Kippt die Versorgung mit Standardmedikamenten?

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Bei einer Diskussion von Hausapotheken führenden Ärzt:innen suchten diese mit Pharmagroßhandel und Online-Apotheken neue Ansätze zur Versorgungssicherheit.

Die Diskussion um die Zukunft der Arzneimittelversorgung in Österreich zeigt ein Spannungsfeld, das seit der Corona-Pandemie deutlicher denn je sichtbar geworden ist: Einerseits wächst der politische Anspruch an Versorgungssicherheit und Krisenresilienz, andererseits fehlen nach Ansicht vieler Akteure die finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen, um diese Anforderungen nachhaltig erfüllen zu können. Vertreter:innen des pharmazeutischen Großhandels, der Hausapotheken, des Onlineversandhandels sowie des Medizinrechts zeichneten in einer Podiumsdiskussion ein Bild eines Systems, das zwar in der Pandemie seine Leistungsfähigkeit bewiesen hat, zugleich aber strukturelle Schwächen offenbart.

Besonders eindrücklich schilderte PHAGO-Vizepräsident Bernd Grabner, langjähriger Vertreter des Arzneimittelgroßhandels auf europäischer Ebene, die Herausforderungen während der Corona-Pandemie. Als die Republik Österreich Ende Dezember 2020 kurzfristig die Verteilung der COVID-19-Impfstoffe organisieren musste, stand der Großhandel vor einer logistischen Ausnahmesituation. Impfstoffe mit Lagerbedingungen von minus 70 Grad mussten kontrolliert aufgetaut, zwischengelagert und an bislang ungewohnte Zielorte wie Impfzentren geliefert werden. Zahlreiche Mitarbeiter:innen hätten damals Feiertage geopfert und rund um die Uhr gearbeitet, um die Versorgung sicherzustellen. Größere Unterbrechungen bei Arzneimitteln seien insgesamt ausgeblieben – allerdings nur dank enormer logistischer Anstrengungen.

Grabner verwies allerdings darauf, dass der wirtschaftliche Druck auf den Großhandel seither massiv zugenommen habe. Viele Arzneimittelpackungen würden innerhalb von zwölf Stunden zugestellt, obwohl der Rohdeckungsbeitrag pro Packung teilweise unter einem Euro liege. Besonders günstige Medikamente seien betriebswirtschaftlich kaum noch tragbar. Deshalb sei eine zusätzliche Gebühr für sehr billige Arzneimittel eingeführt worden – aktuell 13 Cent pro Packung. Die politische Diskussion darüber sei jedoch schwierig gewesen. Das Bewusstsein für die Bedeutung der Arzneimitteldistribution, das während der Pandemie kurzfristig vorhanden gewesen sei, sei inzwischen weitgehend verschwunden.

Das Problem ist, die Versorgung mit Standardmedikamenten zu unterschätzen. Während innovative Therapien für seltene Erkrankungen viel Aufmerksamkeit erhielten, liegt der volkswirtschaftlich weitaus größere Schaden in Engpässen bei breit eingesetzten Arzneimitteln wie Blutdrucksenkern, Diabetesmedikamenten oder Cholesterinsenkern. Gerade günstige Medikamente würden gesellschaftlich oft als selbstverständlich wahrgenommen und gerieten dadurch aus dem politischen Fokus. Hinzu komme die starke Abhängigkeit Europas von asiatischen Produktionsstandorten. Rund 70 bis 75 Prozent der Wirkstoffe im Generikabereich stammen laut Grabner aus Indien und China. Politische Krisen, Exportstopps oder Probleme in globalen Lieferketten könnten die Versorgung daher rasch beeinträchtigen. Zusätzlich seien auch Verpackungsmaterialien, Chemikalien und erdölbasierte Vorprodukte zunehmend knapp geworden.

