Der Gelenkknorpel ist ein bradytrophes, kaum vaskularisiertes Gewebe mit begrenzter Regenerationsfähigkeit. Seine extrazelluläre Matrix (ECM) besteht überwiegend aus Kollagen Typ 2 und Proteoglykanen wie Aggrecan, die wesentlich zur Druckelastizität beitragen.1 Bei der Arthrose kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen Matrixsynthese und -abbau: Proteolytische Enzyme wie Matrixmetalloproteinasen (MMPs) und ADAMTS sind an der Degradation von Kollagen und Aggrecan beteiligt, während Chondrozyten zunehmend in einen katabolen Stoffwechselzustand übergehen.2 Proinflammatorische Zytokine wie IL-1β und TNF-α sowie oxidativer Stress verstärken diesen Prozess zusätzlich.1
Hydrolysiertes Kollagen, Glucosamin und Chondroitinsulfat werden als potenzielle Substrate und funktionelle Modulatoren der Knorpelmatrix diskutiert. Nach oraler Aufnahme werden sie enzymatisch in kleinere Peptide bzw. Bausteine zerlegt und systemisch verfügbar gemacht. Eine direkte Integration in die Gelenkknorpelmatrix ist beim Menschen nicht eindeutig belegt.1 Die klinisch am besten untersuchte Kombination ist jene aus Glucosaminsulfat und Chondroitinsulfat. In der MOVES-Studie zeigte sie über 6 Monate eine vergleichbare Schmerzreduktion wie Celecoxib, wobei beide Gruppen eine etwa 50%ige Symptomverbesserung aufwiesen. NSAR wirken dabei schneller, während strukturelle Effekte zeitverzögert eintreten. Die Gesamtbewertung der Studienlage bleibt heterogen, und die Kombination gilt als symptomatisch wirksam, jedoch nicht als krankheitsmodifizierend.3
Natives Kollagen Typ 2 wird nicht als struktureller Baustein, sondern als potenziell immunmodulierender Wirkstoff betrachtet. Das Konzept der oralen Toleranz beschreibt eine mögliche Interaktion mit dem darmassoziierten Immunsystem (GALT), die regulatorische Immunmechanismen beeinflussen könnte. Klinische Daten zeigen eine signifikante Reduktion des WOMAC-Scores im Vergleich zu Placebo bei einer täglichen Dosierung von 40 mg über 180 Tage.4 Der zugrunde liegende Wirkmechanismus ist beim Menschen jedoch nicht abschließend geklärt.
MSM wird eine entzündungsmodulierende und antioxidative Wirkung zugeschrieben, die über eine Hemmung von NF-kB sowie eine Reduktion reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) vermittelt werden soll. Präklinische und klinische Daten deuten auf eine mögliche Reduktion von Schmerzen und Steifigkeit bei Arthrose hin, wobei Kombinationen mit Glucosamin tendenziell stärkere Effekte zeigen als Monotherapien. Die Evidenzlage ist insgesamt heterogen.5
Für kombinierte Präparate mit mehreren gelenkwirksamen Inhaltsstoffen liegen erste kontrollierte Studien vor. In einer 12-wöchigen, randomisierten, placebokontrollierten Studie mit einem Kombinationspräparat aus Kollagenhydrolysat, Glucosamin und weiteren Mikronährstoffen wurden signifikante Verbesserungen bei Schmerz, Funktion und Lebensqualität zugunsten der Verumgruppe beobachtet, die über den Beobachtungszeitraum stabil blieben.6
NEM können bei Arthrose symptomatisch unterstützend als Ergänzung zur medizinisch indizierten Standardtherapie eingesetzt werden. Relevante pharmazeutische Aspekte in der Beratung sind neben der Erwartungshaltung der Patient:innen auch mögliche Wechselwirkungen, beispielsweise die potenziell additive Blutungsneigung unter Glucosamin bei gleichzeitiger Antikoagulanzientherapie. Gerade angesichts der heterogenen Evidenzlage ist die Apotheke der geeignete Ort, um Wirksamkeit, Dosierung und realistische Therapieziele fachkundig einzuordnen.