Die chronische Wunde – Herausforderungen in der Lokaltherapie

Heilt eine Wunde nicht innerhalb von acht Wochen ab, ist sie per definitionem chronisch. Abgesehen von dieser zeitlich orientierten Definition gibt es Wunden, die von Beginn an als chronisch anzusehen sind (diabetisches Fußsyndrom, arterielle/venöse Ulcera, Dekubitus).1
Die physiologische Wundheilung ist bedingt durch eine Kaskade aus zellulären und extrazellulären Komponenten, die einer Regulation durch Zytokine, Wachstumsfaktoren und Mediatoren unterliegt. Eine Vielzahl pathogener Einflüsse (lokal und systemisch) können diese stören und zu einer Chronifizierung führen.2

 

 

Therapie

Für eine erfolgreiche Therapie sind die Ursachenklärung und die Behandlung zugrunde liegender pathophysiologisch relevanter Erkrankungen beziehungsweise die Eliminierung von Störfaktoren (zum Beispiel Wundinfekt) unumgänglich. Parallel dazu erfolgt die stadiengerechte Lokaltherapie.

Die Vorbereitung des Wundbettes ist essenziell, um eine chronische Wunde in eine aktive, heilende Wunde umzuwandeln. Avitales Gewebe, Fremdkörper, Beläge und Detritus behindern die Wundheilung, weshalb eine Abtragung bis zu intakten anatomischen Strukturen durchgeführt werden muss (chirurgisches Débridement). Dies beinhaltet die Wundreinigung, die Voraussetzung für eine optimale Wundbeurteilung und die Grundlage für einen Heilungserfolg ist. Man unterscheidet die aktive periodische Wundreinigung (APW), eine gezielte wiederkehrende mechanische Wundreinigung im Rahmen des Verbandwechsels, von der passiven periodischen Wundreinigung (PPW), dem beabsichtigten fortlaufenden Reinigungsprozess ohne Zerstörung intakten Granulationsgewebes, der unter dem Sekundärverband stattfindet (enzymatisch, autolytisch, biochirurgisch, osmotisch). Nach der Entfernung nekrotischen Gewebes wird versucht, in eine granulierende Wunde überzugehen.3 Als Orientierungshilfe zur phasengerechten Therapie dient das MOIST-Konzept.4

Als State of the Art gilt heute die an den Phasen der Wundheilung orientierte feuchte Wundbehandlung. Metaanalysen belegen den positiven Einfluss dieser auf die Abheilungsraten chronischer Wunden.5 In chronischen Wunden finden sich im Exsudat auch wundheilungshemmende Substanzen, weshalb das Exsudatmanagement durch die angewandte Wundauflage von großer Bedeutung ist. Für die praktische Umsetzung einer modernen feuchten Wundbehandlung wird für einen Großteil der Patienten mit chronischen Wunden die Anwendung von Verbandstoffen empfohlen. Es existiert allerdings keine für jede Wunde geeignete optimale Wundauflage. Die korrekte Auswahl bedarf der Erfahrung mit dem Produkt, Kenntnis über die Wundheilungsphasen und dadurch einen stadiengerechten Einsatz. Die Anforderungen an moderne Wundauflagen sind hoch (Tab.).

 

 

 

Literatur:

1 Dissemond J, Bültemann A, Gerber V et al., Definitionen für die Wundbehandlung. Hautarzt 2016: DOI 10.1007/s00105-016-3761-y

2 Kujath P, Michelsen A, Wunden – von der Physiologie zum Verband. Deutsches Ärzteblatt CME Kompakt 2009; 1:(1)

3 Childs D, Murthy A, Overview of Wound Healing and Management. Surg Clin North Am 2017; 97:189–207

4 Dissemond J, Assenheimer B, Engels P et al., M.O.I.S.T. – ein Konzept für die Lokaltherapie. Journal of the German Society of Dermatology 2017; 1610-0379/2017/1504

5 Heyer K, Augustin M, Protz K, Effectiveness of Advanced versus Conventional Wound Dressings on Healing of Chronic Wounds: Systematic Review and Meta-Analysis. Dermatology 2013; 226(2):172–184

6 Dissemond J, Augustin M, Eming SA et al., Moderne Wundtherapie – praktische Aspekte der lokalen, nichtinterventionellen Behandlung von Patienten mit chronischen Wunden. JDDG 2015; DOI: 10.1111/ddg.12351

7 Tan ST, Winarto N, Dosan R et al., The Benefits Of Occlusive Dressings In Wound Healing. The Open Dermatology Journal 2019; Bd. 13, 10.2174/1874372201913010027, 27–33

8 Kramer A, Wundantiseptik-Evidenz, Wirkstoffauswahl und Perspektiven. Ars Medici 2016; 9:419–426

9 Saikaly SK, Khachemoune A, Honey and Wound Healing: An Update. American Journal of Clinical Dermatology 2017; DOI: 10.1007/ s40257-016-0247-8.

AutorIn: Dr. Alexander Pötscher

Facharzt für Chirurgie Wundzentrum Wien 22


Apo-K 10|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-05-22