Die chemotherapieinduzierte periphere Neuropathie (CIPN) ist eine häufige Nebenwirkung taxanhaltiger Therapien und kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Sie stellt eine relevante Ursache für Dosisreduktionen oder Therapieabbrüche dar.1 Pflegepersonen spielen eine wichtige Rolle in der Früherkennung, Edukation und Begleitung betroffener Patient:innen.
Die CIPN entsteht durch eine Schädigung peripherer Nerven infolge neurotoxischer Chemotherapeutika wie beispielsweise Paclitaxel oder Docetaxel.2, 3 Betroffen ist vor allem die Sensibilität, während motorische und autonome Symptome seltener auftreten.²
Typische sensorische Symptome umfassen Parästhesien, Taubheitsgefühle sowie ein vermindertes Vibrations- und Berührungsempfinden, häufig beginnend an Händen und Füßen im „Strumpf-Handschuh-Muster“. Patient:innen berichten zudem über Kälteempfindlichkeit und neuropathische Schmerzen.
Motorische und autonome Symptome treten seltener auf und können sich etwa als Muskelschwäche oder vegetative Veränderungen zeigen.
Die Relevanz der CIPN ist hoch: Bis zu 90 % der Patient:innen entwickeln im Verlauf einer taxanhaltigen Therapie neuropathische Symptome, bei etwa 40 % persistieren diese langfristig.4 Risikofaktoren sind höheres Alter, vorbestehende Neuropathien, Diabetes mellitus und eingeschränkte Nierenfunktion.4
Für die klinische Praxis ist besonders entscheidend, dass die Symptomatik häufig schleichend eintritt und von Patient:innen initial nicht aktiv angesprochen wird. Umso wichtiger ist eine strukturierte pflegerische Beobachtung.
Pflegepersonen sind oft die ersten, die Veränderungen im Befinden der Patient:innen wahrnehmen. Eine gezielte Anamnese und Beobachtung sind daher essenziell. Hinweise auf eine beginnende CIPN können sein:
Eine regelmäßige, strukturierte Erhebung der Symptome sowie deren Dokumentation sind entscheidend, um frühzeitig therapeutische Anpassungen zu ermöglichen. Die Einteilung in Schweregrade (z. B. nach CTCAE) unterstützt die interprofessionelle Entscheidungsfindung hinsichtlich Dosisanpassungen.1
Die Edukation stellt eine der wichtigsten pflegerischen Maßnahmen dar. Ziel ist es, Patient:innen zu befähigen, Symptome frühzeitig zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren. Durch gezielte Edukation können Unsicherheiten reduziert und Selbstwirksamkeit gestärkt werden.
Inhalte der Aufklärung sind:
Die S3-Leitlinie1 hebt hervor, dass Patient:innen frühzeitig über mögliche neurologische Nebenwirkungen informiert und zur zeitnahen Symptommitteilung angeleitet werden sollen.
Neben der Edukation spielen nichtpharmakologische Maßnahmen eine wichtige Rolle in der Prävention und im Umgang mit CIPN. Pflegepersonen können hier aktiv beraten und unterstützen.
Empfohlene Maßnahmen umfassen:
Die S3-Leitlinie1 empfiehlt derzeit keine standardisierte medikamentöse Prophylaxe, betont jedoch die Bedeutung nichtpharmakologischer Maßnahmen. Neben Funktionstraining werden auch Kryotherapie und Kompression als mögliche präventive Maßnahmen bei taxanhaltiger Therapie genannt.1
Ein vielversprechender Ansatz ist die Kryotherapie. Studien zeigen, dass durch gezielte Kühlung der Extremitäten während der Chemotherapie die Durchblutung reduziert und somit die Exposition peripherer Nerven gegenüber neurotoxischen Substanzen verringert werden kann.5 Auch Kombinationen aus Kühlung und Kompression, wie in aktuellen Studien untersucht, zeigen positive Effekte auf die Prävention der CIPN.6

Abb. 2: Interventionen, die dazu beitragen, funktionelle Einschränkungen zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern
In der klinischen Praxis erfordert die Implementierung solcher Maßnahmen eine enge interprofessionelle Abstimmung sowie eine sorgfältige Anleitung der Patient:innen. Pflegepersonen übernehmen dabei eine zentrale koordinierende Rolle, indem sie Symptome frühzeitig erfassen, kommunizieren und entsprechende Maßnahmen initiieren. Eine strukturierte Weitergabe von Beobachtungen ermöglicht rechtzeitige Therapieanpassungen.1
Die CIPN ist eine häufige und klinisch relevante Nebenwirkung taxanhaltiger Chemotherapien. Pflegepersonen tragen zur Früherkennung, Symptomkontrolle und Prävention bei. Durch gezielte Edukation, strukturierte Beobachtung und den Einsatz evidenzbasierter Maßnahmen wie der Kryotherapie kann die Versorgungsqualität nachhaltig verbessert werden. Hierbei ist die interprofessionelle Zusammenarbeit unerlässlich.