Vertigo aus HNO-ärztlicher Sicht

Aus Sicht des HNO-Arztes sind besonders peripher-vestibuläre Ursachen bedeutsam, wenn auch eine klare Zuordnung und Abgrenzung nicht immer möglich ist. Typischerweise findet sich bei peripher-vestibulären Ursachen ein Drehschwindel, kombiniert mit Übelkeit und Erbrechen.
Im klinischen Alltag sollte primär ein akut-neurologisches Geschehen ausgeschlossen werden. Hinweise hierfür können neurologische Ausfälle wie Sprach-, Seh- oder Schluckstörungen, eine gestörte Vigilanz, Synkopen und ein vertikaler oder ein richtungsändernder Spontannystagmus sein. Hingegen können bei peripher-vestibulären Ursachen meist ein horizontaler Nystagmus sowie eine Dreh- und Falltendenz im Stehen nachgewiesen werden.

Anamnese entscheidend

Schlüssel zur Diagnose beim Leitsymptom Schwindel ist eine sorgfältige Anamnese. Die Qualität beziehungsweise die Intensität und Verlaufsform des Schwindels, Hinweise auf mögliche auslösende Faktoren sowie Fragen nach Begleitsymptomen sollten erhoben werden. Internistische, orthopädische, ophthalmologische, psychogene und medikamentöse Ursachen sind ebenfalls häufig und differenzialdiagnostisch in Erwägung zu ziehen. Auch ein Zusammenwirken multifaktorieller Ursachen kann vorliegen.

Rasche Therapieeinleitung

Abhängig von der Diagnose können medikamentöse, physikalische oder multimodale konservative Therapieverfahren im Vordergrund stehen, gelegentlich ist ein chirurgisches Vorgehen indiziert. Eine sofortige Therapieeinleitung ist, nicht nur im Alter, zur Sturzprophylaxe und Verhinderung von Immobilität von großer Bedeutung. Zur Diagnosesicherung muss häufig eine weitere interdisziplinäre (neurologische, internistische, laborchemische, ophthalmologische, orthopädische, physikalische, psychiatrische) und bildgebende Abklärung erfolgen.

Was gibt es Neues?

  • Zur symptomatischen Therapie wird die Fixkombination aus 20 mg Cinnarizin und 40 mg Dimenhydrinat 3-mal täglich empfohlen.
  • Ein Gleichgewichtstraining hat einen zunehmend hohen Stellenwert und wird bereits ab Diagnosestellung empfohlen.
  • Beim benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel kann mittels eines Befreiungsmanövers zur Otolithenreposition eine rasche Beschwerdebesserung erreicht werden. Eine zusätzliche Gabe von Cinnarizin/Dimenhydrinat wird empfohlen.
  • Beim Mb. Menière wird eine maximale Gabe von 2-mal 24 mg Betahistin pro Tag empfohlen – eine erhöhte Dosierung ist nur im Einzelfall empfehlenswert. Studien zeigten, dass bei primärem Therapieversagen mittels Betahistins eine intratympanale Injektion mit Methylprednisolon einer Injektion mit Gentamicin vorzuziehen ist. Bei gleicher Wirksamkeit kann das Hörvermögen dadurch meist erhalten werden.
  • Ergänzende physikalische Maßnahmen und Phytopräparate können sinnvoll sein.
AutorIn: Dr. Stefan Edlinger

Facharzt für HNO-Heilkunde Oberarzt an der Klinischen Abteilung für HNO, Universitätsklinikum St. Pölten


AEK 22|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-11-13