Selbstpflege in der onkologischen Pflege

Der Tätigkeitsbereich onkologischer Pflegepersonen erstreckt sich über Maßnahmen in der Prävention, Diagnostik, Behandlung, Management von Symptomen und Therapienebenwirkungen bis hin zur Beratung nach Beendigung der jeweiligen Therapien.1 Studien belegen, dass Aspekte wie das Arbeitspensum, das Sterben von PatientInnen, Konflikte mit Ärztinnen und Ärzten, Unsicherheiten in der Behandlung, Zeitmangel und hierarchische Strukturen regelmäßig zur Überforderung und Belastung von onkologischen Pflegepersonen führen.2, 3 Zusätzlich werden Situationen komplex, wenn eine ethische Reflexion oder Entscheidung notwendig wird.3, 4 Herausfordernde oder belastende Situationen wirken sich nachweislich negativ auf die Zufriedenheit des Pflegepersonals aus.5 Diese Tatsache ist bedenklich, da Studien wie beispielsweise jene von Gillet et al.6 belegen, dass ein Zusammenhang zwischen der Arbeitszufriedenheit und der Pflegequalität sowie dem Engagement der MitarbeiterInnen besteht.

Maßnahme zur Bewältigung herausfordernder Situationen: Strategien, um Pflegepersonen eine adäquate Auseinandersetzung mit auftretenden herausfordernden Situationen zu ermöglichen, sind daher unabdingbar.7 Maßnahmen auf Ebene der Organisation, wie beispielsweise Supervisionen, können helfen, belastende Situationen besser zu verarbeiten und abzuschließen. Eine weitere Möglichkeit stellt die überwiegend eigenverantwortliche Selbstpflege dar. Laut Raphailia8 umfasst Selbstpflege jene Aktivitäten, die die geistige, emotionale und körperliche Gesundheit schützen. Crane und Ward9 ergänzen, dass Selbstpflege stets auch mit den persönlichen Wertvorstellungen zu assoziieren ist. Obwohl einige Maßnahmen simpel erscheinen, haben sie dennoch einen wesentlichen Einfluss auf die Auseinandersetzung mit herausfordernden Situationen.

Ziel dieses Beitrags ist es, einen Überblick über die Selbstpflege für onkologisches Pflegepersonal zu geben. Häufig wird diese individuell praktiziert – pauschalisierte Maßnahmen sind wenig zielführend. Nachfolgend werden daher zunächst allgemeine Selbstpflegemethoden, anschließend Maßnahmen für akut herausfordernde Situationen erläutert.

Allgemeine Methoden für die Selbstpflege

Selbstpflege setzt Selbstkenntnis und Selbstwahrnehmung voraus.10 Diese sind der emotionalen Intelligenz zugeordnet – jener Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen. Diesbezüglich erläutern Crane und Ward9 vier zentrale Aspekte für Selbstkenntnis und Selbstwahrnehmung: Körperwahrnehmung (= Wahrnehmung von physischen Reaktionen des Körpers auf eine herausfordernde Situation), Emotion (= wahrgenommene Gefühle in diesen Situationen), Gedanken (= Gedanken zu den jeweiligen Situationen), Spirit (= Abgleich der Situation mit dem eigenen Wertesystem). Eine einfache Übung für die Selbstkenntnis und Selbstwahrnehmung stellt sich wie folgt dar:

  1. Augen schließen und tiefe Atemzüge nehmen,
  2. Verspannungen bewusst wahr­nehmen (am Kopf beginnen und weiterführen vom Nacken bis zu den Schultern),
  3. restliche Körperregionen wahrnehmen und spüren und
  4. Fokus auf die entspannten Körper­regionen legen und dieses Gefühl anschließend auf angespannte Areale übertragen.9

Beschrieben wird, dass Selbstpflege einen integralen Bestandteil des beruflichen Alltags darstellen sollte. Atemübungen, Meditation, Entspannungsübungen, Yoga, Sport oder Hypnose zählen zu den allgemeinen Maßnahmen der Selbstpflege. Für den klinischen Alltag empfehlen sich folgende sieben Methoden: Gespräche, Atemübungen, Stärkung des Körperbewusstseins, Entspannungstechniken, Meditation, Sport und gesunde Ernährung.9

