Ohrenschmerzen bei Kindern: Wie abklären und behandeln?

Herr Dr. Sinzinger, wann sollte bei sehr jungen Kindern, welche die Lokalisation ihrer Schmerzen noch nicht kommunizieren können, an eine Mittelohrentzündung gedacht werden?

Dr. Georg Sinzinger: Die akute Otitis media zählt zu den häufigsten Erkrankungen im Kindesalter, etwa die Hälfte der Kinder im 1. Lebensjahr und bis zu zwei Drittel der Kinder bis zum 3. Lebensjahr machen diese zumindest einmal durch. Kinder haben aufgrund ihrer noch kurzen Tuba auditiva ein höheres Risiko für aufsteigende Infekte aus dem Nasopharynx in das Mittelohr. Deshalb sollte an eine akute Mittelohrentzündung gedacht werden, wenn das Kind erkältet ist, wenn die Temperatur erhöht und der Allgemeinzustand reduziert ist. Wenn kleine Kinder an ihre Ohren greifen, kann dies ebenfalls als Hinweis gewertet werden.

Welche diagnostischen Maßnahmen sind erforderlich?

Am Beginn steht – wie immer – die Anamnese, die unter anderem Fragen nach dem bisherigen Krankheitsverlauf, Vorerkrankungen und möglichen Hinweisen auf die Ursache der Beschwerden beinhaltet. Im Rahmen einer Untersuchung des kompletten Ohr-, Nasen- und Hals-Rachen-Raumes ist ein Blick ins Ohr unumgänglich. Mittels Otoskop oder Mikroskop wird das Trommelfell auf Veränderungen untersucht. Typisch ist eine Rötung des Trommelfells; eine Einziehung des Trommelfells weist auf eine behinderte Belüftung hin, während es bei einem wässrigen oder eitrigen Paukenerguss zur Wölbung nach außen kommt.

Welche Differenzialdiagnosen sind zu beachten?

Differenzialdiagnostisch ist zu beachten, dass auch Zähne, entzündete Mandeln oder das Kiefergelenk in das Ohr ausstrahlende Schmerzen verursachen können. Gleiches gilt für Probleme der Halswirbelsäule, die allerdings bei Kindern selten vorkommen. Im Rahmen der Diagnostik ist auch zu beurteilen, ob der Gehörgang gerötet, geschwollen oder durch Zerumen verlegt ist. Als Faustregel kann gelten: Je kleiner das Kind ist, desto eher handelt es sich um eine Otitis media. Bei etwas größeren Kindern ist vor allem im Sommer während der Badesaison an eine Otitis externa zu denken, die ebenfalls sehr schmerzhaft ist. Allerdings kann eine Otitis externa beispielsweise auch durch geringfügige Verletzungen etwa durch den Gebrauch von Wattestäbchen verursacht werden.
Eine weitere Differenzialdiagnose ist die bullöse Myringitis. Dabei handelt es sich um Blasen, die an der Oberfläche des Trommelfells entstehen und sehr schmerzhaft sind. Sobald sich die Blasen entleeren, wird auch die Schmerzhaftigkeit geringer.

Wie ist das therapeutische Vorgehen im Fall einer diagnostizierten Otitis media?

In erster Linie entscheidet die Klinik über die Therapie. Ein weiterer wichtiger Faktor ist auch die Verlässlichkeit und Kooperationsbereitschaft der Eltern. Generell besteht der erste Schritt in der symptomatischen Behandlung mit bewährten fiebersenkenden und entzündungshemmenden Medikamenten, wobei Ibuprofen (Nureflex®) und Naproxen als Mittel erster Wahl gelten; zusätzlich sollen abschwellende Nasentropfen eingesetzt werden. Es ist sinnvoll, bereits bei der Erstkonsultation einen Kontrolltermin 2–3 Tage später zu vereinbaren. Bei diesem wird besprochen und untersucht, ob eine Besserung eingetreten ist. Es ist zu betonen, dass eine akute Otitis media in den meisten Fällen ohne Einsatz von Antibiotika ausheilt.
Das Gleiche gilt übrigens auch für die bullöse Myringitis, die im Wesentlichen gleich behandelt wird wie die Otitis media.

