Heilpflanzen in der Urologie

Arzneipflanzen und deren Zubereitungen haben ihren festen Platz in der Urologie. Je nach individuellem Befund ist ein alleiniger Einsatz möglich oder aber eine unterstützende Anwendung als Ergänzung zu Synthetika.

Harnwegsinfekt (HWI)

Unkomplizierte Harnwegsinfekte zählen zu den häufigsten Infektionen, aufgrund der anatomischen Gegebenheiten sind mehrheitlich Frauen betroffen. Auch begünstigen hormonelle Veränderungen, beispielsweise während des Klimakteriums, der Schwangerschaft oder der Verwendung oraler Kontrazeptiva, das Auftreten von Harnwegsinfekten. Im Anfangsstadium ist eine Selbstmedikation einer unkomplizierten Zystitis durchaus möglich. Die Ausnahme bilden gleichzeitig auftretendes Fieber, ausbleibende Besserung innerhalb von 3 Tagen, chronische Grunderkrankungen (zum Beispiel Diabetes mellitus, urologische Vorerkrankungen et cetera), Schwangerschaft sowie Infektionen bei Kindern.

Arzneipflanzen haben sowohl in der Selbstmedikation als auch in der ärztlichen Therapie eine lange Tradition in der Behandlung und Prophylaxe von Harnwegsinfekten. Trockenextrakte weisen meist eine sehr hohe Wirkstoffkonzentration als Teedrogen auf und können gut dosiert werden. Im akuten Stadium ist das Extrakt aus Blättern der Bärentraube (Uvae ursi folium) besonders effektiv. Diese enthalten neben diuretisch wirkenden Flavonoiden und Gerbstoffen etwa 8 % Arbutin, das nach Abbau zu Hydrochinon bakteriostatisch wirkt. Es kommt daher beim akuten HWI erfolgreich zum Einsatz. Empfohlen wird ein Kaltmazerat, um die Extraktion von schlecht verträglichen Gerbstoffen möglichst gering zu halten.

Sowohl bei akuten Beschwerden als auch bei rezidivierenden Harnwegsinfekten bewährt sich die Gabe von Cranberry- beziehungsweise Preiselbeer-Extrakt. Cranberrys enthalten einen hohen Anteil an Proanthocyanen (PAC) vom Typ A, welche die Adhäsion von Bakterien (vor allem E. coli) an der Blasenschleimhaut verhindern. Die amerikanische Cranberry (Vaccinium macrocarpon), die europäische Moosbeere (Vaccinium oxycoccos) sowie die Preiselbeere (Vaccinium vitis idaea) sind aufgrund ähnlicher Inhaltsstoffe in ihrer Wirkung vergleichbar.

Kombiniert werden Vaccinium-Arten gerne mit Meerrettich- beziehungsweise Kapuzinerkresse-Extrakten (Armoracia rusticana; Tropaeolum majus). Diese enthalten Glucosinolate (Senfölglykoside), welche bei Verletzung der Pflanze mittels des Enzyms Myrosinase in Senföle umgewandelt werden. Diese wiederum zeigen antibakterielle Effekte gegen typische uropathogene Keime. Die Anwendung sollte wegen möglicher schleimhautreizender Nebenwirkungen auf maximal 6 Wochen beschränkt bleiben. Nicht angewendet werden sollten Senföle bei Magen-Darm-Ulzera, Nierenerkrankungen sowie bei Kleinkindern.

Sehr effektiv bei akuten Infekten ist auch eine Kombination aus Tausendguldenkraut, Liebstöckel und Rosmarin (Centaurii herba; Levistici radix; Rosmarini folium). Im Vordergrund steht eine entzündungshemmende, schmerzlindernde und krampflösende Wirkung. Vor allem das Liebstöckelextrakt wirkt gut diuretisch und fördert die Ausscheidung pathogener Keime.

Sinnvoll ist weiters die Kombination von Phytopharmaka mit dem Monosaccharid D-Mannose. Dieses besetzt die potenziellen Bindungsstellen der Bakterien an die Blasenschleimhaut, verhindert deren Anheften und wird anschließend als Mannose-Bakterien-Komplex mit dem Harn ausgeschieden. Viele Patienten profitieren auch von einer prophylaktischen Ansäuerung des Harns (pH 5) mittels L-Methionin oder Ascorbinsäure.

Pflanzliche Diuretika

Durch das Trinken einer ausreichend hohen Flüssigkeitsmenge wird ein entsprechender Durchspülungseffekt der Blase erreicht. Dies ist beispielsweise beim akuten HWI zur besseren Ausscheidung der Keime erwünscht, auch in der Rezidivprophylaxe wird diese Maßnahme empfohlen. Eine weitere Indikation ist die begleitende Behandlung beziehungsweise Prophylaxe von Harngrieß oder Harnsteinen.

