Wenn es nur einen Laborwert gäbe, der die Vitalität, Leistungsfähigkeit und das langfristige Gesundheitsrisiko eines Mannes widerspiegelt, wäre Testosteron ein zentraler Kandidat. Es beeinflusst den Stoffwechsel und die Herz-Kreislauf-Gesundheit, die Körperzusammensetzung, die Knochenstabilität, die Sexualfunktion, die Stimmung, den Schlaf und die mentale Klarheit.
Mit dem Alter sinkt der Testosteronspiegel– aber „alterstypisch“ heißt nicht automatisch „gesund“. Die Diagnose stützt sich immer auf Symptome und Labor: typische Beschwerden eines Androgenmangels und 2 morgendliche Messungen mit erniedrigtem Gesamttestosteron. Als Orientierungswert gilt < 300 ng/dl (≈ 10,4 nmol/l) – entscheidend bleibt jedoch der klinische Gesamteindruck. Typische Symptome, die ernst zu nehmen sind, sind Libidoverlust, erektile Dysfunktion, Müdigkeit, Energiemangel, depressive Stimmung, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche, Verlust von Muskelmasse, Zunahme von Bauchfett, reduzierter Antrieb und körperlicher Leistungsabfall.
20–40 % der Männer über 45 Jahre weisen niedrige Testosteronwerte auf. Nur ein Bruchteil wird adäquat diagnostiziert oder behandelt. Veraltete Mythen zu Prostata- und Herzrisiken, Unsicherheit im Umgang mit Testosteronersatztherapie (TRT), Stigmatisierung („Anti-Aging“, „Doping“) sowie fehlende Testung bei Risikogruppen zählen zu den Gründen. Dabei ist unbehandelter Hypogonadismus nicht harmlos: Er ist verbunden mit Typ-2-Diabetes, metabolischem Syndrom, erhöhtem kardiovaskulärem Risiko, Depression, kognitivem Abbau, Sarkopenie, Frailty, Osteoporose und erhöhter Frakturgefahr. Nicht zu therapieren kann schädlicher sein als eine korrekt durchgeführte Behandlung.
Zwei hartnäckige Mythen sind heute klar widerlegt:
Die Datenlage ist eindeutig: Bei richtiger Indikation und Kontrolle ist die Testosterontherapie sicher.
Indiziert ist eine TRT bei symptomatischem und biochemisch bestätigtem Hypogonadismus. Ziel ist nicht ein „hoher Wert“, sondern die Wiederherstellung eines physiologischen Bereichs sowie eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität. TRT ist eine medizinisch fundierte Therapie und kein Lifestyle-Produkt.Zu den erwartbaren Effekten zählen:
Vor Beginn sind PSA, Blutbild (v. a. Hämatokrit), SHBG und metabolisches Profil erforderlich; bei Männern im Kinderwunschalter wird zusätzlich ein Spermiogramm benötigt. Nach 3 und 6 Monaten sowie im weiteren Verlauf dann alle 6–12 Monate sollten regelmäßige Kontrollen durchgeführt werden. Als Therapieziele sind Testosteronwerte im mittleren physiologischen Bereich (ca. 450–700ng/dl), ein Hämatokrit < 54 %, ein stabiler PSA-Wert sowie eine klare Symptomverbesserung zu definieren.
Da Testosterontherapie LH/FSH hemmt und die Spermienproduktion reduziert, ist ein Gespräch vor Beginn essenziell. Alternativen bzw. kombinierte, individuell angepasste Ansätze sind hCG, Clomifen, Enclomifen sowie Aromatasehemmer.
Hypogonadismus ist häufig, relevant und behandelbar, veraltete Ängste entsprechen nicht mehr der Evidenz. Ärzt:innen sollten sich befähigt fühlen, gezielt zu testen und korrekt zu diagnostizieren sowie bei Indikation zu behandeln und verantwortungsvoll zu begleiten. Wenn wir nicht messen, übersehen wir Diagnosen. Wenn wir nicht behandeln, nehmen wir den Männern die Lebensqualität. Es ist Zeit für einen sachlichen, modernen und mutigen Umgang mit Testosteron – damit Männer gesünder, leistungsfähiger und länger aktiv werden.