Neurologische Basisdiagnostik

Diabetische Neuropathie bereits im Frühstadium relevant

Die Polyneuropathie betrifft alle Nerven des peripheren Nervensystems. Die diabetische Neuropathie ist als Teilsyndrom der diabetischen Erkrankung zu sehen. Damit sie sich entwickelt, bedarf es eines langjährigen schlecht eingestellten Blutzuckers. Die Häufigkeit der sogenannten „sensomotorischen diabetischen Neuropathie“, bei der sowohl sensible Hautnervenfasern als auch motorische Nervenfasern betroffen sind, liegt bei Personen mit Diabetes bei ca. 23 %. Im Vergleich zu Nichterkrankten steigt dabei nicht nur Risiko für die Entwicklung eines diabetischen Fußsyndroms, sondern auch die Mortalität. Insbesondere beim Typ-2-Diabetes bleiben aufgrund geringer Beschwerden erste Symptome über viele Jahre unentdeckt und verzögern damit die frühzeitige Behandlung. Durch die Neuropathie sind primär Fußveränderungen oftmals zunächst schmerzlos und werden daher nicht rechtzeitig behandelt.
An der Pathogenese der diabetischen Neuropathie sind komplexe Mechanismen im Körper beteiligt, die insbesondere als Folge des erhöhten Blutzuckers auftreten. Wir unterscheiden beeinflussbare (Blutzucker, Blutfette, Bluthochdruck, Rauchen, Alkohol) und nichtbeeinflussbare Risikofaktoren (Dauer der Zuckererkrankung, Alter, Körperwachstum). Das Wissen über diese Einflussgrößen kann dazu beitragen, Patient:innen mit erhöhtem Risiko zu identifizieren und einer engmaschigeren Kontrolle zuzuführen. So können Patient:innen auch möglichst frühzeitig und bestmöglich unterstützt werden.

Symptome

Die diabetische Neuropathie kann sich durch unterschiedliche Symptome äußern, bleibt aber in ca. 70 % der Fälle asymptomatisch. Man unterscheidet eine nichtschmerzhafte von einer schmerzhaften diabetischen Neuropathie. Neben sensorischen Symptomen können auch motorische Defizite auftreten. Zu den sensorischen Symptomen können distal betonte Schmerzen, unangenehme Missempfindungen (Parästhesien oder Dysästhesien), Taubheitsgefühl und Wadenkrämpfe gezählt werden. Eine schmerzhafte Neuropathie findet sich bei ca. 30 % der Betroffenen. Typischerweise tritt eine Verschlechterung der Schmerzen in der Nacht sowie eine Besserung der Beschwerden beim Gehen auf. Auch Hyperalgesie (leichter Schmerzreiz wird als stark schmerzhaft empfunden) oder Allodynie (nicht schmerzhafter Reiz wird als schmerzhaft empfunden) können vorkommen.

„REGELMÄSSIGE NEUROLOGISCHE VORSORGEUNTERSUCHUNGEN SIND BEREITS IM ANFANGSSTADIUM DES DIABETES MELLITUS WICHTIG.“

Alpha-Liponsäure

Das Erreichen einer normoglykämischen Blutzuckereinstellung mit oralen Antidiabetika, anderen Medikamentenklassen oder Insulin sowie individueller Ernährungsberatung hat oberste Priorität. Von den Therapiewegen, die einem Entstehungsmechanismus der diabetischen Neuropathie gezielt entgegenwirken, ist derzeit lediglich die Alpha-Liponsäure (ALA) bekannt. Dabei handelt es sich um eine natürlich vorkommende, schwefelhaltige Fettsäure, die als Coenzym in allen Zellen vorkommt. Sie wird seit vielen Jahren als Infusionsbehandlung oder als orale Therapie eingesetzt. In etlichen Studien wurde eine signifikante Verbesserung von neuropathischen Symptomen und Defiziten bei Patient:innen mit diabetischer Neuropathie bestätigt. 600 mg orale ALA pro Tag verbesserte beispielsweise die NIS-LL-Scores (Neuropathy Impairment Score in the Lower Limbs) von Patient:innen mit milder bis moderater diabetischer Neuropathie.
Die Praxis zeigt, dass in der Behandlung der diabetischen Neuropathie ein individuelles, multimodales Konzept erforderlich ist. Dieses sollte die Fachrichtungen Innere Medizin, Neurologie, Physio-, Ergo- und Psychotherapie umfassen. Nur so kann eine Verbesserung der Lebensqualität von Diabetiker:innen mit neuropathischen Beschwerden erreicht werden.

Praxismemo
  1. Bei Diabetespatient:innen beginnen Neuropathie-Symptome am Beinende/Vorfuß und breiten sich nach proximal aus.
  2. Am Anfang reichen die Symptome oft nur bis zur Kniehöhe, bevor sie auch an den Armen beginnen.
  3. Die Beschwerden werden meist als socken- oder handschuhförmig beschrieben.
  4. Zur Verbesserung von neuropathischen Symptomen wird Alpha-Liponsäure (ALA) eingesetzt.
  5. Weitere symptomatische Therapie erfolgt mit Opioiden, Trizyklika, SNRI und Antikonvulsiva.