Wann sehen Sie den Einsatz eines Antibiotikums als sinnvoll beziehungsweise unumgänglich?

Ich empfehle den Einsatz eines Antibiotikums in Absprache mit den Eltern, wenn sich der klinische Zustand des Kindes über mehrere Tage nicht verbessert, wenn trotz symptomatischer Behandlung weiterhin Fieber und/oder starke Ohrenschmerzen bestehen und wenn bei der Untersuchung des Trommelfells keine Besserung zu beobachten ist. Bedeutsam für die Beurteilung der Situation ist auch die Art der Ohrsekretion. Bildet sich ein eitriger Erguss nicht zurück, kann es zur Perforation des Trommelfells und dadurch zum Abfließen des Sekretes kommen. Zur Beruhigung der Eltern ist zu sagen, dass sich Einrisse im Trommelfell in der Regel gut zurückbilden. Wenn zusätzlich noch hohe Werte bei Entzündungsparametern wie dem CRP dazukommen, ist dies ebenfalls ein Hinweis, sich für die Gabe eines Antibiotikums zu entscheiden. Antibiotische Substanzen der ersten Wahl sind Amoxicillin, eventuell in Kombination mit Clavulansäure, oder ein Cephalosporin.
Bleibt die eitrige Sekretion auch nach einer Antibiotikabehandlung bestehen, ist ein Abstrich erforderlich, um die Erreger auf mögliche Resistenzen zu untersuchen und den Wirkstoff entsprechend dem Antibiogramm zu wählen.
Auch wenn die Komplikation einer Mastoiditis sehr selten geworden ist, sollte dieses Risiko im Auge behalten und durch konsequente Therapie vermieden werden.

Wie ist eine Otitis externa zu behandeln?

Die Behandlung der akuten Otitis externa besteht einerseits in einer symptomatischen Therapie mit schmerz- und entzündungshemmenden Medikamenten, andererseits ist es notwendig, nach einer möglichst gründlichen Ohrreinigung eine Lokaltherapie mit antimikrobiellen und antiseptische Substanzen durchzuführen. Dies erfolgt bevorzugt durch Einlage eines Salbenstreifens; sollte dies nicht möglich sein, durch die Anwendung antibiotischer und kortikoidhaltiger Tropfen. Eine orale antibiotische Therapie ist in der Regel nur zu erwägen, wenn die Schmerzen trotz Behandlung weiter bestehen und die Entzündung fortschreitet und auch weitere Strukturen wie Ohrmuschel oder Mittelohr mitbetroffen sind.

Vielen Dank für das Gespräch

 

 

Für die Praxis:

  • Die Otitis media zählt zu den häufigsten Erkrankungen im Kindesalter.
  • Die Diagnose beruht im Wesentlichen auf der klinischen Präsentation, der Anamnese und der Untersuchung mittels Otoskop oder Mikroskop.
  • In der überwiegenden Zahl der Fälle heilt eine Otitis media spontan unter einer symptomatischen Behandlung mit einem schmerz- und fiebersenkenden Medikament ab. Über die Gabe eines oralen Antibiotikums entscheidet der behandelnde Arzt individuell je nach Klinik und Verlauf.
  • Für die Behandlung der Otitis externa kommt ebenfalls eine symptomatische Behandlung sowie zusätzlich der lokale Einsatz antiseptischer/antibiotischer und kortikoidhaltiger Präparate infrage.
Interview mit: Dr. Georg Sinzinger

Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Fachgruppenobmann HNO Salzburg


AutorIn: Mag. Andrea Weiss

AEK 13|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-06-26