v.l.: Michael Gnant (ABCSG), Ewald Wöll, Kathrin Strasser-Weippl (beide OeGHO), Karl Masser (Patient und Studienteilnehmer) © OeGHO Das Österreichische Onkologie Forum appellierte am Dienstag, dass klinische Forschung unverzichtbar für die onkologische Regelversorgung ist und präsentierte Forderungen.
„Klinische Studien sind für die Entwicklung und Zulassung innovativer Therapien essenziell. Aber sie sind ebenso für die onkologische Regelversorgung in Österreich unverzichtbar“, betonte Ewald Wöll, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie OeGHO, im Rahmen des diesjährigen Österreichischen Onkologie Forums. „Die Weltgesundheitsorganisation geht von einem Anstieg der Krebsdiagnosen um 70 Prozent bis zum Jahr 2050 aus. Dieser Dynamik versuchen wir als Onkolog:innen und Hämatolog:innen mit neuen Therapieansätzen zu begegnen. Dafür braucht es aber medizinische Innovationen, und die sind ohne klinische Forschung nicht denkbar.“
Klinische Studien seien nicht nur die Basis für die Entwicklung innovativer Medikamente, sie haben auch unmittelbare positive versorgungsökonomische Effekte, ergänzte Kathrin Strasser-Weippl, Medizinische Leiterin der OeGHO „Pro Jahr wird laut einer rezenten Studie des Instituts für pharmaökonomische Forschung ein Behandlungswert von 122,28 Millionen Euro generiert. Die Krankenhäuser profitieren von kostenfreier Prüfmedikation und von der Übernahme der Kosten für Diagnostik, Therapie, administrative Leistungen und Dokumentation – was letztlich die Budgets der Spitäler direkt entlastet. Außerdem gelingt der Zugang zu den innovativsten Therapien oft nur über klinische Studien.“ Klinische Forschung sei deshalb nicht ein fakultatives Zusatzangebot einzelner akademischer Zentren, sondern müsse grundlegender Bestandteil der onkologischen Versorgung in der Breite sein, unterstrich die neue Leiterin des Tumorzentrum Oberösterreich.
„Doch genau da sehen wir in den vergangenen Jahren einen dramatischen Rückgang: Die Zahl der klinischen Studien ist zwischen 2021 und 2024 um 28 Prozent zurückgegangen und hat sich 2025 nur leicht erholt. Dieser Negativtrend trifft die Onkologie in besonderem Maße, denn von den laufenden Studien entfallen 43 Prozent auf die Onkologie und 10 Prozent auf die Hämatologie. Die Neurologie folgt mit 8 Prozent erst an dritter Stelle.“ Dieser Rückgang bei klinischen Studien habe spürbare negative Folgen auf Österreich, so Strasser-Weippl, „nämlich zunächst auf die Patient:innen, die keinen Zugang zu den innovativsten Therapien haben, aber auch auf den Medizinstandort, weil Know-How und Attraktivität für Top-Ärzt:innen verloren geht, und auf die Budgets des Gesundheitssystems.“
Gleichzeitig ist die Bereitschaft, an klinischen Studien teilzunehmen, in Österreich ausbaufähig: Nur 47 Prozent der Krebspatient:innen könnten sich laut einer SPECTRA-Erhebung vorstellen, bei einer Studie mitzumachen. Zwar halten 84 Prozent klinische Studien für einen wichtigen Beitrag zum medizinischen Fortschritt, aber 22 Prozent zweifeln an ihrer Sicherheit und 34 Prozent verbinden Studienteilnehmende mit dem Bild eines „Versuchskaninchens“. Damit steht Österreich im europäischen Vergleich schlecht da: Eine Erhebung wies die allgemeine Teilnahmebereitschaft für Österreich mit nur 41 Prozent aus. In Deutschland würden hingegen 48 Prozent der Menschen grundsätzlich mitmachen, in Schweden sogar 62 Prozent.
OeGHO-Expertin Strasser-Weippl plädiert daher für eine Informationsoffensive in Richtung der Patient:innen und der breiten Öffentlichkeit, um die Vorteile und die Sicherheit klinischer Studien für Patient:innen sichtbar zu machen. Außerdem appelliert sie an die gesundheitspolitischen Entscheidungsträger:innen: „Wenn wir die onkologische Regelversorgung in der bisherigen Form mit dem wichtigen Teil der klinischen Forschung erhalten wollen, braucht es eine strukturelle Absicherung klinischer Studien. Klinische Forschung muss für den Standort Österreich als strategisch wichtig erkannt werden.“
Dazu haben die OeGHO und die ABCSG (Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group) im Rahmen des Österreichischen Onkologie Forums auch konkrete Verbesserungspotenziale identifiziert und ein Positionspapier erarbeitet. Michael Gnant, Präsident der ABCSG: „Wir hatten die geplante Life Sciences Strategie im Blick und haben analysiert, welche strukturellen Voraussetzungen aus onkologischer Sicht zu benennen sind, um klinische Studien in Österreich nachhaltig zu sichern und weiterzuentwickeln.“
Die OeGHO ergreift unabhängig davon die Initiative und baut als ein wichtiges Element eine Datenbank für klinische Studien auf. „Die Onkologische Studienplattform soll alle aktuell rekrutierenden klinischen Studien im Bereich der Onkologie und Hämatologie in Österreich darstellen“, beschrieb OeGHO-Präsident Ewald Wöll am Dienstag das Vorhaben. „Alle Studienzentren werden die Möglichkeit haben, ihre Daten selbst einzupflegen, sodass behandelnde Ärzt:innen im Anlassfall direkt mit den jeweiligen Studienteams Kontakt aufnehmen können. Das wird“, zeigt sich Wöll überzeugt, „die häuserübergreifende und überregionale Studienrekrutierung merkbar unterstützen. Zum Wohl der heimischen Patient:innen.“ (red)
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