Auf europäischer Ebene seien nach der Pandemie zahlreiche Initiativen gestartet worden. Die Reform der europäischen Humanarzneimittelrichtlinie sowie der sogenannte „Critical Medicines Act“ sollen unter anderem frühzeitigere Meldungen von Lieferengpässen, verpflichtende Notfallpläne der Hersteller und den Wiederaufbau europäischer Produktionskapazitäten fördern. Grabner sieht darin zwar wichtige Schritte, warnt jedoch vor mangelnder Koordination und regulatorischem Aktionismus. Theresa Holler, Apothekerin und COO von Redcare Pharmacy (Shop Apotheke), plädierte für ein „Miteinander“ von öffentlicher Apotheke, Hausapotheke und Online-Versandhandel. Ziel aller Beteiligten müsse eine patientenorientierte Versorgung sein. In Österreich ist der Versand rezeptpflichtiger Medikamente bislang nicht erlaubt; versendet werden dürfen derzeit nur rezeptfreie Arzneimittel. In Ländern wie Deutschland, den Niederlanden oder der Schweiz sei der Versand rezeptpflichtiger Medikamente hingegen etabliert. Holler sieht im österreichischen E-Rezept eine hervorragende Grundlage für alternative Versorgungsmodelle. Der Versandhandel könne insbesondere für immobile Patient:innen oder in ländlichen Regionen eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Einen Zusammenhang zwischen Onlinehandel und dem Apothekensterben in Deutschland sieht Holler nicht. Die Ursachen lägen vielmehr in wirtschaftlichem Druck, fehlendem Nachwuchs und dem Rückzug von Arztpraxen aus ländlichen Regionen. Der Marktanteil des Versandhandels im rezeptpflichtigen Bereich sei bislang gering.

Ein zentrales Thema der Diskussion war die Rolle ärztlicher Hausapotheken im ländlichen Raum. Silvester Hutgrabner, Referent für Hausapotheken der Österreichischen Ärztekammer, betonte die Bedeutung wohnortnaher Versorgung. Gerade nachts oder in entlegenen Regionen sei es ein entscheidender Unterschied, ob ein Arzt Medikamente unmittelbar mitführen und abgeben dürfe oder Patienten lange Wege zur nächsten diensthabenden Apotheke zurücklegen müssten. Zugleich kritisierte Hutgrabner zahlreiche rechtliche Regelungen als realitätsfern. Besonders problematisch sei, dass Hausapothekenkonzessionen ausschließlich an einzelne Ärzt:innen und nicht an Standorte oder Gruppenpraxen gebunden seien. In der Praxis führe das dazu, dass bei Krankheit, Vertretung oder in Primärversorgungseinheiten erhebliche Unsicherheiten entstehen.

Diese Problematik bestätigte auch die Medizinrechtlerin Martina Haag. Nach geltender Rechtslage dürften Medikamente grundsätzlich nur vom konzessionierten Arzt persönlich abgegeben werden. Vertreter:innen oder Kolleg:innen in Gruppenpraxen bewegten sich damit rechtlich in einer Grauzone. Gerade in Krisensituationen wie Epidemien könne dies die Versorgung massiv erschweren. Haag sprach sich für gesetzliche Anpassungen aus, etwa für die Bindung der Hausapothekenbewilligung an Standorte oder Gruppenpraxen sowie für eine ausdrückliche Zulassung von Vertretungsregelungen. Inhaltlich seien solche Änderungen relativ einfach umsetzbar. Politisch seien sie jedoch schwierig, da standespolitische Interessen Reformen erschwerten.

Carmen Berti-Zambanini vom Schutzverband der Ärzte mit Hausapotheken kündigte an, den Dialog mit Politik und anderen Interessensvertretungen weiterzuführen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Akteure die aktuelle Situation als zunehmend belastend empfinden – sei es durch wirtschaftlichen Druck, regulatorische Komplexität oder politische Blockaden. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass das österreichische Versorgungssystem grundsätzlich leistungsfähig sei. Die Debatte macht jedoch ebenso deutlich, dass langfristige Versorgungssicherheit nicht allein durch Krisenmanagement erreicht werden kann. Gefordert sind strukturelle Reformen, mehr Flexibilität und eine stärkere Abstimmung zwischen Politik, Gesundheitsberufen und europäischen Institutionen. (rüm)