Neue Impulse für die kardiologische Praxis

Depressionen, Angststörungen, Stress und psychische Belastung sind eng mit dem Auftreten von kardiovaskulären Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern assoziiert. Darüber hinaus verschlechtern psychische Erkrankungen die Prognose nach einem Herzinfarkt und erhöhen Morbidität und Mortalität.1 Angesichts der wachsenden Evidenz zur Wechselwirkung zwischen psychischer Gesundheit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen rückt die Psychokardiologie zunehmend in den Fokus der kardiologischen Praxis, wie rezente Statements großer kardiologischer Fachgesellschaften zeigen.1, 2

Pathophysiologische Prozesse

Depression und Angststörungen beeinflussen nicht nur das subjektive Wohlbefinden, sondern auch physiologische Mechanismen wie autonome Regulation, inflammatorische Prozesse und Endothelfunktion.1 Neuere Studien belegen, dass erhöhte Stresssignale im Gehirn, insbesondere in der Amygdala, mit einer verminderten Herzratenvariabilität und erhöhten Entzündungsmarkern korrelieren. Diese neurobiologischen Stresspfade vermitteln einen Teil des erhöhten Risikos für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse bei Betroffenen mit Depression und/oder Angst. Dabei zeigen die Effekte eine unabhängige Assoziation, die über klassische Risikofaktoren hinausgeht und die Bedeutung psychischer Komorbiditäten als eigenständigen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen unterstreicht.3

Die American Heart Association führt an, dass bis zu 50 % aller Herzinfarkt-Patient:innen nach dem Ereignis an einer Form von psychischem Disstress leiden, was das Risiko für Folgeinfarkte erhöht.2 Aktuelle Daten zeigen, dass Angststörungen und depressive Symptome nach Myokardinfarkt häufig auftreten und über psychosoziale Belastungen hinausgehen. In diesen Populationen ist die Angstsymptomatik nicht nur weitverbreitet, sondern auch mit messbaren Veränderungen der Gefäßfunktion assoziiert, darunter erhöhte arterielle Steifigkeit und ein ungünstiges Biomarkerprofil.

Diese Befunde deuten darauf hin, dass psychische Belastungen in der frühen Phase nach einem Herzereignis mit pathophysiologischen Prozessen verknüpft sind, welche die kardiovaskuläre Erholung und Rehabilitation beeinflussen können. Vor diesem Hintergrund gewinnen die systematische Erfassung und Behandlung von Angststörungen im Rahmen der kardiologischen Nachsorge zunehmend an Bedeutung.4

Psychosoziale Einflussfaktoren

Psychischer Disstress nach einem Myokardinfarkt kann das Umsetzen empfohlener Lebensstilmaßnahmen erschweren. Mangelnde körperliche Aktivität, Rauchen bzw. das Unvermögen, mit dem Rauchen aufzuhören, verstärkter Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung, Adipositas, Schlafmangel oder die mangelnde Teilnahme an kardialen Rehabilitationsprogrammen erhöhen das Risiko künftiger kardiovaskulärer Ereignisse.2 Darüber hinaus wirken sich Angststörungen negativ auf die Therapieadhärenz von Personen mit kardiovaskulären Erkrankungen aus. Eine Metaanalyse aus 23 Beobachtungsstudien deutet darauf hin, dass Angst nicht nur ein Begleitsymptom ist, sondern eine praktisch relevante Barriere für die Adhärenz darstellt und potenziell zu schlechteren klinischen Outcomes beiträgt. Da die eingeschlossenen Studien heterogen waren, weisen die Studienautor:innen jedoch auf eine vorsichtige Interpretation dieser Ergebnisse hin.5

Eine weitere rezente Metaanalyse wies nach, dass Angststörungen, Panikstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen mit einem höheren Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, verknüpft sind. Da Angststörungen häufige, aber behandelbare psychische Erkrankungen sind, können eine korrekte Diagnose und adäquate Behandlung den negativen Einfluss auf die kardiovaskuläre Gesundheit reduzieren.6

Implikationen für die Praxis

Die „ACTIVE“-Prinzipien (Abb.) der European Society of Cardiology bieten einen praxisnahen Orientierungsrahmen zur systematischen Integration psychischer Gesundheit in die kardiovaskuläre Versorgung. Für die Umsetzung dieser Prinzipien sind multidisziplinäre Teams erforderlich: Neben kardiologischen und psychiatrischen/psychologischen Fachkräften sollte das Psycho-Kardio-Team nach Bedarf durch weitere Berufsgruppen wie Sozialarbeiter:innen ergänzt werden, die Patient:innen sowie deren Angehörige in der Umsetzung der Empfehlungen unterstützen können.1

Abb.: Die „ACTIVE“-Prinzipien zur Verbesserung der psychischen Gesundheit in der kardiovaskulären Betreuung1

Die psychische Gesundheit beeinflusst maßgeblich die kardiovaskuläre Prognose und sollte daher in Screening, Behandlung und Nachsorge berücksichtigt werden. Die zunehmende Integration psychokardiologischer Ansätze spiegelt ein erweitertes Verständnis von kardiovaskulären Erkrankungen wider, das psychische Gesundheit als klinisch relevanten Faktor anerkennt.1, 2