6. Philosophische Wanderung der ÖGPAM in und um Hallein

Zum Thema „Mit allen Sinnen“ gab es Impulsreferate an mehreren Stationen zu HÖREN, SEHEN, RIECHEN, BERÜHREN, RESONANZ und ÜBERSINNLICHEM.
Ein sonniger, warmer Spätsommertag machte gute Laune.

v. l. n. r.: Bernhard Panhofer, Regina Dachs, Christoph Dachs, Thomas Jungblut, Barbara Degn, Ralf Ringler, Reinhold Glehr, Wolfgang Doringer, Ursula Doringer, Evelyn Fürthauer, Daria Dachs, Elke Haider, Andrea Bitschnau-Friedl, Reingard Glehr-Schöberl, Christa Glehr, Peter Mitterer

HÖREN – der Ton und die Stille (Barbara Hasiba)

Das Gehör ist der differenzierteste Sinn, der Mensch kann 400.000 Töne unterscheiden. In anderen Sprachen gibt es für HÖREN verschiedene Begriffe (to listen/hear). Zahlreiche Präfixe und Präpositionen verweisen auf die vielfältigen Aspekte des Hörens: zuhören, überhören, weghören, voraushören (Beispiel die Auflösung des Dominantseptakkords!), abhören, Stimmen hören, auf die innere Stimme hören

Im ärztlichen Alltag ist das aktive, aufmerksame Zuhören ohne vorschnell zu unterbrechen ein zentrales Element am Gesprächsbeginn mit Patient:innen. Es gilt, offene Fragen zu stellen, die nicht einfach mit JA oder NEIN beantwortet werden können. Auch im ärztlichen Gespräch macht der Ton die Musik und lässt Beziehung entstehen. Der Ton kann allerdings auch fehlen. Manches Anliegen kann auch verbal schweigend ausgedrückt werden, dann entsteht Stille – sie kann angenehm oder unangenehm sein. Mit Gedanken zu Stille und Wichtigkeit von Stille in der Musik (Beispiel des Schlusses der 4. Symphonie von Gustav Mahler) hat Barbara Hasiba ihre Anregungen zum Nachdenken abgeschlossen.

SEHEN (Barbara Degn)

Aristoteles sagte, das Sehen sei allen anderen Sinnen überlegen. Der Mensch ist ein Augentier. Etwa 80 % der Informationen über unsere Umwelt erhält ein Mensch über das „visuelle System“ – Augen und die damit verbundenen zentralnervösen komplexen Funktionen. Ein Viertel des Gehirns und 60% des Kortex sind beim Sehen – in Zusammenspiel mit anderen Sinneseindrücken und Denkvorgängen – beteiligt: filtern, zuordnen, deuten, Verknüpfung mit Gedächtnis, Erfahrungen, Emotionen, Wissen, Erwartungen etc. Der Sehsinn muss in der frühen Kindheit reifen, sehen muss erlernt werden, vor allem die Zuordnung im Denksystem.

Unzählige Metaphern und Redensarten beziehen sich auf das Sehen (Augenblick, die Augen vor etwas verschließen, jemandes Augapfel sein, Augenauswischerei, große Augen machen, Augenweide…). Und wir wissen alle, was Rick meinte, als er sagte: „Schau mir in die Augen, Kleines!“–„On ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible pour les yeux“ (Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar), das wusste schon der kleine Prinz.

Am gleichen Platz werden verschiedene Menschen durchaus Verschiedenes sehen. Sehen, erkennen und wahrnehmen ist nicht das Gleiche. Was nimmt ein Individuum wahr? Wittgenstein meinte, um zu erkennen, ob ein Bild wahr oder falsch ist, müssen wir es mit der Wirklichkeit vergleichen. Aber mit welcher Wirklichkeit? Welchen Zugang haben wir zur Wirklichkeit? Es hat wohl jedes Individuum seine eigene Wirklichkeit …

RIECHEN (Ursula Doringer)

Der Geruchssinn hat enge Verbindungen zu Emotionen und Erinnerungen, Gerüche wirken direkt auf das limbische System, das für Emotionen und Gedächtnis zuständig ist. Gerüche spielen bei der Partnerwahl eine Rolle und beeinflussen zwischenmenschliche Beziehungen. Gerüche werden oft unbewusst wahrgenommen, haben aber dennoch einen starken Einfluss auf unser Verhalten und unsere Entscheidungen.

Die Wahrnehmung von Gerüchen ist nicht nur biologisch, sondern auch kulturell und individuell geprägt. Ekel und Lust liegen beim Geruch nahe beieinander.
Die Erkenntnis der Wissenschaft und Philosophie zum Geruchssinn kann in einem kurzen Satz gesagt werden: Er ist ein Fenster zu unserer inneren Welt. Anosmie ist der Verlust des Geruchssinns. Das Leben ohne Gerüche sei eine „Welt ohne Farben“, beschreiben Patient:innen, die unter Anosmie leiden. Ursula Doringer schloss mit einer Literaturstelle aus dem Roman Das Parfum von Patrick Süskind.

