Gegen medizinische Überversorgung: Die ÖGAM empfiehlt

Viele Ärztinnen und Ärzte kennen dieses Problem aus dem Alltag. Nur 30 Prozent der ÖsterreicherInnen wissen, dass Antibiotika nicht gegen Viren helfen. Hinzu kommt der Zeitmangel – Ärztinnen und Ärzte haben oft nur wenig Zeit, um PatientInnen ausführlich darüber aufzuklären, warum eine bestimmte Behandlung oder Untersuchung nicht notwendig ist und dass abwarten besser wäre. Auch PatientInnen haben wenig Zeit – sie möchten nicht noch einmal in die Ordination kommen müssen, um dann am Ende doch ein Antibiotikum zu erhalten, wenn sich der Infekt nicht bessert. Aber auch rechtliche Absicherung ist ein wichtiger Grund dafür, eine Untersuchung oder Behandlung sicherheitshalber durchzuführen, um nichts zu übersehen. Dazu kommt, dass Ärzte und Ärztinnen eher dafür verklagt werden, wenn sie eine Leistung unterlassen, als bei einer Überbehandlung. Dennoch kann eine Behandlung, wenn sie nicht notwendig ist, zu unerwünschten Ereignissen führen.

Weltweites Problem

Medizinische Überversorgung ist zu einem weltweiten Problem geworden, vor allem in den Industrieländern. In 24 Ländern rund um den Globus wurden daher Initiativen gegründet, die sich gegen Überversorgung einsetzen. Seit 2017 gibt es so eine Initiative auch in Österreich: „Gemeinsam gut entscheiden – Choosing Wisely Austria“. Choosing Wisely ist eine Bewegung aus den USA, die „Do not“-Empfehlungen von medizinischen Fachgesellschaften veröffentlichen. Es geht bei diesen Empfehlungen um Behandlungen und Untersuchungen, die zu häufig angewandt werden und auch schaden können. Auch in Österreich arbeitet „Gemeinsam gut entscheiden“ mit medizinischen Fachgesellschaften zusammen. Die Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) wählte fünf wichtige Empfehlungen aus, die Hausärztinnen und -ärzte bei der Aufklärungsarbeit unterstützen sollen (Tab.). Dabei waren nicht notwendige Antibiotika ein wichtiges Thema.

 

 

Antibiotika bei Verkühlung

Die erste der Top-5-Empfehlungen betrifft ein häufiges Problem in der Praxis: die Anwendung von Antibiotika bei leichten bis mittelschweren Infekten der oberen Atemwege. Wie unter Ärztinnen und Ärzten bekannt, sind in der Mehrzahl der Fälle Viren die Ursache für Schnupfen, Halsweh und Fieber. Beispielsweise sind bei 100 Personen mit unkomplizierter Entzündung der Nasennebenhöhlen nur bei zwei Bakterien verantwortlich, die restlichen 98 haben virale Erkrankungen. PatientInnen darüber aufzuklären, warum Antibiotika nicht helfen, kostet Zeit. Eine große Studie aus Bayern zeigte, dass in Ordinationen mit hohem PatientInnenvolumen 44 Prozent ein Antibiotikum für ihren respiratorischen Infekt erhielten, während es in den Praxen mit weniger PatientInnen 8,5 Prozent waren. Auch in sozial benachteiligten und ländlichen Regionen war die Chance größer, ein Antibiotikum zu erhalten. Die ÖGAM wählte daher diese Empfehlung für die Kampagne „Gemeinsam gut entscheiden“, um Hausärztinnen und -ärzte bei der Aufklärung zu entlasten.
Wir bereiteten die Empfehlungen der ÖGAM in einer Broschüre, in einer für Laien verständlichen Sprache auf.

Unter gemeinsam-gut-entscheiden.at können kostenfrei das ÖGAM-Poster und Broschüren heruntergeladen werden.

