Kontroversen in Palliative Care

Unter diesem Motto stand der 6. Interdisziplinäre Österreichische Palliativkongress von 27. bis 29. April in Bregenz. Die Österreichische Palliativgesellschaft (OPG) veranstaltete ihren Kongress heuer erstmals in Kooperation mit Palliative Ostschweiz und den DGP-Landesvertretungen Baden-Württemberg und Bayern. Mehr als 1.000 Teilnehmer kamen, um sich über aktuelle Trends der Palliativmedizin auszutauschen und über Kontroversen zu diskutieren.

Palliative Sedierung

Der Anästhesist und Palliativmediziner Dietmar Weixler stellte die aktuelle Nationale Leitlinie zur palliativen Sedierungstherapie (PST) vor: Eine Untersuchung der AUPACS-Study-Group (Schur S et al. 2016) hatte im Rahmen einer retrospektiven Untersuchung mit mehr als 2.400 Patienten gezeigt, dass die Prävalenz der palliativen Sedierungstherapie am Lebensende 21 % (0–54 %) beträgt, wobei sowohl die Häufigkeit als auch die Indikationsstellung und Art der Anwendung eine große Streubreite aufwiesen.
Mit der Nationalen Leitlinie „Palliative Sedierungstherapie“ wird erstmals in Österreich ein Instrument zu diesem Thema vorgelegt, das mit einem breiten multiprofessionellen Konsensprozess im Auftrag der OPG auf Empfehlung der österreichischen Bioethikkommission hin entwickelt wurde. Die mit medikamentösen Mitteln herbeigeführte Bewusstseinsdämpfung am Lebensende wird bei ansonsten nicht zu kontrollierenden belastenden Krankheitssymptomen angewandt und wird als legale und ethisch akzeptable Alternative zu lebensverkürzenden Praktiken wie Tötung auf Verlangen oder ärztlich assistiertem Suizid betrachtet, welche in Österreich verboten sind und von der OPG auch abgelehnt werden.

Mobiler Ultraschall

Eine wesentliche Frage bei fortgeschritten erkrankten Patienten ist immer wieder auch das Herausfinden des „richtigen“ Maßes an therapeutischen Interventionen. Dieser Frage ging das Mobile Palliativteam Vorarlberg nach: Evaluiert wurde der Einsatz tragbarer Ultraschallgeräte bei insgesamt 110 Patienten. Hauptindikationen für eine Ultraschalluntersuchung waren Atemnot (n = 53) und Schmerz (n = 35). Bei 45 Patienten wurde ein Pleuraerguss und bei 61 Patienten Aszites festgestellt. Als therapeutische Konsequenz wurden 29 Pleura- und 34 Aszitespunktionen durchgeführt, wobei es zu keinen schwerwiegenden Komplikationen kam. Die ultraschallgezielte Punktion zu Hause kann somit als sichere und sinnvolle therapeutische Anwendung gesehen werden, die in 68 Fällen eine stationäre Aufnahme verhindern konnte.

Palliative Care bei COPD

„Palliativmedizinische Versorgung von COPD-PatientInnen“ lautete der Vortrag von Prof. Claudia Bausewein, Direktorin der Klinik für Palliativmedizin am Klinikum der Universität München. Patienten mit fortgeschrittenen chronischen Lungenerkrankungen, wie z. B. COPD, haben eine ähnlich hohe Symptombelastung und ebensolche Palliativbedürfnisse wie Patienten mit fortgeschrittener Tumorerkrankung – allerdings früher im Krankheitsverlauf und damit deutlich länger als Tumorpatienten. Atemnot ist das Hauptsymptom, aber auch die psychosoziale Belastung dieser Patienten und Angehörigen ist hoch. Fragen der vorausschauenden Versorgungsplanung bekommen eine besondere Bedeutung wegen wiederkehrender Exazerbationen bis zur Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Therapie. Palliativmedizinische Unterstützung sollte deshalb frühzeitig angeboten werden. Vorgestellt wurde auch das Modell der Atemnot-Ambulanz in München.

Advance Care Planning

Vorausschauende Planung spielt nicht nur bei COPD-Patienten eine große Rolle. Elisabeth Medicus, Leiterin der Hospiz-Palliativstation Innsbruck, organisierte und leitete eine Sitzung zum Thema „Advance Care Planning – Kann alles geregelt werden?“.
Die Feststellung von Hippokrates „Die Kunst ist groß, die Entscheidung schwierig, der günstige Augenblick flüchtig“ trifft in besonderer Weise für „Advance Care Planning“ zu. Dieses Konzept, das in vielen Ländern in den vergangenen Jahren entwickelt wurde, beinhaltet Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Krisenplanung und findet in Österreich unter anderem im sogenannten Vorsorgedialog Anwendung. Mit Vorabverfügungen lassen sich die Probleme von Übertherapie und unangemessenen medizinischen Behandlungen zwar nicht lösen, aber in manchen Bereichen deutlich mildern. Die letzte Lebensphase lässt sich anders gestalten, wenn vorab Gespräche darüber fachgerecht geführt werden.

Telemedizin

Unter dem Titel „Telemedizin in Palliative Care – Chance oder zu viel medizinischer Lärm?“ widmete sich Prof. Stefan Lorenzl von der PMU Salzburg dem Einsatz Neuer Medien in der Palliativbetreuung.
Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen werden derzeit aufgrund des fehlenden Wissens um die speziellen Bedürfnisse dieser Patienten in den mobilen Palliative-Care-Teams in nur geringer Anzahl betreut. Die telemedizinische Anbindung an ein Kompetenzzentrum mit neuropalliativer Expertise soll dazu beitragen, dass zum einen die Betreuung dieser Patienten verbessert und zum anderen auch die Anzahl der betreuten Patienten gesteigert wird. Dazu werden mobile Videoeinheiten an die SAPV-Teams in Bayern verteilt. Diese Einheiten werden bei Bedarf beim Patientenbesuch mitgeführt. Über eine telemedizinische Verbindung wird der Kontakt zur zentralen Evaluationseinheit im Krankenhaus Agatharied hergestellt. Dort wird eine 24-Stunden-Bereitschaft etabliert, die es ermöglicht, eingehende Anfragen zur Versorgung von Patienten mit neurodegenerativen Erkrankung fachkompetent unmittelbar ohne zeitliche Verzögerung zu beantworten.

Ehrenamt

Als bewusstes Zeichen der in Palliative Care so wichtigen Einbindung von ehrenamtlich tätigen MitarbeiterInnen wurden in den Kongress ein Symposium für Ehrenamtliche, „Ehrenamtlich engagiert in Hospiz und Palliative Care – eine europäische Perspektive“, sowie ein öffentlicher Diskussionsabend mit dem Titel „Sterbebegleitung statt Sterbehilfe“ integriert.
Mit Goethes Worten „Das Gleiche lässt uns in Ruhe, aber der Widerspruch macht uns produktiv“ kann man die Auswirkungen und die Wichtigkeit des grenzüberschreitenden Dialogs im Rahmen des 6. Interdisziplinären Österreichischen Palliativkongresses gut beschreiben.