Klimakrise = Biodiversitätskrise = Gesundheitskrise

Die Intensivierung menschlicher Eingriffe in Ökosysteme in den letzten Jahrzehnten hat – neben der Klimakrise – auch eine Biodiversitätskrise zur Folge. Biodiversität umfasst die genetische Vielfalt sowie die Vielfalt an Arten und Lebensräumen. Sie ist Basis zahlreicher für uns essenzieller Ökosystemleistungen (Stichworte: Klimaregulierung, Regulierung des Wasserhaushalts, Bodenerhaltung, Erhaltung pharmakologisch bedeutsamer Spezies).
Laut Weltbiodiversitätsrat der Vereinten Nationen (2019) ist rund eine Million Arten vom Aussterben bedroht. Die Treiber für diesen Biodiversitätsverlust (Übernutzung terrestrischer und aquatischer Ressourcen, Schadstoffeinträge in die Umwelt, Ausweitung von Siedlungsräumen und Anbauflächen, industrieller Landbau) sind gleichzeitig auch mitverantwortlich für den Klimawandel.

Steigende Temperaturen – Auswirkungen auf die Gesundheit

Die steigenden Temperaturen haben weitreichende, teils dramatische, direkte und indirekte, negative Gesundheitsfolgen. Mit den häufiger auftretenden Extremwetter-ereignissen (Hitzeperioden, Starkniederschläge mit Überschwemmungen und Vermurungen) sind gesundheitliche Beeinträchtigungen bis hin zu Todesfällen verbunden. Bei Katastrophen gibt es nicht nur große Sachbeschädigungen wie zerstörte, unbewohnbare Häuser, vernichtete landwirtschaftliche Flächen und Naturräume, sondern auch Verletzte und Tote. Bei den unmittelbar betroffenen Menschen können solche Verlusterlebnisse zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen.
Auch die Zunahme von Sonnentagen mit stärkerer Einwirkung von UV-Strahlung und Bildung sekundärer Luftschadstoffe (z. B. Ozon) führt zu einer Krankheitslast in unserer Bevölkerung. Diese aggressiven Reizgase führen zu Entzündungsreaktionen in den tiefen Atemwegen; der Atemtrakt kann nachhaltig geschädigt und sogar die Sterblichkeit erhöht werden.

Zunahme gesundheitsrelevanter Neobiota

Klimawandelbedingt ist darüber hinaus mit einer Zunahme gesundheitsrelevanter Neobiota (Definition siehe Kasten) zu rechnen. Ansiedelung und Ausbreitung gebietsfremder Arten kann bei steigenden Temperaturen häufiger, großflächiger und schneller ablaufen. Kritische Phasen der Entwicklungszyklen vieler Arten können entscheidend beeinflusst werden, wodurch sich die Entwicklungsbedingungen von Arten verschieben können, was deren Zusammensetzung verändert. Dadurch können Funktion und Vielfalt von Lebensräumen beeinträchtigt werden. Zugleich geraten die potenziellen Gesundheitseffekte von Neobiota und daran geknüpfte Folgen für das Gesundheitssystem stärker in den ärztlichen Fokus.

Ragweed
Unter den gebietsfremden Pflanzenarten (Neophyten) ist bekanntlich das aus Nordamerika stammende Ragweed (Ambrosia artemisiifolia), das sich bei uns in kurzer Zeit ausgebreitet hat, mit seinen hoch allergenen Pollen von gesundheitlicher Bedeutung. Nicht nur die zunehmende Ausbreitung in Österreich ist ein Problem, sondern auch die längere Blütezeit. Dadurch steigt das Risiko, eine Allergie zu entwickeln; Allergiker leiden länger und stärker. Zusätzlich sorgen andere Phänomene für eine weitere Verschärfung der Situation: Durch Luftschadstoffe (z. B. Stickstoffdioxid) werden die ohnehin „aggressiven“ Ragweed-Pollen noch allergener.

Stechmückenarten
Begünstigt durch steigende Temperaturen und Globalisierung kam es z. B. im letzten Jahrzehnt auch verstärkt zur Einschleppung, Etablierung und Ausbreitung exotischer Stechmückenarten in Europa. Als gebietsfremde Krankheitsvektoren haben einige Stechmückenarten und Zecken die höchste Relevanz, wobei hier die asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) und die asiatische Buschmücke (Aedes japonicus) als potenzielle Vektoren von Dengue-, Chikungunya- und West-Nil-Fieber im (medialen) Vordergrund stehen. Aber auch der gemeine Holzbock (Ixodes ricinus), jene Schildzeckenart, die in Österreich für die Verbreitung von FSME und Borreliose bedeutsam ist, breitet sich in neue Bereiche aus (z. B. steigende Höhenlagen), in denen er vor wenigen Jahren noch nicht überlebt hätte.
Derzeit sind die Gesundheitsrisiken, die von manchen dieser Vektoren ausgehen, noch gering, da sie bisher keine stabilen Populationen bilden oder den Krankheitserreger, den sie übertragen, noch nicht aufgenommen haben.
Jedoch ist davon auszugehen, dass wir in Österreich vermehrt mit Krankheiten konfrontiert werden, die bisher als Tropenerkrankungen galten. Für das Gesundheitssystem bedeutet dies neue Herausforderungen.