Röntgen bei Rückenschmerzen

Etwa 60 bis 85 Prozent der Bevölkerung leiden einmal im Leben an Rückenschmerzen – die Ursache bleibt häufig unklar. Der Grund für die Schmerzen können Muskelschwäche, Verspannungen und Stress sein – Ursachen, die in der Bildgebung nicht zu erkennen sind. Häufig verschwinden die Rückenschmerzen innerhalb von 4 Wochen von allein – mit oder ohne Bildgebung. Achtung bei Warnsymptomen „Red flags“ wie zum Beispiel Schmerzen in Verbindung mit einem Unfall, Lähmungserscheinungen und Gefühlsstörungen oder einer bekannten Krebserkrankung.

Mittelohrentzündung

Bei Kindern mit milder Otitis media im Alter zwischen 2 bis 12 Jahren kann zwei bis drei Tage abgewartet werden, bevor mit einer Antibiotikabehandlung begonnen wird. Ein Cochrane-Review zeigte, dass 60 Prozent der Kinder innerhalb von 24 Stunden wieder beschwerdefrei sind, mit oder ohne Antibiotikum. Auch innerhalb von 2 und 3 Tagen waren etwa gleich viele Kinder wieder beschwerdefrei, mit Antibiotikum waren es etwas mehr (84 Prozent vs. 89 Prozent). Trommelfellrisse traten seltener unter Antibiotikatherapie auf: 2 Prozent vs. 5 Prozent ohne Antibiotika. Trommelfellrisse heilen in der Regel von selbst ab. Unter Antibiotikabehandlung litten mehr Kinder unter Nebenwirkungen wie Erbrechen, Durchfall und Hautausschlägen (27 Prozent versus 20 Prozent).

Bakterien im Harn

Bakterien im Harn sind häufig, besonders bei älteren Personen, die einen Harnkatheter haben. Vor allem in Langzeitpflegeinrichtungen lassen sich bei den BewohnerInnen häufig Bakterien im Harn nachweisen. Bakterien im Harn erfordern jedoch nicht zwangsläufig Antibiotika. Sind Personen beschwerdefrei, sind keine Antibiotika notwendig. Eine Ausnahme gilt für schwangere Frauen und PatientInnen vor urologischen Operationen.

Prostatakrebsfrüherkennung

Viele beschwerdefreie Männer lassen als Vorsorgeuntersuchung den PSA-Wert bestimmen. Allerdings liefert der Test oft falsch-positive Resultate. Zudem könnten Tumoren entdeckt werden, die zu Lebzeiten nie aufgefallen wären, sogenannte Überdiagnosen. Es ist wichtig, dass Patienten über Vor- und Nachteile der Untersuchung Bescheid wissen. In einer großen Studie aus Europa starb während 13 Jahren jedes Jahr 1 Mann weniger pro 10.000 an Prostatakrebs, wenn der PSA-Wert bestimmt worden war. Wenn man alle Todesursachen berücksichtigt, starben am Ende jedoch gleich viele Männer, egal ob PSA-Tests durchgeführt worden waren oder nicht. Den PSA-Wert zu bestimmen, obwohl die Betroffenen keine Beschwerden hatten, konnte also das Risiko, zu versterben, unterm Schnitt nicht senken.

„Gemeinsam gut entscheiden – Choosing Wisely Austria“ ist ein Kooperationsprojekt von Cochrane Österreich an der Donau-Universität Krems und dem Institut für Allgemein-medizin an der Medizinischen Universität Graz.

Top Empfehlungen für Allgemeinmediziner
Kostenfreie Bestellung der Infobroschürenund des Antibiotika-Posters

 

AutorIn: Dr. Anna Glechner

Leiterin des Ärzteinformationszentrums – Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation, Cochrane Österreich, Donau-Universität Krems

©Foto: Andrea Reischer


AEK 21|2020

Publikationsdatum: 2020-10-30