„Über den Tellerrand hinausblicken“

Neuer klinischer Lehrstuhl für Innere Medizin an der Medizinischen Fakultät der JKU
UNIVERSUM INNERE MEDIZIN: Sie leiten seit November 2020 die Universitätsklinik für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Gastroenterologie/Hepatologie am Kepler Universitätsklinikum. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Prof. Moschen: Ich selbst bin zwar Gastroenterologe und Hepatologe und als solcher nach Linz berufen, jedoch habe ich die Leitung einer Abteilung übernommen, die ein breites Spektrum der Inneren Medizin abdeckt. Die Universitätsklinik für Innere Medizin (besser bekannt als Interne 2) vertritt vier Sonderfächer der Inneren Medizin: Gastroenterologie und Hepatologie, Endokrinologie und Stoffwechsel, Nephrologie und Rheumatologie. Sozusagen ein Herzstück der Abteilung ist unser interdisziplinäres Endoskopiezentrum, das wir gemeinsam mit der Chirurgie betreiben. Jedes dieser Sonderfächer hat eine etablierte Rolle am Standort – mit meiner Berufung und der Übernahme der Abteilung möchte ich nicht nur meinen eigenen Schwerpunkt fördern und stärken, sondern auch die anderen drei internistischen Spezialgebiete.

Hochwertige Patientenversorgung benötigt medizinischen Fortschritt und wissenschaftlich versierte Ärzte. Die Abteilung mit ihren vier Schwerpunkten bietet die Möglichkeit, vor allem den Nachwuchs internistisch breit auszubilden. Die Trias von Versorgung, Forschung und Lehre ist für mich eine Selbstverständlichkeit, denn das macht universitäre Medizin aus. Ich freue mich daher sowohl auf meine klinische Arbeit am KUK als auch auf meine wissenschaftliche Tätigkeit und meine Aufgabe als Universitätslehrer. Ich habe das Glück, ein motiviertes junges Team übernommen zu haben, und ich habe keinen Zweifel daran, dass wir in den nächsten Jahren gemeinsam viel Fortschritt generieren werden.

Von der Forschung zur Lehre: Was ist Ihnen im Bereich der ärztlichen Ausbildung wichtig? Welche Rolle schreiben Sie sich in der Nachwuchsförderung zu?

An einer Universität hat man immer die Aufgabe, den akademischen Nachwuchs vom Studium bis zum Facharzt aufzubauen. Die medizinische Fakultät an der JKU befindet sich derzeit noch im Ausbau. Das Curriculum an unserer medizinischen Fakultät legt einen besonderen Wert auf die Lehre in Kleingruppen. Durch die Interdisziplinarität des Curriculums wird ein sehr lehr- und lernförderndes Klima gefördert, wobei der Abschluss der laufenden baulichen Maßnahmen dieses noch weiter verbessern wird. Die frühe Förderung und Ausbildung von Talenten sehe ich als die beste und nachhaltigste Investition in die universitäre Zukunft. Mein Anspruch ist es, meinen Studenten nicht nur einen State-of-the-Art-Einblick in die Medizin des Verdauungstraktes zu vermitteln, sondern auch die Freude an der Medizin vorzuleben und mein Wissen sowie meine Erfahrung weiterzugeben. Ein attraktives Zusatzlehrangebot soll sicherstellen, die „hellsten Köpfe“ unter den Studierenden zu identifizieren und in mein Forschungsteam einzubinden.

Als Leiter einer klinischen Abteilung bin ich neben der universitären Lehre aber auch für die bestmögliche Ausbildung meiner Assistenzärzte verantwortlich. Die Entwicklung einer fairen, transparenten und strukturierten Facharztausbildung ist mir ein besonderes Anliegen, um die Attraktivität des Standortes Linz als universitäres Zentrum sicherzustellen. Mit der Transformation eines Landeskrankenhauses hin zu einer Universitätsklinik haben die Kollegen viele Aufgaben in der Ausbildung des medizinischen Nachwuchses übernommen. Ich sehe dies als Win-win-Situation, denn dadurch, dass man sein Wissen ständig auf dem neuesten Stand halten muss, um es an den Nachwuchs weiterzugeben, schärft man die eigenen klinischen Fertigkeiten. Philosophisch ausgedrückt könnte man das vielleicht so formulieren: Der Lehrende lernt durch die Lehre oftmals mehr als die Lernenden.

Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Gastroenterologie. In welchen Bereichen möchten Sie in diesem Spezialgebiet in Linz verstärkt Aktivitäten setzen?

