Psychische Störungen im Fokus von Untersuchungen

In jüngster Zeit gibt es vermehrt Untersuchungsergebnisse auch über Belastungen im psychischen Bereich, wie z. B.:

  • 23 % der österreichischen Bevölkerung leide an Angstsymptomen.
  • Die Zahl an schwerer Depression erkrankter Menschen habe sich verzehnfacht.
  • Schlafstörungen haben deutlich zugenommen.
  • Die Zunahme von Essstörungen bei Jugendlichen führe zu Wartezeiten bei Therapieplätzen.

Diesbezüglich alarmierende Schlagzeilen in den Medien verstärken das noch einmal durch eine Wortwahl wie „psychische Schäden“, „verlorene Generation“, „psychische Störungen“. Psychische Belastungen werden gemeinsam mit befürchteten sozialen Auswirkungen den Maßnahmen gegenübergestellt, die körperliche Gesundheit erhalten sollen, um nicht zu sagen: Sie werden gegeneinander ausgespielt. Zielführender wäre es, für den Diskurs dafür von ärztlicher Seite medizinisches Wissen und politische Maßnahmen zu unterscheiden.
Generell fordern Unsicherheit, Unvorhersagbarkeit, rasch wechselnde Annahmen, die Flexibilität und die Multitaskingfähigkeit. Dies betrifft derzeit im Besonderen z. B. berufstätige Mütter, die dies mit großer Selbstverständlichkeit leisten. Durch die Länge des bisherigen Zeitabschnittes tritt nun – und das ist völlig normal – vermehrt Ermüdung, aber auch Frust nach anfänglich akzeptierender Zuversicht ein. Da das ersehnte Ende zeitlich nicht benennbar ist, wird dieses teils eben selbst benannt: „Es reicht, … ich will wieder meine Party, oder, … ich kann den Kindern nicht alles verbieten …“. Werden Schutzmaßnahmen nicht als schützend, sondern als Einschränkung bewertet, können Hoffnungslosigkeit, Gereiztheit, Wut und Resignation die Folge sein und als Symptome in Sprache gebracht werden.

Psychische Symptome können aufzeigen, dass die bisherigen individuellen Bewältigungsstrategien nicht mehr angemessen sind, entweder, weil diese schon zu lange andauern oder persönlich hinterfragt werden. In welchem Zusammenhang hören wir in der allgemeinmedizinischen Praxis vermehrt von psychischen Symptomen?

Hier gilt es zu unterscheiden:

  • psychische Symptome, die sich in Folge einer COVID-Erkrankung ergeben können, wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, aber auch Schuldgefühle oder Zorn infolge der Infektiosität
  • Dann gibt es diejenigen Patient*innen, die schon in der Vergangenheit vorübergehende, kürzere Episoden, leichte Formen oder fokussiert schwere psychische Störungen hatten und wo nun aktuelle geänderte Lebensbedingungen zu einer Verschlechterung beitragen können.
  • Und schließlich kommen Patient*innen in die Praxis, die durch die geänderten persönlichen oder familiären Lebensbedingungen, durch Lockdown, mediale Berichterstattung, gesundheits- und gesellschaftspolitische Maßnahmen mit Symptomen aufzeigen, dass ihre bisherigen individuellen Strategien, mit der Krise umzugehen, für den Moment nicht mehr reichen, und uns in der Praxis ihre Symptome erzählen.

Angst ist per se ein unangenehmes, jedoch kein pathologisches Phänomen und von der Angststörung zu unterscheiden. Ängste können eine normale Reaktion sein, in einer Zeit, in der nichts wie normal üblich ist. Was in normalen Zeiten als pathologisch angesehen wird, kann derzeit eine normale Reaktion sein.

Die veröffentlichten Studienergebnisse erinnern uns daran, die psychischen Herausforderungen mit einer Selbstverständlichkeit im hausärztlichen Gespräch mit zu berücksichtigen und aktiv anzusprechen – neben notwendiger Aufklärung über Impfungen, Ct-Wert oder ärztlicher Begleitung von COVID-Erkrankten.

AutorIn: Dr. Barbara Hasiba

Ärztin für Allgemeinmedizin, Birkfeld syst. Psychotherapeutin, (zert. f. Säuglings- Kinder –Jugendpsychotherapie), Lehrtherapeutin (ÖÄK), PSY3-Lehrgangsleiterin (WGPM), Balintgruppenleiterin, Lehrbeauftragte an der MedUni Graz, Präsidentin der ÖGPAM
© Christian Jungwirth


AEK 06|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-03-26