Kinder sind häufig von Bauchschmerzen betroffen, jedoch findet sich bei etwa 90–95 % keine organische Ursache. Die Beschwerden sind dennoch real und können die Lebensqualität erheblich einschränken. Der Überbegriff AP-DGBI fasst jene Beschwerdebilder zusammen, die auf einer Dysfunktion der bidirektionalen Kommunikation zwischen ZNS und Gastrointestinaltrakt beruhen. Dazu zählen nach den Rome-IV-Kriterien unter anderem Reizdarmsyndrom, funktionelle Bauchschmerzen, funktionelle Dyspepsie und abdominelle Migräne.1 Zu den beschriebenen Risikofaktoren zählen weibliches Geschlecht, überstandene Gastroenteritis, psychische Erkrankungen, somatische Komorbiditäten, Stresserfahrungen sowie schlechte Schlafqualität.2
Die Darm-Hirn-Achse beschreibt ein komplexes Kommunikationsnetzwerk, welches das ZNS mit dem enterischen Nervensystem (ENS) verbindet. Die Signalübertragung erfolgt über neuronale, endokrine, immunologische und mikrobielle Wege, unter anderem über den Nervus vagus, Neurotransmitter wie Serotonin sowie Mediatoren des intestinalen Immunsystems. Bei AP-DGBI ist diese Kommunikation auf mehreren Ebenen verändert.2–4 Von zentraler Bedeutung ist die viszerale Hypersensitivität, wobei betroffene Kinder normale Dehnungsreize im Gastrointestinaltrakt als schmerzhaft wahrnehmen. Zusätzlich werden Veränderungen der gastrointestinalen Motilität sowie eine gestörte zentrale Schmerzverarbeitung beschrieben.4 Auch Veränderungen des intestinalen Mikrobioms könnten eine Rolle spielen, indem mikrobielle Metaboliten und Immunmediatoren die Darm-Hirn-Kommunikation beeinflussen. Wichtig bleibt die diagnostische Abgrenzung gegenüber organischen Ursachen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Zöliakie oder infektiösen Erkrankungen. Hinweise auf eine mögliche organische Genese werden im Infokasten gelistet.2–4
Da AP-DGBI keine rein somatische Erkrankung darstellt, orientiert sich die Therapie am biopsychosozialen Modell. Eine zentrale Rolle spielen dabei Edukation, psychologische Interventionen und die Förderung eines möglichst normalen Alltags.3, 5 Entscheidend ist ein altersgerechtes Krankheitsverständnis: Eltern und Kinder sollten verstehen, dass die Schmerzen physiologisch real sind, auch wenn keine strukturelle Erkrankung vorliegt.4 Gleichzeitig wird empfohlen, schmerzbedingte Schonung und Fehlzeiten möglichst gering zu halten, da erhöhte Symptomfokussierung die Beschwerden verstärken kann.1 Eine aktuelle Netzwerk-Metaanalyse von Sinopoulou et al. untersuchte erstmals systematisch pharmakologische, diätetische, probiotische und psychosoziale Interventionen bei pädiatrischen AP-DGBI. Die stärkste Evidenz zeigte sich dabei für psychotherapeutische Verfahren, insbesondere darmgerichtete Hypnosetherapie sowie kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Beide Ansätze konnten die Symptomlast signifikant reduzieren.5 Die aktuelle ESPGHAN/NASPGHAN-Leitlinie empfiehlt daher insbesondere psychologische Interventionen mit Fokus auf Schmerzbewältigung und funktionelle Alltagsstabilisierung. Ein praktischer Vorteil der darmgerichteten Hypnosetherapie besteht darin, dass sie teilweise auch über Audioprogramme zu Hause durchgeführt werden kann.4
Pharmakologische und komplementäre Maßnahmen werden in der Praxis häufig ergänzend eingesetzt. Die aktuelle Evidenzlage ist allerdings insgesamt heterogen und für viele Interventionen noch limitiert. Für Probiotika liegen einzelne positive Studien vor, insbesondere für bestimmte Stämme wie Lactobacillus rhamnosus GG bei pädiatrischem Reizdarmsyndrom. Aufgrund unterschiedlicher Studiendesigns, Präparate und Endpunkte lassen sich derzeit nur eingeschränkt allgemeingültige Empfehlungen ableiten, das Sicherheitsprofil gilt bei ansonsten gesunden Kindern jedoch als günstig. Auch Pfefferminzöl wird aufgrund seiner spasmolytischen Eigenschaften diskutiert und in Leitlinien als mögliche unterstützende Option erwähnt. Für diätetische Maßnahmen wie die Low-FODMAP-Diät existieren erste positive Daten, wobei restriktive Ernährungsformen im Kindesalter nur unter fachlicher Begleitung erfolgen sollten, um Nährstoffdefizite und problematisches Essverhalten zu vermeiden.4
Insgesamt unterstreicht die aktuelle Datenlage die Bedeutung eines individuellen, multimodalen Therapiekonzeptes. Während psychotherapeutische Verfahren derzeit die beste Evidenz aufweisen, können ergänzende Maßnahmen im Einzelfall insbesondere im Rahmen eines strukturierten biopsychosozialen Managements sinnvoll sein.