BERÜHREN (Bernhard Panhofer)

Die Haut ist das größte menschliche Organ. Manchmal sind wir „dünnhäutig“ oder haben ein „dickes Fell“, wollen „aus der Haut fahren“, bekommen eine „Gänsehaut“, werden „rührselig“, wenn wir berührt sind, oft „tasten“ wir uns an etwas „heran“. Wir wissen, dass jede Berührung, sofern sie liebend ist, etwas Auflösendes in sich birgt: Das, was vorher war, ist nun anders.

Eine Berührung kann Geborgenheit geben, Trost spenden oder Schutz bieten, sie kann elektrisieren und erregen. Alle sehnen sich nach ihr – und fürchten sie zugleich. Eine Berührung kann auch schmerzen, Ekel erregen, verletzen und verängstigen. Am Beispiel des Deckenfreskos in der Sixtinischen Kapelle führte Bernhard Panhofer zahlreiche mögliche Interpretationen an. Arztsein hat zwangsläufig etwas mit Berühren zu tun. Wir haben zwar gelernt, die Patient:innen möglichst distanziert und sachlich körperlich zu untersuchen. Eine Untersuchung gibt aber nicht nur Aufschluss über pathologische Befunde, sondern durch die Berührung verändert sich etwas, die Stimmung wird anders. Abschließend erzählte Bernhard Panhofer zwei sehr „berührende“ Patientengeschichten. Dafür fehlt hier der Platz, aber wir wanderten ein bisschen stiller weiter.

RESONANZ (Reingard Glehr-Schöberl, Thomas Jungblut)

Resonanz beschreibt ein lebendiges Wechselspiel: Ich werde berührt, reagiere (emotional, körperlich, gedanklich) und antworte – und mein Gegenüber wiederum wird davon berührt und antwortet seinerseits. Es entsteht ein wechselseitiger Schwingungsraum, in dem beide Seiten sich wahrgenommen, verstanden und in ihrer Eigenständigkeit bestätigt fühlen. Resonanz ist mehr als Zustimmung; sie braucht Antwort (Responsivität), Wechselseitigkeit und Veränderbarkeit (wir gehen nicht unverändert aus dem Kontakt hervor). Resonanz ist die Grundlage einer sicheren und vertrauensvollen Bindung, ist notwendig, um Identität zu entwickeln und zu spüren. Resonanz ist geprägt von aktiver Wahrnehmung des Gegenübers und Präsenz. Wesentliche Voraussetzung ist unsere Berührbarkeit, die von unserer Offenheit und von unserem emotionalen Zustand abhängt. Diese Berührbarkeit führt auch zur möglichen Transformation durch Resonanz – Begegnungen verändern uns.

In der Medizin und Psychotherapie verstand beispielsweise Carl Rogers einen resonanten Raum, der sich durch Empathie, Kongruenz und bedingungsfreie positive Wertschätzung ergibt, als Wesen einer klientenzentrierten Therapie.
Mit unseren Patient:innen in Resonanz zu gehen ist nicht nur für die Arzt-Patienten-Beziehung wesentlich, sondern hilft uns auch in diagnostischen und therapeutischen Prozessen. Manchmal führen unterschiedliche Kommunikationsstile zu Missverständnissen. Oft sind es aber emotionale Befindlichkeiten, die unsere Patient:innen und uns beeinflussen. Die Schwingungsfähigkeit beider Seiten ist auch hier entscheidend. Eine fehlende Schwingungsfähigkeit hat oft große Auswirkungen auf ärztliches Handeln und sollte uns daher bewusst werden. Hindernissen für die eigene Resonanzfähigkeit sollte Beachtung geschenkt werden – beispielsweise Überlastung, seelische Dysbalance oder auch Konfliktscheu.

ÜBERSINNLICHES (Reinhold Glehr)

Die klassischen 5 Sinne dienen der Wahrnehmung der Umwelt. (Sinnes-)Eindrücke, die von innen kommen, spielen eine Rolle für das Wohlbefinden, sie sind nicht objektivierbar. Wissenschaft und solcherart „Übersinnliches“ stehen in einem natürlichen Spannungsfeld, weil sie auch nicht messbar ist. Das Übersinnliche ist zentrales Thema der Religionen, die Existenz eines Gottes ist nicht beweisbar.

In der Psychosomatik spielen Sinneseindrücke aus dem Inneren eine wichtige Rolle. Es fällt Ärzt:innen oftmals schwer, Beschwerden einer Person einzuordnen, die wir nach eingehender Untersuchung nicht ursächlich erklären können. Wir versuchen, solche Phänomene mit Intuition und mit Resonanz zu erfassen, stellen Fragen nach Familie, Lebenssituation und Stressfaktoren. Wir entwickeln Fantasien über das gestörte Selbst, die gestörte Leiblichkeit, die Entfremdung, über die Auswirkungen im Sozialen. Wir teilen den Betroffenen unsere Ideen mit, fragen nach, ob sie hilfreich bzw. plausibel sind, und finden uns dabei gemeinsam mit ihnen in einem übersinnlichen Bereich. Erst eine gelungene Wechselwirkung im länger dauernden Kommunikationsprozess bringt eventuell eine Näherung.