Interprofessionelles Nebenwirkungsmanagement in der Onkologie

In der Onkologie wird grundsätzlich viel über Wirkung, Therapiealgorithmen und Leitlinien gesprochen. Was für die Patient:innen jedoch den Alltag prägt, sind Nebenwirkungen. Sie stellen im klinischen Alltag eine der größten Herausforderungen dar. Nebenwirkungen beeinflussen nicht nur das Wohlbefinden der Patient:innen, sondern entscheiden oft darüber, wie die Patient:innen die Therapie erleben, ob eine Therapie wie geplant fortgeführt werden kann und wie das Verhältnis und das Vertrauen zum Behandlungsteam aufgebaut werden. Genau hier treffen die pflegerische und ärztliche Expertise aufeinander.1, 2

AHOP trifft YHOGA

Diesbezüglich traf im Rahmen der Frühjahrstagung 2026 die AHOP auf die YHOGA. Das Motto dabei war „Zwei Fäden, ein Knoten: Nebenwirkungen im Fokus – Wenn sich Expertise verknüpft“. Erst wenn sich pflegerische und ärztliche Expertisen verknüpfen, entsteht ein patientenorientierter, qualitativ hochwertiger und menschlicher onkologischer Therapiepfad.

Was interprofessionelle Zusammenarbeit bedeutet

Das Bild zweier Fäden, die zu einem stabilen Knoten verbunden werden, beschreibt die Realität der onkologischen Versorgung passend. Pflege und Ärzteschaft bringen unterschiedliche, sich ergänzende Perspektiven ein. Eine Profession kann ohne die andere eine patientengerechte und qualitativ hochwertige onkologische Therapie nicht erfüllen. Während sich die Pflege der Nähe zu den Patient:innen widmet und somit als erste Fachkraft Beobachtungen zu Nebenwirkungen machen kann, liefert die Ärzteschaft die klinische Einordnung der Patient:innen, medizinische Diagnostik und therapeutische Steuerung.
Diese Verknüpfung ist kein „Add-on“, sondern Voraussetzung für eine patientensichere und qualitativ hochwertige Therapie. Denn Nebenwirkungen entstehen selten isoliert – sie entwickeln sich dynamisch über Stunden und Tage und erfordern eine frühestmögliche Entdeckung sowie Reaktion, um eine Eskalation zu vermeiden und eine kontinuierliche Anpassung der Behandlung zu ermöglichen. Nur wenn Informationen zeitnah und strukturiert von der Pflege an die Ärzteschaft weitergegeben werden, kann durch Diagnostik rechtzeitig reagiert werden.2
Die Schnittstelle zwischen beiden Berufsgruppen entscheidet über den Outcome. Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Nebenwirkungsmanagement ist nicht nur medizinisches oder pflegerisches Wissen – es ist Kommunikation und Zusammenarbeit. Nur das gemeinsame Nebenwirkungsmanagement führt zu einer sicheren Fortführung der Chemotherapie und zur Vermeidung von schweren Komplikationen.

Abb.: Mittels KI erstellte Darstellung basierend auf aktuellen Leitlinien (ASCO, NCCN)

Praxisnah gedacht: Nebenwirkungen als gemeinsame Aufgabe

Klassische Nebenwirkungen wurden im Rahmen des Tagungsvortrages praxisorientiert erläutert. Darunter die periphere Neuropathie, die sich zunächst über Kribbeln, Taubheitsgefühl oder Kälteempfindlichkeit zeigt. Patient:innen beschreiben diese Symptome jedoch eher mit Geschehnissen aus dem Alltag, wie beispielsweise der Schwierigkeit, Knöpfe an Hemden schließen zu können, oder dem vermehrten Fallenlassen von Gegenständen. Dabei liegt es an der Pflege, diese Geschehnisse wahrzunehmen, sozusagen zu übersetzen und in der Folge frühzeitig an die Ärzteschaft weiterzugeben.
Die ärztliche Aufgabe besteht anschließend in der klinischen Einordnung und Entscheidung über das weitere Vorgehen – beispielsweise das Beginnen einer Begleitmedikation, einer Dosisreduktion oder bei fortgeschrittenen Nebenwirkungen sogar einer Therapiepause.

