Häufige Augenerkrankungen in der Praxis

Augenerkrankungen sind häufig und können in jedem Alter auftreten, obwohl das Manifestationsalter für unterschiedliche Erkrankungen variieren kann. Im Vereinigten Königreich betreffen ca. 5 % aller Patientenbesuche beim Hausarzt Augenprobleme. Nichtsdestotrotz verlangt die Häufigkeit der Augenerkrankungen insbesondere die Kenntnis, welche Symptome und Befunde Warnzeichen für eine Notfallüberweisung zum Augenarzt darstellen.

Das trockene Auge

Bei der Keratokonjunktivitis sicca (Sicca-Syndrom, trockenes Auge) ist entweder die Tränenmenge reduziert oder die Tränenqualität so verändert, dass die Tränen schneller evaporieren. Die Erkrankung tritt häufiger bei Frauen und grundsätzlich in jedem Alter auf, die Prävalenz nimmt jedoch mit dem Alter zu und ist bei Kindern gering. Das Sicca-Syndrom kann entweder idiopathisch oder im Rahmen von Autoimmunerkrankungen (Sjögren-Syndrom, rheumatoide Arthritis, Lupus, Wegener-Granulomatose u. a.), durch Medikamente, nach Augenoperationen, bei chronischer Benutzung von Augentropfen, bei Erkrankungen der Tränendrüse und der Lidkante, durch Rauch oder trockene Luft und bei Vitamin-A-Mangel auftreten.
Typische Symptome sind das Fremdkörpergefühl, das sogar als Schmerz empfunden werden kann, eine erhöhte Lichtempfindlichkeit und verklebte Augen beim Aufwachen. Die Augen sind hyperämisch, die Lider können leicht geschwollen sein. In extremen Fällen, wie z. B. beim fortgeschrittenen Sjögren-Syndrom, nach Bestrahlung der Tränendrüse oder bei Vitamin-A-Mangel, kann es bis zu einer massiven Störung der Augenoberfläche mit Hornhauteintrübung, Keratopathie bis zur Hornhautperforation und Keratinisierung der Bindehaut kommen.
Zur Behandlung können bei milder Ausprägung Tränenersatzmittel (Tropfen, Salben, Gels) eingesetzt werden, bei schweren Fällen zeigen Punctum Plugs und Cyclosporin-A-Augentropfen gute Erfolge. Omega-3-Fettsäuren und Vitamin A sind im Fall eines Mangels wichtige Bestandteile der Behandlung.

Konjunktivitis

Das klinische Bild einer Bindehautentzündung ist teilweise mit dem des trockenen Auges überlappend. Als Ursachen gelten eine Reihe von infektiösen (Viren, Bakterien, Parasiten) und nichtinfektiösen Faktoren. Die nichtinfektiöse Konjunktivitis kann sich allergisch bedingt, im Rahmen einer Atopie, als toxische Reaktion auf Augentropfen, sekundär zu Augenentzündungen, bei Schilddrüsendysfunktion oder bei chronischer Anwendung von Kontaktlinsen manifestieren.
Typische Symptome und Befunde sind Bindehauthyperämie, Lidschwellung, Juckreiz (insbesondere bei Allergien), Sekret (mukös oder eitrig), Verschwommensehen und Fremdkörpergefühl. Infektiöse Konjunktivitiden, insbesondere durch Adenoviren, können extrem ansteckend sein, somit sind adäquate Desinfektionsmaßnahmen und Handhygiene dringend zu empfehlen.
Die Therapie der Konjunktivitis richtet sich nach der jeweils spezifischen Ursache und soll bei mangelnder Tränenfilmqualität zur Linderung der Symptome beitragen.