Besonders geeignet sind diuretisch wirkende Arzneipflanzen, welche die Harnmenge erhöhen. Dazu zählen beispielsweise:

  • Birkenblätter (Betulae folium)
  • Goldrutenkraut (Solidaginis herba)
  • Schachtelhalm (Equiseti herba)
  • Orthosiphonblätter (Orthosiphonis folium)
  • Bruchkraut (Herniariae herba)
  • Wacholderbeeren (Juniperi fructus)

Letztere enthalten ätherisches Öl mit Terpineol und α- und β-Pinen, die eine unter Umständen toxische Reizung der Nieren hervorrufen können. Daher ist der Einsatz von Wacholderbeeren umstritten. Kontraindiziert sind sie in der Schwangerschaft wegen möglicher Uteruskontraktionen und bei Entzündungen im Nierenbereich.

Benigne Prostatahyperplasie (BPH)

Ein Großteil der Männer ist im Laufe des Lebens von einer BPH betroffen. Zu den typischen Symptomen der BPH zählen vor allem häufiger Harndrang, Nykturie, Pollakisurie, verzögerter Miktionsbeginn, abgeschwächter Harnstrahl und Nachträufeln. Unterbleibt eine Behandlung, so verschlimmern sich mit der Zeit nicht nur die Beschwerden, auch Komplikationen wie Nierenbeckenentzündung oder akuter Harnverhalt können die Folge sein. Auch bei Beschwerdefreiheit ist daher eine regelmäßige urologische Kontrolluntersuchung ab dem 40. Lebensjahr empfehlenswert.

Eine diagnostizierte BPH kann sehr gut medikamentös behandelt werden, für die Stadien I und II eignet sich auch der Einsatz verschiedener Phytopharmaka, die seit Jahren erfolgreich eingesetzt werden. Gut untersucht sind die Effekte des Kürbiskernextraktes (Cucurbita pepo). Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen der Kürbissamen zählen Phytosterole (circa 1 %), weiters Tocopherole, Lignane, fettes Öl, Proteine sowie die Spurenelemente Selen, Mangan, Zink und Kupfer. Durch eine Hemmung der Bindung und Speicherung von Dihydrotestosteron (DHT) in den Prostatazellen kommt es zu einer Reduktion erhöhter DHT-Spiegel. Weiters wurde eine Hemmung der Prostaglandinsynthese, der Aromatase und der 5α-Reduktase beobachtet.

Ähnliche Wirkungen sind auch für Extrakte der Brennnsesselwurzel (Urticae radix) bekannt, als Mechanismen diskutiert man neben einer Hemmung der Aromatase und der 5α-Reduktase auch einen Einfluss auf das Sexualhormonbindende-Globulin-System für Testosteron und DHT am Prostatarezeptor.

Ähnliche Wirkung weisen auch Phytosterole auf, die vor allem aus Hypoxis– Arten und Pygeum africanum gewonnen werden. Wichtigstes Sterol ist hier β-Sitosterol. Extrakte aus fermentiertem Roggenpollen enthalten ebenfalls Sterole sowie Peptide. Lycopin, ein vor allem in Tomaten vorkommendes Carotinoid, soll ebenfalls die Entstehung von BPH verzögern beziehungsweise verhindern, indem es die PSA-Sekretion reduziert.

Fixer Bestandteil einiger Phytopharmaka ist das lipophile Extrakt der Sägepalmenfrucht (Serenoa repens fructus). Die Sägepalme ist in den Südstaaten der USA sowie in Mittel- und Südamerika beheimatet. Sie ist eine Zwergpalme, deren Stängel maximal 3 Meter hoch wird. Die olivengroßen, schwarzen Früchte werden phytotherapeutisch verwendet. Zum Einsatz kommt das lipophile Extrakt, das unter anderem eine Hemmung der 5α-Reduktase bewirkt, ohne jedoch die PSA-Expression zu unterdrücken. Weiters wird durch Hemmung der Cyclooxygenase und der Lipoxygenase eine antiphlogistische Wirkung erzielt. Auch Weidenröschen-Extrakt (Epilobium spec.) scheint positive Effekte auf die Prostata zu haben. Diskutiert werden eine Wachstumshemmung der Prostatazellen sowie ein Einfluss auf die neutrale Peptidase, die bei der Proliferation von Prostatazellen eine wichtige Rolle spielt. Granatapfelextrakt wird ebenfalls bei Prostatabeschwerden eingesetzt. Das echte Goldrutenkraut (Solidaginis virgaureae herba) hat neben seiner diuretischen Wirkung auch einen antiphlogistischen, spasmolytischen, antibakteriellen und immunmodulatorischen Effekt. Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen zählen Flavonoide, Saponine, Kaffeesäurederivate und Phenolglykoside.

AutorIn: Mag. pharm. Kornelia Baumgartner

Apo-K 05|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-03-13