„Müssen weg von rein arztzentrierter Versorgung“  

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Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes über Personalmangel, die Rolle der Pflege im Gesundheitssystem und welches Potenzial Pflege für die Versorgung haben kann.

Wir hören immer wieder, dass großes Interesse am Pflegeberuf besteht, gleichzeitig aber Personal fehlt. Wie passt das zusammen? Die meisten verlassen den Beruf nicht, weil sie Pflege an sich nicht machen wollen. Lediglich ein bis zwei Prozent geben an, dass sie sich grundsätzlich für den falschen Beruf entschieden haben. Erhebungen der vergangenen Jahre zeigen konstant, was Arbeitsunzufriedenheit und Dropout betrifft. Unter den fünf wichtigsten Gründen findet sich immer wieder der Personalmangel. Daraus resultiert, dass sie keinen stabilen Dienstplan haben. Ein weiterer Punkt ist die Arbeitsverdichtung. Teilweise kommt Unzufriedenheit mit der Honorierung hinzu. Und dann geht es um Wertschätzung und die Einbindung ins Team: Funktioniert die Zusammenarbeit? Fühlt man sich von den Kolleg:innen getragen? Wenn man gut im Team eingebettet ist, halten viele auch andere Unwägbarkeiten aus. Ebenso wichtig ist das Gefühl, von den Vorgesetzten unterstützt zu werden. Wenn diese Unterstützung wegfällt, ist das oft der letzte Schritt: Man verlässt den Beruf oder wechselt zumindest die Station oder Abteilung. Viele dieser Punkte sind letztlich Managementthemen und gar nicht in erster Linie politische Fragen.

Was sind politische Aspekte? Etwa, dass man nicht das tun darf, was man gelernt hat, oder durch das Berufsrecht eingeschränkt wird. Unsere Stärke und Größe als Berufsgruppe sind gleichzeitig unsere Schwäche, weil wir einfach sehr viele sind. Wenn man einer kleinen Berufsgruppe eine Lohnerhöhung oder eine Veränderung im Besoldungsschema gibt, ist das finanziell etwas anderes, als wenn man 100.000 Pflegepersonen besser bezahlt. Das hat man auch in der Diskussion um den Pflegebonus gesehen. Dahinter steht die Frage: Wie halten wir es mit dieser großen Gruppe? Wie können wir sie einbinden, ohne Begehrlichkeiten zu wecken, die wir möglicherweise nicht finanzieren können? Und wie verhindern wir, dass die Auseinandersetzungen zwischen den Standesvertretungen zu viel Unruhe ins System bringen? Ein anderes Beispiel ist die aktuelle Reform-Diskussion.

Inwiefern? Wir sagen, „wenn es um Pflege geht, dann holt bitte unsere Expertise dazu.“ Wir waren in den Gesprächen der Reformpartnerschaft nicht einmal eingeladen. Grundsätzlich scheint man uns dort nicht zu brauchen. Die 24-Stunden-Betreuungsagenturen waren unseres Wissens dagegen mehrfach vertreten. Der politische Fokus liegt damit sehr stark darauf, Pflege und Betreuung möglichst lange in der Familie zu halten und mit Unterstützung der 24-Stunden-Betreuung abzudecken. Das Paradigma dahinter: Pflege darf nicht viel kosten.

