© Ärztekammer/Seelig Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und der ÖÄK, im Interview zu Reformplänen, Facharztzentren, Behandlungspfaden und Impfen in Apotheken.
Politik und Sozialversicherung wollen Facharztzentren schaffen – auch fächerübergreifend – und so Spitäler entlasten. Wie beurteilen Sie das? Unsere Patientinnen und Patienten interessiert in erster Linie eines: gut versorgt zu werden. Spitalsambulanzen werden nur dann effektiv entlastet, wenn die tagesklinische und niedergelassene Versorgung rasch ausgebaut wird. Um Leistungen aus den Spitälern in den niedergelassenen Bereich auszulagern, müssen dort ausreichend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Im Hinblick auf die geplanten Facharztzentren haben wir bereits fixfertige Konzepte vorbereitet, die nur auf ihre Umsetzung warten. Wir bringen unsere ärztliche Expertise hier sehr gerne ein.
Ist diese Entwicklung einerseits nicht der Tod der niedergelassenen Einzelordination? Und ist es letztlich nicht die Wiederbelebung von Polykliniken? Es ist eine besondere Stärke des solidarischen Gesundheitssystems in Wien, dass im niedergelassenen Bereich bereits jetzt verschiedene Versorgungsmodelle zur Verfügung stehen – von Einzelordinationen über Gemeinschafts- und Gruppenpraxen bis hin zu Primärversorgungseinheiten (PVE). Aus unserer Sicht sind die Stärkung der Primärversorgung und der Ausbau der PVE wichtige Elemente zur Versorgung der Bevölkerung. Aber nur durch das Zusammenspiel mit Einzelordinationen, die ebenfalls weiter gestärkt werden müssen, kann die niederschwellige und wohnortnahe ärztliche Betreuung gesichert werden. Ärztezentren sind ein weiterer Baustein, aber Einzelordinationen bilden auch weiterhin die Basis der medizinischen Versorgung im niedergelassenen Bereich.
Wie stehen Sie zu Behandlungspfaden im Gesundheitswesen? Ohne ärztliche Expertise werden sich keine tragfähigen Konzepte entwickeln und umsetzen lassen, wenn wir eine effektive und sinnvolle Patientenlenkung mit dem Ziel der bestmöglichen Versorgung im Sinne von „Best Point of Care“ erreichen wollen. Wir schlagen etwa den gezielten Ausbau der Tagesmedizin vor – nach dem Grundsatz „Ambulant, wenn möglich – stationär, wenn notwendig“. Jede Behandlung sollte möglichst dort stattfinden, wo sie medizinisch sinnvoll, organisatorisch effizient und für Patientinnen und Patienten einfach zugänglich ist. Im Vordergrund müssen immer Patientensicherheit und Qualitätssicherung stehen.
Politik und Sozialversicherung wollen ärztliche Tätigkeiten durch nicht-ärztliche Berufe erbringen lassen. Was halten Sie davon? Das hängt ganz vom jeweiligen Kontext ab. Zur Veranschaulichung: Die Versorgung der allermeisten Patientinnen und Patienten findet aktuell in Einzelordinationen statt. Deshalb schlagen wir vor, auch hier die Anstellung von Gesundheitsberufen wie zum Beispiel Diätologinnen und Diätologen oder Sozialarbeiterinnen und -arbeitern zu ermöglichen und mit Förderungen zu unterstützen. Diese spezialisierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ergänzen die ärztliche Betreuung, ersetzen sie aber keineswegs. Grundsätzlich halte ich es für problematisch, ursprünglich ärztliche Tätigkeiten wie zum Beispiel das Impfen durch weniger gut oder anders Qualifizierte durchführen zu lassen, weil das auf Kosten der Qualität und Patientensicherheit gehen kann. Und es stellt sich stets auch die Frage der Letztverantwortung.
Ärzt:innen wünschen sich vor allem mehr Zeit für Patient:innen – wie kann das gelingen? Ärztinnen und Ärzte wenden bereits rund ein Drittel ihrer Arbeitszeit für Bürokratie im weitesten Sinn auf. Diese wertvolle Zeit wollen Ärztinnen und Ärzte lieber in die Betreuung ihrer Patientinnen und Patienten investieren. Es wäre daher längst Zeit für einen Entbürokratisierungsgipfels mit dem Ziel „minus 10 Prozent Bürokratie“: Lassen wir Vertreterinnen und Vertreter der Ärzteschaft, der Sozialversicherungen, von Spitalsorganisationen und der Politik gemeinsam eine konkrete Liste von Maßnahmen zum Bürokratieabbau definieren und auf den Weg bringen. Wenn die minus 10 Prozent erreicht sind, sollte man sich weitere Ziele stecken. (Das Interview führte Martin Rümmele)