Nächtliche Hypertonie birgt höchstes Risiko

Kommentar: Dr. von Lewinski

Das Hygia-Projekt setzt die spannenden Untersuchungen der MAPEC-Studie fort. Die spanische Arbeitsgruppe konnte bereits 2010 in einer monozentrischen Studie eindrucksvolle Daten zur Relevanz des zirkadianen Blutdruckprofils zeigen. Diese Daten ließen sich nun in einem großen und multizentrischen Design bestätigen und präzisieren.
Aus meiner Sicht sind zwei Punkte von besonderem Interesse. Erstens zeigen die Daten klar auf, dass der nächtliche Bluthochdruck besonders gefährlich ist. Glücklicherweise scheint aber auch die Beeinflussung des nächtlichen Blutdrucks mit einer stärker ausgeprägten Risikoreduktion belohnt zu werden. Dies unterstreicht die Relevanz von 24-h-Blutdruckmessungen. In Ländern wie England ist dies bereits grundlegend, um die Diagnose arterielle Hypertonie überhaupt stellen zu können.
Zweitens bestätigt die Studie aber auch ein weiteres wichtiges Ergebnis der MAPEC-Studie, nämlich den therapeutischen Erfolg einer gezielten nächtlichen Blutdrucksenkung. Es besteht also nicht nur eine Assoziation zwischen nächtlichem Bluthochdruck und der Inzidenz kardiovaskulärer Ereignisse, sondern eine direkte Kausalität. Und diese ist unseren üblichen medikamentösen Ansätzen zugänglich. Allein durch die Gabe eines Teils der antihypertensiven Medikation am Abend konnte die kardiovaskuläre Ereignisrate also nahezu halbiert werden. Man stelle sich den Theaterdonner vor, der ertönen würde, wenn eine neue antihypertensiv wirkende Substanz in einer so großen Studie einen so klaren Erfolg zeigen würde. Heerscharen von Außendienstmitarbeitern würden uns das stolz präsentieren, und der Hauptverband würde einer raschen Verfügbarkeit wohl kaum im Wege stehen können. Bei den hier präsentierten Ergebnissen ist all dies gar nicht notwendig. Wir können ohne ein zusätzliches Medikament, ohne zusätzliche Interaktionen und ohne zusätzliche Kosten einen erheblichen klinischen Mehrwert erzielen. Wann war es zuletzt für uns und die Patienten so einfach, eine relevante Therapieverbesserung umzusetzen?
Aus meiner Sicht sollte spätestens jetzt jeder Patient mit medikamentöser Hypertonietherapie eine 24-h-Blutdruckmessung bekommen, um den nächtlichen Blutdruck klar zu dokumentieren. Bei erhöhten Werten wird man sich von nun an rechtfertigen müssen, wenn man seinen Patienten dann nicht zumindest ein antihypertensives Medikament zur abendlichen Einnahme empfiehlt.

AutorIn: Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Dirk von Lewinski

Klinische Abteilung für Kardiologie, Universitätsklinik für Innere Medizin,Medizinische Universität Graz

Foto: (c) Sissi Furgler Graz


UIM 04|2019

Herausgeber: o. Univ.-Prof. Dr. Günter J. Krejs
Publikationsdatum: 2019-05-27