Evidenzbasiert behandeln, Alltag verbessern

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betrifft 5,9 % der Kinder und Jugendlichen sowie 2,5 % der Erwachsenen. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist die Prävalenz in den letzten Jahrzehnten in etwa gleich geblieben, die Krankheit wird aber heute aufgrund erhöhter ärztlicher Awareness mit größerer Wahrscheinlichkeit diagnostiziert.1

Einordnung und Diagnose

ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die durch Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität charakterisiert ist und funktionelle Beeinträchtigungen verursachen kann. Die Ätiologie ist multifaktoriell, wobei erbliche Faktoren die größte Rolle spielen. Die Symptomatik zeichnet sich durch eine hohe inter- und intraindividuelle Variabilität aus, mit Defiziten in mehreren kognitiven Bereichen. ADHS ist häufig mit psychiatrischen Komorbiditäten assoziiert.2

Für eine valide Diagnose ist qualifiziertes Fachpersonal mit Erfahrung in der differenzierten Beurteilung neuroentwicklungsbezogener Symptome unerlässlich. Rating-Skalen und strukturierte Fragebögen sind zwar wichtige Hilfsmittel, bieten aber allein keine ausreichende diagnostische Sicherheit. Werden mehrere Informationsquellen zur Diagnosestellung herangezogen, wie z. B. Eltern- und Lehrerberichte, Selbstauskünfte der Kinder sowie verschiedene klinische Befunde, erhöht sich die diagnostische Präzision.3 Für die Stellung der Diagnose sind laut DSM-5-TR und ICD-11 das Vorliegen von entwicklungsunangemessenen Ausprägungen hyperaktiv-impulsiver und/oder unaufmerksamer Symptome über mindestens 6 Monate erforderlich. Darüber hinaus treten die Symptome in verschiedenen Umgebungen auf (z. B. zuhause und in der Schule), führen zu Beeinträchtigungen im Alltag und lagen erstmals in der frühen bis mittleren Kindheit vor. Ein weiteres Diagnosekriterium ist schließlich, dass keine andere Störung die Symptomatik besser erklärt.1

Multimodale Therapie als Schlüssel

Europäische Leitlinienempfehlungen verfolgen einen individuellen, multimodalen Behandlungsansatz, der Psychoedukation, Pharmakotherapie und nichtmedikamentöse Maßnahmen kombiniert.3 Die Evidenzlage belegt die Wirksamkeit und insgesamt gute Verträglichkeit pharmakologischer Therapien, insbesondere von Stimulanzien wie Methylphenidat und Amphetaminen, die in kontrollierten Studien deutliche Effektstärken zeigen und die Kernsymptomatik von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität reduzieren können. Als therapeutische Alternativen stehen Nichtstimulanzien wie Atomoxetin, Guanfacin oder Clonidin zur Verfügung, die bei Unverträglichkeit, fehlendem Ansprechen oder relevanten Komorbiditäten zum Einsatz kommen.3, 4 Die medikamentöse Behandlung sollte stets in ein multimodales Gesamtkonzept eingebettet sein. Ergänzend sind verhaltenstherapeutische Interventionen, Eltern- und Lehrertrainings sowie psychosoziale Unterstützungsmaßnahmen essenziell, um funktionelle Verbesserungen im familiären, schulischen und sozialen Alltag zu erreichen.3