Psychosomatik ist eine ärztliche Agenda!

Der derzeit in der Gesundheitspolitik allgegenwärtige Begriff „psychosozial“ und die mit ihm verbundene fehlende Nennung des somatischen Bereichs verschärft in ihrer gegenwärtigen Auslegung die seit Langem beklagte „Spaltung in Ärzte für kranke Körper ohne Seelen und leidende Seelen ohne Körper“ (Th. v. Uexküll, 1981). Handlungsleitend in der Medizin ist das „biopsychosoziale Modell“ (G. Engel, 1976, mod.).

Der Begriff Bio ist mit Soma gleichzusetzen und wird gleichwertig mit den Bereichen psycho und sozial verstanden. Hier setzt das Selbstverständnis der Allgemein- und Familienmedizin an. Eine ausschließlich auf die psychosoziale Dimension begrenzte Diskussion mag zwar oberflächlich betrachtet zu einer ärztlichen Entlastung führen, würde jedoch die hausärztliche Zuständigkeit auf den rein somatischen Bereich beschränken – was weder der historischen Entwicklung noch dem hausärztlichen Selbstverständnis, der gelebten Praxis oder den Wünschen der Patient:innen entspricht.

Ziel muss es sein, das „biopsychosoziale Modell“ als Orientierung gebenden Kompass ins Zentrum zu stellen, da sich Erkrankungen in der Regel in allen drei Bereichen zeigen. Die Gewichtung und Wechselwirkung der drei Bereiche sind ärztlicherseits angemessen einzuschätzen, wobei keine Dimension entfallen sollte.
Fachlicherseits betrifft dies vor allem den Bereich der Psychosomatik im Fachgebiet der Allgemein- und Familienmedizin. Der hausärztliche Kontext ist für ein frühzeitiges Erkennen und Ansprechen der somatischen und psychischen Anteile am „Kranksein“ und deren Auswirkungen auf die Familie prädestiniert. „Psychosomatik ist eine besondere Art zu denken“ (G. Maio, 2025). Entscheidend hierbei sind eine Haltung, Einstellung und Sprache, welche die unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen und variantenreichen, subjektiven Krankheitsvorstellungen der Patient:innen mitberücksichtigen.

Das Zusammenwirken der biopsychosozialen Faktoren wird besonders deutlich bei der Abklärung von körperlichen Symptomen wie z. B. bei Herzrasen oder Magen-Darm-Beschwerden, bei der Behandlung von chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder bei Schmerzsyndromen, Krebserkrankungen, u. a. Ebenso gilt dies für psychische Belastungen und körperliche Symptome, wie z. B. Ängste, traumatische Erfahrungen und viele andere.

Im allgemeinen Verständnis wird psychosomatisch häufig gleichgesetzt mit „psychisch“. Psychosomatische Behandlung ist primär eine ärztliche Agenda und unterscheidet sich deutlich von Psychotherapie im engeren Sinne, wiewohl diese im Weiteren indiziert sein kann. Therapie kann in der Folge durch qualifizierte Ärzt:innen mit einer umfangreichen Ausbildung in psychotherapeutischer Medizin erfolgen, entsprechend der langjährigen und bewährten Ausbildung in den Bereichen der Psy-1-, Psy-2- und Psy-3-Diplome sowie durch Psychotherapeut:innen oder klinische Psycholog:innen.

Der Vorstand der ÖGPAM vertritt mit Engagement das Thema „Psychosomatik in der Allgemeinmedizin“ auf fachlicher und berufs- und gesundheitspolitischer Ebene. Wir freuen uns, zur 12. Jahrestagung der ÖGPAM zum Thema „BEZIEHUNG in der Allgemeinmedizin – und dann?“ am 18. 4. 2026 in Salzburg einzuladen.

Die Tagung mit spannenden Vorträgen und Workshops ist Treffpunkt für interessierte Kolleg:innen aus ganz Österreich und bietet fachliche Austauschmöglichkeiten. Den Keynote-Vortrag hält Giovanni Maio zum Thema: „Die Besonderheit der Allgemeinmedizin – in ethischer Perspektive“. Prof. Dr. med. Giovanni Maio ist Internist und Philosoph und hat den Lehrstuhl für Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg inne. Sein Schwerpunkt sind die anthropologischen Grundlagen der Medizin.

Wir freuen uns sehr über seine Zusage und Sichtweisen. Und – wir freuen uns sehr auf Ihr Kommen!