Früherkennung ist das Schlüsselwort: Und die Schlüsselrolle nimmt hier die Profession der Pflege ein. Denn was, wenn eine periphere Neuropathie nicht frühzeitig behandelt wird? Dann entstehen dauerhafte Schädigungen der Nervenendigungen und somit, wie die Bezeichnung bereits verdeutlicht, irreversible Schäden. Diese Einschränkung der Patient:innen in ihrer Lebensqualität darf nicht weggedacht werden. Deshalb ist eine rechtzeitige Abstimmung unumgänglich, damit eine Chronifizierung der Symptome verhindert werden kann sowie die Patientenzufriedenheit und deren Lebensqualität bestmöglich erhalten bleiben können.3

Auch gastrointestinale Nebenwirkungen heben die Bedeutung der Zusammenarbeit hervor: Pflegefachpersonen achten beispielsweise auf die Stuhlfrequenz, die Flüssigkeitsaufnahme sowie auf den Allgemeinzustand und beraten Patient:innen zu Ernährung und Verhaltensweisen, die zur Prophylaxe von beispielsweise Übelkeit und Erbrechen dienen sowie bei bereits aufgetretenen unerwünschten Wirkungen das Selbstmanagement stärken. Bei Verschlechterung erfolgt eine Informationsweitergabe an den ärztlichen Dienst und dann dessen Bewertung und Einleitung gezielter Maßnahmen, wie etwa medikamentöse Therapie oder Flüssigkeitssubstitution. Ohne diese enge Abstimmung besteht das Risiko von Dehydratation, Hospitalisierung oder Therapieunterbrechung.5

Patientenedukation als Vorbeugung

Fatigue ist eine der häufigsten und gleichzeitig komplexesten Nebenwirkungen. Sie wird oft zuerst im pflegerischen Kontext sichtbar – etwa durch reduzierte Belastbarkeit oder Rückzug der Patient:innen. Pflegenden zeigt sich oft durch Gespräche, dass Patient:innen nur noch passiv am Leben teilnehmen und über keine Tagesstruktur mehr verfügen. Die Profession der Pflege kann primär durch Edukation sowie auch durch Aktivierungsstrategien und Aufklärung zur Wichtigkeit der Bewegungstherapie und durch Unterstützung im Alltag entscheidend helfen. Die ärztliche Perspektive ergänzt dies durch die Differenzialdiagnostik (z. B. Schlafstörungen, Anämie oder emotionaler Stress) sowie durch die Therapieplanung.4

Interprofessionelles Zusammenspiel von Zahnrädern

Die Session „Zwei Fäden, ein Knoten“ am zweiten Nachmittag der Frühjahrstagung machte deutlich, dass moderne Onkologie ohne interprofessionelle Zusammenarbeit nicht denkbar ist. Pflegefachpersonen und Ärzt:innen arbeiten nicht nebeneinander, sondern ineinander – wie Zahnräder, die nur gemeinsam funktionieren.

Ein weiteres nicht wegdenkbares Zahnrad stellt die aktive Patientenbeteiligung dar: Diese Zusammenarbeit erfordert eine strukturierte Kommunikation aller Beteiligten, die Aufbringung des Verständnisses für die Expertise des Gegenübers, ein klares Rollenbewusstsein der dazugehörigen Player:innen und eine Umsetzung der jeweiligen vorhandenen Kompetenzen. Für die Patient:innen gilt insbesondere das Gebot der Selbstbeobachtung und der Therapieadhärenz.
Die ganzheitliche Einschätzung sowie die interprofessionellen Interventionssetzungen zeigen deutliche Auswirkungen auf eine bessere Lebensqualität, Therapieadhärenz, Therapietreue, Reduktion schwerer Komplikationen, effizientere Versorgung und stärkere Patientenzentrierung.1, 6

Fazit

Onkologische Qualität zeigt sich nicht nur in der Wahl der Therapie, sondern auch im Umgang mit ihren Nebenwirkungen. Je besser wir unsere Perspektiven verknüpfen, desto sicherer, wirksamer und menschlicher wird Onkologie.

„Nebenwirkungen managen heißt: Expertisen verbinden.“