Können Sie einschätzen, wie viele Pflegekräfte derzeit im System fehlen? Das ist sehr schwer zu sagen. Wie groß der tatsächliche Bedarf ist, hängt stark davon ab, wohin wir das Gesundheitssystem entwickeln. Aus der Praxis hören wir, dass die Verdichtung spürbar ist: Es sind weniger Menschen für die gleiche oder sogar für mehr Arbeit da. Lange hat man gesagt, die Pflege jammere nur. Dann wurde mit der Missed-Nursing-Care-Studie gezeigt: Das ist nicht nur Jammern, Pflegepersonen fehlen tatsächlich. Seitdem wird das aus meiner Sicht zu wenig weiterverfolgt. Es fehlt an Transparenz. Wir als Verband haben nicht die finanziellen Ressourcen, um dazu große Studien durchzuführen. Außerdem hängt der zukünftige Bedarf stark davon ab, was aus den aktuellen Reformen des Gesundheitssystems wird. Wenn Krankenhäuser beispielsweise nicht geschlossen, sondern umgewidmet werden, verändert das die Anforderungen. In Gmünd wurde aus einem Krankenhaus ein Ärztezentrum mit einer Nurse-Led-Unit. Nach außen wird signalisiert: Das Krankenhaus wird nicht geschlossen, die Bevölkerung wird weiterhin versorgt. Innerhalb der Struktur verändert sich aber sehr viel. Damit verändern sich auch die Anforderungen an das Personal. Für eine Nurse-Led-Unit brauche ich andere Kompetenzen und andere Qualifikationen als in einem klassischen Pflegeheim. Es kommt also darauf an, welchen Outcome wir erreichen wollen. Gleichzeitig messen wir diese Outcomes bislang zu wenig.

In welchen Bereichen könnte die Pflege das Gesundheitssystem entlasten und gleichzeitig die Situation für Patient:innen verbessern? Zunächst müssen wir uns anschauen: Wo genau liegt das Problem? Die Menschen beklagen sich über lange Wartezeiten und darüber, schlecht behandelt zu werden. Dabei muss man zwischen dem intramuralen und dem extramuralen Bereich unterscheiden. Gerade hier könnte man durch einen adäquaten Einsatz der Pflege viel abfangen. Dafür bräuchte es möglicherweise nur eine kleine gesetzliche Änderung. Im Zusammenhang mit dem Krankenhaus gibt es eine Bestimmung, die sinngemäß vorsieht, dass jemand, der ins Krankenhaus kommt, von einem Arzt gesehen werden muss. Wenn man diesen Passus verändern würde und nicht mehr grundsätzlich voraussetzt, dass ein Arzt die Person sehen muss, gäbe es im System ganz andere Möglichkeiten. Man könnte beispielsweise triagieren und feststellen: „Sie müssen keinen Arzt sehen, Sie können nach Hause gehen oder in den niedergelassenen Bereich – ähnlich wie es bereits über 1450 funktioniert.“ Das könnte die Ambulanzen deutlich entlasten und Ärzt:innen sowie andere Gesundheitsberufe für jene Patient:innen freispielen, die ihre Expertise tatsächlich benötigen. Wir müssen außerdem weg von einer rein arztzentrierten Versorgung.

Ein heikles und komplexes Thema. Die sogenannte Drei-Minuten-Medizin wird häufig beklagt. Gleichzeitig müsste man sich genauer ansehen, wie es dazu kommt. Nicht jede E-Card, die in einer Ordination gesteckt wird, bedeutet automatisch, dass der Arzt diese Patientin oder diesen Patienten tatsächlich gesehen hat. Sie fließt aber in die Berechnung der Patientenzahlen ein – und dann bleiben am Ende rechnerisch eben drei Minuten. Auch hier könnte man ansetzen. Die Idee der Pflege- und Therapiepraxen geht genau in diese Richtung: Es gibt Patientengruppen, die nicht unbedingt in eine Hausarztpraxis und schon gar nicht zu einem Facharzt müssen. Eine Quartalskontrolle bei einem Menschen mit Diabetes könnte beispielsweise von einer Diätologin gemeinsam mit einer spezialisierten Pflegeperson durchgeführt werden. Damit hätten wir eine andere Versorgungssituation: niederschwelliger, näher an den Menschen und mit kürzeren Wartezeiten. Im Grunde geht es darum, die Arbeit auf mehr Köpfe zu verteilen. Im Moment verteilen wir die Arbeit zwar ohnehin, aber nicht die entsprechenden Ressourcen. (Das Interview führte Martin Rümmele)