Mein Spezialgebiet innerhalb der Gastroenterologie ist die Entzündungsbiologie des Gas­trointestinaltrakts. Mein Team und ich erforschen jene Mechanismen, die – auf der Grundlage einer genetischen Prädisposition – unter Einwirkung von Faktoren aus Umwelt und Mikrobiom zur Entstehung von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) führen. Meine Vision von der Entzündungsmedizin ist es, dass Erkrankungen künftig nicht mehr rein aufgrund der anatomischen Zuordnung behandelt werden, sondern zunehmend auf der Grundlage der individuellen Biologie. Ich habe die laufenden Grundlagenprojekte meines Christian Doppler Labors für Mukosale Immunologie an die JKU transferiert. In den letzten Jahren haben mein Team und ich große Fortschritte auf dem Gebiet der Mikrobiomforschung erzielt, und ich freue mich darauf, diesen Bereich weiter auszubauen. Als Kliniker ist mir auch die klinisch-translationale Grundlagenforschung und die Versorgungsforschung ein Anliegen. Meine Vision ist die Etablierung eines „Kompetenzzentrums für Entzündungsmedizin“. Den besonderen Vorteil sehe ich hierbei darin, dass die Gastroenterologie und die Rheumatologie an einer Abteilung liegen und auch die Zusammenarbeit mit der Dermatologie und Ophthalmologie an der KUK exzellent funktioniert. Durch diese Interdisziplinarität soll künftig eine bessere Versorgung für die Patienten sichergestellt werden. Hierfür ist mir die gute Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kollegen im Sinne der gegenseitigen Wertschätzung und des unkomplizierten und raschen Zugangs von Patienten in meine Abteilung ein großes Anliegen.

Wo liegen Ihre persönlichen Forschungsinteressen? Auf welche Ihrer wissenschaftlichen Leistungen sind Sie besonders stolz?

Von einem Arzt wird erwartet, dass er sein Fach beherrscht und „nach den Regeln der Kunst“ ausübt. Diese sind jedoch dynamisch und ändern sich mitunter rasch durch neue diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Es bleibt inhaltlich stets abwechslungsreich, die Medizin wird in vielen Bereichen immer besser. Nichtsdestotrotz behandeln wir Menschen, die mit allen Facetten ihrer Erkrankungen leben müssen. Die besondere Herausforderung – und vielleicht das Wichtigste am Arztberuf – ist in meinen Augen „die Heilkunst am individuellen Menschen“. Da jeder Mensch einzigartig ist, lernt man als Arzt niemals aus. Haben sich die unterschiedlichen Disziplinen der Medizin über längere Zeit auseinanderentwickelt, so zeichnet sich zuletzt doch wieder ein Trend des Zusammenwachsens ab. Die Gastroenterologie kann hier insofern eine besondere Stellung einnehmen, als dass wir immer besser verstehen – und darin liegt auch mein persönliches Forschungsinteresse – wie wesentlich die Achse Ernährung/Mikrobiota/Darmimmunsystem viele Aspekte der Physiologie und Pathologie weit über die Darmwand hinaus beeinflusst. Daraus ergeben sich laufend spannende Kooperationen über den medizinisch-klinischen Bereich hinaus. An der JKU gibt es große Expertise im technischen Bereich, wie auf dem Gebiet der Biochemie, Ultrastruktur und Bioinformatik. Diese Synergismen müssen genutzt werden, um neue Wege zu beschreiten, welche die Medizin weiter voranbringen, um letztlich – und darauf kommt es an – unseren Patienten zugutezukommen. Worauf ich stolz bin? Ich habe das Glück, dass ich über die letzten Jahre hinweg einige wirklich gute Talente fördern und begleiten durfte. Dieser medizinisch wissenschaftliche Nachwuchs – und davon bin ich überzeugt – wird für die akademische Medizin und für das Fachgebiet Gastroenterologie/Hepatologie einen wichtigen Beitrag leisten.

Welche sind in Ihren Augen wichtige Zukunftsthemen in der Medizin?

Was Zukunftsthemen der Medizin betrifft, so müssen diese aus meiner Sicht etwas differenziert betrachtet werden. Es gibt die Blickwinkel der Versorgung, der Lehre, der Forschung, und idealerweise greifen diese Interessen ineinander. Die Medizin von morgen wird sicher komplexer, keine Frage. Es scheint daher wichtig, neben der Entwicklung neuer Therapien vermehrt Konzepte Richtung frühzeitiger Prävention voranzutreiben. Wie bereits erwähnt, wird auch die Personalisierung der Medizin zunehmen. Ein herausforderndes Thema wird weiters die würde- und sinnvolle Therapie des alternden Menschen werden. Um all diese Zukunftsthemen gut zu meistern wird es wohl einen Schulterschluss vieler Akteure benötigen.

 


Univ.-Prof. Dr. Alexander Moschen, PhD wurde am 8. Dezember 1978 in Innsbruck geboren. Nach seinem Studium an der Medizinischen Universität Innsbruck spezialisierte er sich auf die Bereiche Gastroenterologie und Hepatologie, wo er an seiner Alma Mater forschte und lehrte. An der renommierten Cambridge University absolvierte er ein Senior Clinical Fellowship für Gastroenterologie und Endoskopie. Prof. Moschen ist verheiratet und Vater von drei Söhnen. Ausgleich und Entspannung findet der passionierte Bergsteiger beim Schwimmen, Klavierspielen und beim Laufen im Wald. An Linz gefällt dem Tiroler die Donau, die zentrale Lage innerhalb Österreichs, die Freundlichkeit der Oberösterreicher und das Kulturangebot – vor allem im Bereich der Musik.

Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Alexander Moschen, PhD

© FOTO: JKU


Redaktion: Dr. Melanie Spitzwieser

UIM 01|2021

Herausgeber: o. Univ.-Prof. Dr. Günter J. Krejs
Publikationsdatum: 2021-02-19