 

Zunahme gesundheitsrelevanter Neobiota
Als Neobiota oder „Alien Species“ werden allgemein gebietsfremde Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sowie Mikroorganismen bezeichnet, die nach 1492 (Jahr der „Entdeckung“ Amerikas) unter Mitwirkung des Menschen absichtlich oder unabsichtlich in ein neues Gebiet gelangen. Die Ausbreitungswege sind dabei vielfältig und werden durch steigende Mobilität bzw. globale Vernetzung begünstigt: Über internationalen Handel und damit verbundene Transportwege können Spezies über weite Entfernungen verschleppt werden und in neuen Regionen zum Teil gravierende Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, aber auch auf die Gesundheit von Menschen und Nutztieren haben sowie große wirtschaftliche Schäden verursachen. Gebietsfremden Arten, die negative Folgen auf die autochthonen Arten haben, werden als invasiv eingestuft.

 

Ausblick

Die Folgen rücksichtsloser Ausbeutung natürlicher Ressourcen sind seit langem bekannt. In nie dagewesener Geschwindigkeit findet dieser Raubbau an unseren Lebens- und Gesundheitsgrundlagen vor unseren Augen statt. Auch wenn die Komplexität des Netzwerks von Ursachen und Wirkungen überwältigend erscheinen mag: Im Gegensatz etwa zur aktuellen, durch das neuartige Coronavirus ausgelösten Gesundheitskrise, in der fieberhaft Schutzmaßnahmen- und Strategien auf dünner, jedoch rasant wachsender wissenschaftlicher Evidenz erarbeitet werden müssen, sind die Risiken, die Klima- und Biodiversitätskrise darstellen, seit Jahrzehnten bekannt, ebenso wie die Maßnahmen zu deren Bekämpfung.
Das Entscheidende ist nun, dass die, in den vergangenen Jahren immer eindringlicheren Appelle anerkannter wissenschaftlicher Gremien sowie Verpflichtungen aus internationalen Verträgen zu Klima- und Biodiversitätsschutz, endlich konsequent umgesetzt werden.
Die Coronakrise hat eindrucksvoll gezeigt: Es sind auch energische und einschneidende (politische) Maßnahmen – die es angesichts der Tragweite der bestehenden Umweltkrisen braucht – möglich.
Das Ziel kann nicht „zurück zu einer alten Normalität“ sein. Neue Kooperationen, das Denken über Sektoren-, Länder- und institutionelle Grenzen hinweg, der Mut zu kreativen Wegen und Lösungen sowie langfristige Einbeziehung unabhängiger wissenschaftlicher Beratungsstäbe bei Maßnahmensetzungen und deren Kommunikation braucht es auch zur Bewältigung der Klima- und Biodiversitätskrise.
Ärzte haben aus unserer Sicht die Aufgabe, in dieser Sache Stellung zu beziehen. Es geht schließlich um Gesundheit, und außerdem haben wir nach wie vor eine hohe Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung.

 

Wissenswertes für die Praxis
  • Die gesamte Bevölkerung ist von den gesundheitlichen Auswirkungen betroffen, nicht nur Risikogruppen.
  • Anpassungen des Gesundheitssystems an diese Herausforderungen sind notwendig, ersetzen aber nicht die Umsetzung längst fälliger Klimaschutzmaßnahmen: „Wir müssen vermeiden, was sich nicht bewältigen lässt, und bewältigen, was sich nicht vermeiden lässt.“
  • Rasche Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen ist zur Verringerung der klimabedingten Gesundheitsfolgen dringend notwendig. Aber auch aufgrund der hohen ökonomischen Kosten. Allein die wetter- und klimawandelbedingten Schäden betragen in Österreich durchschnittlich zumindest 2 Mrd. Euro pro Jahr.

 


Literatur beim Verfasser

AutorIn: Assoc. Prof. Priv.-Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter

Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin
Zentrum für Public Health
Medizinische Universität Wien
© Bubu Dujmic Photography


AutorIn: Kathrin Lemmerer, MSc

Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin
Zentrum für Public Health
Medizinische Universität Wien
© Bubu Dujmic Photography


AEK 06|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-03-26