in mehreren Studien mit der Schwere der Lebererkrankung bzw. Prognose assoziiert worden. Für die breite Basis der NAFLD-Patienten sollte allerdings aktuell primär „nur“ PNPLA3 als genetischer Risikomarker herangezogen werden, da dieser bis dato am besten untersucht und validiert ist. Porphyrien sind seltene Störungen der Hämbiosynthese. Die Gruppe der akuten hepatischen Porphyrien (AHP) umfasst 4 Krankheiten: akute intermittierende Porphyrie (am häufigsten), Porphyria variegata, hereditäre Koproporphyrie, Delta-Aminolävulinsäure-Dehydratase-Mangel (extrem selten). Neben laborbiochemischen Methoden spielt auch die Genetik eine wichtige Rolle in der Diagnostik. Während die bisherige Standardtherapie vorrangig auf der Gabe von Hämin zur Hemmung der Delta-Aminolävulinatsynthase-Aktivität bei akuten Attacken beruhte, besteht nun mittels monatlicher Gabe eines RNA-Interferenz-Therapeutikums (Givosiran) neue Optionen für die Dauertherapie.

Genetische Cholestasesyndrome und die zugrunde liegenden Transportermutationen spielen eine immer größere Rolle und umfassen ein breites Erkrankungsspektrum, welches vom Säuglingsalter bis in das Erwachsenenalter reicht. Den Erkrankungen im Kindesalter liegen häufig schwere Gendefekte wie homozygote oder compound-heterozygote Mutationen zugrunde, während im Erwachsenenalter oft ein abgeschwächter Gendefekt oder gar nur eine allelische Variante vorliegt, die unter bestimmten Bedingungen zu einem klinischen Problem führen können. Beispielhaft seien hier ABCB4-Varianten genannt, welche mit einer gestörten Phospholipidsekretion in die Galle einhergehen und auch im Erwachsenenalter mit Gallensteinleiden, Leberzirrhose und hepatobiliären Karzinomen assoziiert sein können. Patienten mit bereits extensiv abgeklärter, aber weiterhin unklarer intrahepatischer Cholestase sollten daher einer genetischen Testung unterzogen werden. Weiters profitieren möglicherweise Patienten mit kryptogener Leberzirrhose, insbesondere bei erhöhter GGT ohne Hinweise auf eine Fettlebererkrankung, sowie Personen mit rezidivierenden Gallensteinen von einer genetischen Untersuchung auf spezifische Transportervarianten.

Ich hoffe, Ihre Neugierde ist geweckt, und wünsche Ihnen eine interessante Lektüre!

 

AutorIn: Univ.-Prof. Dr. Michael Trauner

Universitätsklinik für Innere Medizin III, Wien


UIM 09|2021

Herausgeber: o. Univ.-Prof. Dr. Günter J. Krejs
Publikationsdatum: 2021-11-26