Und was bringt die Zukunft?

Besonders im Vergleich zur privaten Nutzung aktueller Unterhaltungstechnologie erscheinen derzeit viele Bereiche der Medizin technologisch nicht zeitgemäß. Dies wird deutlich, wenn im Jahr 2020 Fieberkurven, Dekurse und Konsile in teils nur begrenzt lesbarer Handschrift verfasst werden. Andererseits besteht gegenüber der zunehmenden Digitalisierung in der Medizin auch ein gewisses Maß an Skepsis. So können die meisten Mediziner Beispiele für eine suboptimale Implementierung digitaler Technologie nennen, welche statt der erhofften Arbeitserleichterung das Gegenteil bewirkt.

Digital Health

Die Digitalisierung der Medizin wird unter dem Begriff „Digital Health“ subsumiert. Diese wird als Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie zur Behandlung von Patienten sowie für Forschung, Fortbildung und Public Health definiert.
Von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (European Society of Cardiology, ESC) werden Teilbereiche vom e-Rezept bis hin zu Personalized Health mit implantierbarer Sensortechnologie eingegrenzt (Tab.).1, 2

 

 

Beispiele aus dem Alltag hierfür sind die in Österreich bereits implementierte elektronische Gesundheitsakte ELGA mit e-Medikation und e-Rezept, aber auch Wearables wie z. B. Pulsuhren, welche Patienten über detektiertes Vorhofflimmern informieren.3 Im Fall der Apple Watch ist eine 1-Kanal-EKG-Dokumentation durch den Anwender möglich. Genauso sind mobile Apps wie z. B. die „ESC Pocket Guidelines App“ bereits Bestandteil klinischer Routine. Auch für Patienten mit Vorhofflimmern wurde von der ESC die „My AF App“ entwickelt. Diese enthält Informationen über die Erkrankung und bietet die Möglichkeit, den eigenen Gesundheitszustand zu protokollieren und an die behandelnden Mediziner weiterzuleiten.

Künstliche Intelligenz: Ein Thema von zukünftiger Relevanz stellt die Nutzung von künstlicher Intelligenz in der Medizin dar. Diesbezüglich exemplarisch ist das Projekt „IBM Watson“ zu nennen, welches in Zusammenarbeit mit großen Gesundheitsinstitutionen (u. a. Mayo Clinic) entwickelt wird. Dieses befasst sich mit der Herausforderung von Big Data: Immer größere Datenmengen sind mittels bisher üblicher Methoden nicht mehr interpretierbar. IBM Watson soll mithilfe künstlicher Intelligenz Überblicke über komplexe Krankengeschichten verschaffen sowie auch Behandlungsentscheidungen, auf medizinischem Wissen basierend, erleichtern und dadurch Mediziner unterstützen und entlasten (Abb.).

 

 

In rezenten Forschungsergebnissen konnte der Einsatz künstlicher Intelligenz auch in Teilbereichen der kardialen Bildgebung gezeigt werden, beispielsweise zur Bestimmung der Linksventrikelfunktion anhand von Echokardiografie-Loops. Aktuell ist die diagnostische Genauigkeit mit jener von Experten zumindest vergleichbar. Mit einer raschen Weiterentwicklung in diesem Forschungsgebiet ist zu rechnen.4, 5 Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz stehen zukünftig jedoch nicht nur die Möglichkeiten der Verarbeitung großer Datenmengen, die Herstellung bisher unbekannter Zusammenhänge und selbstoptimierende, auch auf intuitiver Expertise basierende, von äußeren Umständen unbeeinflusste Algorithmen zur Verfügung, sondern auch neue ethische Überlegungen zur Diskussion. Diese reichen von der Gefahr des Missbrauchs über ein womöglich weitreichend verändertes medizinisches Berufsbild bis hin zu Roboterrechten.6–8

Zukunft aktiv mitgestalten

Zusammenfassend ist Digital Health nicht in der Zukunft anzusiedeln. Längst wird der medizinische Arbeitsalltag durch Digitalisierung geprägt. Essenziell erscheint es daher, die Zukunft der Medizin aktiv mitzugestalten. Im Vorjahr wurde diesbezüglich erstmals ein ESC Digital Summit in Tallinn abgehalten.
In der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft wurde 2020 von Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Diana Bonderman, ao. Univ.-Prof. DDr. Robert Gasser und Priv.-Doz. Dr. Deddo Mörtl die Digital Health Task Force gegründet. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, bereits existierende Projekte in Österreich systematisch zu erfassen, Forschung und Implementierung zukünftiger Projekte zu unterstützen, Qualitätsstandards zu definieren sowie aktiv Diskussionen um Problematiken von Digital Health zu führen.

AutorIn: Dr. Paul Madreiter

5. Medizinische Abteilung mit Kardiologie, Klinik Favoriten, Wien


AutorIn: Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Diana Bonderman
1 Cowie MR et al., Eur Heart J 2016; 37(1):63–6
2 Frederix I et al., Eur J Prev Cardiol 2019; 26(11):1166–77
3 Falter M et al., JMIR MHealth UHealth 2019; 7(3):e11889
4 Ouyang D et al., Nature 2020; 580(7802):252–6
5 Jiang F et al., Stroke Vasc Neurol 2017; 2(4):230–43
6 Al’Aref SJ et al., Eur Heart J 2019; 40(24):1975–86
7 Bonderman D, Wien Klin Wochenschr 2017; 129(23–24):866–8
8 Lotman EM et al., Cardiology 2020; 145(1):21–6

UIM 07|2020

Herausgeber: o. Univ.-Prof. Dr. Günter J. Krejs
Publikationsdatum: 2020-09-25