Bezüglich der Akzeptanz von Selbstpflegemaßnahmen kann die quantitative Querschnittsstudie von Ko und Kiser-Larson2 herangezogen werden, an der 40 Pflegepersonen verschiedener onkologischer Abteilungen teilnahmen. Die Ziele der Studie waren die Identifikation von stressauslösenden Faktoren sowie die Darstellung der dazugehörigen Selbstpflege. Als ein Ergebnis zeigt sich, dass die häufigste Selbstpflegemethode das Gespräch darstellt (n = 18). Als GesprächspartnerInnen werden initial BerufskollegInnen gewählt, gefolgt von LebenspartnerInnen und FreundInnen. Die StudienteilnehmerInnen erläutern, dass die Verbalisierung herausfordernder Situationen mit vertrauten Personen als hilfreich und gleichzeitig als unterstützend wahrgenommen wird. Eine weitere wesentliche Methode zur Selbstpflege stellt sportliche Aktivität oder auch Entspannung dar (n = 12). Das onkologische Pflegepersonal gibt an, dass durch Laufen, Ausgehen oder Schlafen herausfordernde Situationen adäquat verarbeitet werden können. Beinahe ein Fünftel (n = 7) der StudienteilnehmerInnen erläutert abschließend, mit sozialem Rückzug auf Belastungssituationen zu reagieren.2

Methoden in akut herausfordernden Situationen

Allgemeine Maßnahmen wie beispielsweise Sport, Yoga oder Meditation zur Selbstpflege sind in den klinischen Alltag schwer integrierbar und zum Teil nicht ad hoc umsetzbar. In diesen Situationen sind jene Methoden heranzuziehen, die sich einfach und rasch umsetzen lassen. Eine Maßnahme für herausfordernde Situationen sind Atemübungen. Eine stressreduzierende Atemübung kann sich wie folgt gestalten:

  1. Eine Hand auf den Brustkorb, die andere Hand auf den Bauch legen. Normal und regelmäßig ein- und ausatmen und darauf achten, ob es sich um eine Brust- oder Bauch­atmung handelt.
  2. Bewegt sich die Hand am Brustkorb mehr, kann dies auf ein flaches, gestresstes Atemmuster hinweisen. Fokussiert wird die Bauchatmung, da sie entspannend wirkt.
  3. Langsames Ein- und Ausatmen, wobei die Schultern nicht bewegt werden. Die Hand auf dem Bauch soll sich vor der Hand auf der Brust bewegen.
  4. Doppelt so lange Ausatmen wie Einatmen, da durch diese Technik das parasympathische Nervensystem stimuliert wird.9

Diese Übung kann mehrmals am Tag durchgeführt werden. Wichtig dabei ist eine ruhige Umgebung. Hilfreich kann es auch sein, Atemübungen vorab zuhause einzustudieren, bevor sie im klinischen Alltag regelmäßig zur Anwendung kommen.9 Eine weitere Strategie für akut herausfordernde Situationen ist die ABCD-Stress-Management-Strategie (Tab.).10

 

 

Resümee

Pflegepersonen auf onkologischen Abteilungen sind regelmäßig mit herausfordernden und belastenden Situationen konfrontiert. Professionalität ist nicht nur in den jeweiligen Momenten essentiell, sondern auch danach. Zum einen ist wesentlich, dass Pflegepersonen Maßnahmen wählen, die für sie selbst akzeptabel und passend sind, zum anderen muss ausreichende Selbstkenntnis und Selbstwahrnehmung vorliegen.10 Selbstpflege umfasst schlussendlich eine Vielzahl an Aktivitäten. Diese sind beispielsweise das Führen von Gesprächen, Atemübungen, Meditation oder Sport.2, 9 Pflegen sich Pflegepersonen ausreichend selbst, so profitieren hiervon schlussendlich auch die PatientInnen.

1 https://ecancer.org/special-issues/4-current-practices-in-oncology-nursing.php?full=1
2 Ko W, Kiser-Larson N, Clin J Oncol Nurs 2016; 20 (2): 158-64
3 Pavlish C et al., Clin J Oncol Nurs 2012; 16 (6): 592-600
4 da Lutz KR et al., Rev Lat Am Enfermagem 2015; 23 (6): 1187-94
5 Grafton E et al., Oncol Nurs Forum 2010; 37 (6): 698-705
6 Gillet N et al., J Adv Nurs 2018; 74 (5): 1208-19
7 Hyrkäs K et al., J Adv Nurs 2006; 55 (4): 521-35
8 https://psychcentral.com/blog/what-self-care-is-and-what-it-isnt-2/
9 Crane PJ, Ward SF, AORN J 2016; 104 (5): 386-400
10 Grafton E, Coyne E, Aust J Cancer Nurs 2012; 13 (2): 17-20

 

AutorIn: Thomas Neubauer, BScN, MScN

FH Gesundheitsberufe OÖ Linz


AHOP-News 01|2019

Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft hämatologischer und onkologischer Pflegepersonen in Österreich, Harald Titzer BSc, MSc, Universitätsklinik für Innere Medizin I. Medizinische Universität Wien
Publikationsdatum: 2019-07-12