Altersbedingte Makuladegeneration

Die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) ist eine der wichtigsten Erblindungsursachen in der industrialisierten Welt. Es handelt sich um eine erworbene strukturelle degenerative Veränderung der Netzhaut insbesondere im Bereich der Makula (Stelle des scharfen Sehens), die langsam progressiv oder akut zu einer Sehminderung führen kann. Die Prävalenz nimmt mit dem Alter ab ca. dem 50. Lebensjahr zu, steigt allerdings massiv ab dem 75. Lebensjahr.
Trocken oder feucht: Man unterscheidet zwei Formen der AMD, nämlich die nichtexsudative (trockene) und die exsudative/neovaskuläre (feuchte) Form. Erstere charakterisiert sich durch Ablagerungen im subretinalen Raum („Drusen“), die allmählich zu einer Degeneration und Atrophie der zentralen Netzhaut führen können. Bei der feuchten Form kommt es zum Wachstum pathologischer Gefäßkomplexe im subretinalen Raum, das unbehandelt zu ausgeprägten strukturellen Veränderungen bis zu massiver Vernarbung (Morbus Junius-Kuhnt), Lipidexsudation, Blutungen und Photorezeptorendegeneration mit assoziierter Sehminderung führen kann. Beide Formen können koexistieren. Als Risikofaktoren gelten hohes Alter, Rauchen, Dyslipidämie, arterielle Hypertension, Adipositas und genetische Faktoren.
Typische Symptome sind die Visusminderung und das herabgesetzte Kontrastsehvermögen. Im Falle der Entwicklung einer exsudativen AMD können die Patienten zusätzlich über Metamorphopsien (verzerrtes Sehen, gerade Linien erscheinen gewellt) berichten, was ein Alarmzeichen für eine unverzügliche Überweisung zum Augenarzt darstellt.
Die Therapie der feuchten AMD besteht heute vorwiegend in der Injektion von Anti-VEGF (Hemmer vaskulärer endothelialer Wachstumsfaktoren) wie Ranibizumab, Bevacizumab, Aflibercept oder Brolucizumab in den Glaskörperraum. Dieser kurze Eingriff hat sich in der Augenheilkunde zum am häufigsten durchgeführten operativen Eingriff entwickelt, erfolgt tagesklinisch und kann in fast allen Fällen mehrmals wiederholt werden. Bei großen subretinalen Blutungen kann eine operative Versorgung mittels Vitrektomie erforderlich sein. Neue Medikamente und gentherapeutische Ansätze zur Förderung der endogenen Produktion von anti-VEGF können in der Zukunft sowohl den Therapieerfolg erhöhen als auch die durch den Bedarf für wiederholte Injektionen gegebene Belastung reduzieren.
Als Therapie für die trockene AMD könnte die orale Substitution mittels der so genannten AREDS2 („Age-related eye disease study“-)Kombination, die Lutein, Zeaxanthin, Vitamin C, Kupferoxid und Zink enthält, die Progression zur schweren fortgeschrittenen Form zum Teil verhindern, jedoch ist die Datenlage diesbezüglich noch nicht ganz eindeutig. Nahrungsergänzungsmittel mit β-Karotin sind für Raucher kontraindiziert, da diese das Lungenkrebs-Risiko erhöhen.

Fazit

Die altersbedingte Makuladegeneration gehört zu den wichtigsten Ursachen einer gravierenden Sehbeeinträchtigung in der industrialisierten Welt. Jeder Patient mit Augensymptomatik sollte hinsichtlich einer Sehminderung befragt werden. Sollte diese vorhanden sein, ist eine unverzügliche oder sogar notfallmäßige Augenuntersuchung notwendig.

Wissenswertes für die Praxis
  • Sowohl die Symptome als auch ein Teil der klinischen Befunde bei Sicca-Syndrom und Konjunktivitis sind unspezifisch und können bei einer Reihe anderer Erkrankungen, die das Sehvermögen des Patienten gefährden können, erscheinen.
  • Ein über wenige Tage persistierendes rotes Auge oder ein rotes Auge mit assoziierter Sehminderung sollte deshalb unverzüglich zum Augenarzt überwiesen werden.
  • Die empirische Gabe lokaler Steroide ohne augenärztliche Indikationsstellung ist nicht indiziert, da diese bei bestimmten Krankheitsbildern zu einer Verschlechterung des Befundes und somit der Prognose führen kann.
AutorIn: Dr. Georgios Blatsios, MD, PhD

Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie, Tirol Kliniken, Medizinische Universität Innsbruck


AEK 11|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-06-04