Gesundheitsinformationen sollen nicht nur erklären, was hinter Symptomen, Diagnosen oder Therapien steckt. Sie müssen Menschen auch dabei helfen, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden: Wer ist die richtige erste Anlaufstelle? Wann reicht die Hausarztpraxis, wann braucht es eine Fachärztin oder einen Facharzt? Welche Unterstützungsmöglichkeiten bieten Patientenorganisationen an?
Ap. Prof. Priv.-Doz. DDr. Michael Wagner, Präsident der Österreichischen Plattform Patient:innensicherheit, beschreibt das Grundproblem aus Sicht der Sicherheit: „Das österreichische Gesundheitssystem ist gut, aber es ist komplex. Wer zum ersten Mal mit einer chronischen Erkrankung konfrontiert ist oder für ein Familienmitglied die richtige Anlaufstelle sucht, steht häufig vor einer Vielzahl an Optionen und weiß nicht, wo er oder sie anfangen soll.“ Die Folge seien Umwege: unnötige Konsultationen, längere Wartezeiten oder der Besuch einer Einrichtung, die für das konkrete Anliegen nicht zuständig ist. Gesundheitsinformation, so Wagner, müsse deshalb mehr leisten als reine Wissensvermittlung über Erkrankungen: „Orientierung im System ist ein eigenständiger Wert. Wer die richtige Ansprechperson zur richtigen Zeit findet, erhält früher die richtige Behandlung, und das ist letztlich eine Frage der Patientensicherheit.“
Auch Dr. Christian Maté, Arzt für Allgemeinmedizin und Medical Creative Director beim MedMedia Verlag, ist davon überzeugt, dass „die Menschen wissen und wirklich verstehen müssen, wie die einzelnen Stellen im Gesundheitssystem arbeiten“. Wer Abläufe kennt, könne besser einschätzen, wohin er oder sie sich mit einem gesundheitlichen Problem wenden sollte. Gesundheitsinformation wird somit dann hilfreich, wenn sie Menschen befähigt, den nächsten sinnvollen Schritt zu setzen.
Auch für Univ.-Prof.in Dr.in Anita Rieder, Vizerektorin für Lehre und Leiterin des Zentrums für Public Health an der MedUni Wien, ist das Zurechtfinden im Gesundheitssystem ein wesentlicher Bestandteil von Gesundheitskompetenz. Um hier zu unterstützen, müsse Gesundheitsinformation auch Navigation ermöglichen: Wie funktionieren Gesundheitsorganisationen? Welche Eintrittspforte ist die richtige? Bereits in der Prävention sei diese Orientierung laut Rieder wichtig.
Rieder verweist zudem auf Ansätze, die Organisationen selbst zu stärken: „Dies versucht beispielsweise die Österreichische Plattform für Gesundheitskompetenz, indem sie in den verschiedenen Projekten u.a. mit Jugendzentren an der Steigerung der Gesundheitskompetenz arbeitet.“ Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist in ihren Augen auch, wie das Gesundheitssystem selbst gesundheitskompetent werden kann. Hier sieht sie in der Gesprächsqualität einen wichtigen Hebel: Trainings für Gesundheitsberufe könnten ebenso helfen wie eine Stärkung der Patient:innen im Gespräch mit Health Care Professionals. Als konkrete Orientierung nennt sie das „3-Fragen-Stellen“ im Arztgespräch: „Was habe ich? Was muss ich tun? Und warum?“ Besonders die letzte Frage sei entscheidend, damit Empfehlungen verstanden und im Alltag umgesetzt werden können, betont Rieder.
Mag.a Dr.in Caroline Culen, Abteilungsleiterin des Kompetenzzentrums Gesundheitsförderung und Gesundheitssystem, ergänzt: „Nicht alle Angehörigen von Gesundheitsberufen fühlen sich selbst gesundheitskompetent. Auch hier müssen wir ansetzen. Daher bieten wir über unsere Initiative ‚Gute Gesprächsqualität‘ Kommunikationstrainings für Gesundheitsberufe an. 2027 wird zudem ein Onlinekurs zu digitaler Gesundheitskompetenz und guter Gesundheitsinformation für Gesundheitsberufe und andere Interessierte starten.“