Herbst und Winter: schwere Zeiten für die Gelenke

Feuchtes Nebelwetter und sinkende Temperaturen sind stete Begleiter im Herbst, die Patienten mit Rheuma und Gelenkproblemen besonders fürchten. Kälte führt häufig zu einer Verschlechterung der Beschwerden, auch mangelnde Bewegung aufgrund des schlechten Wetters wirkt kontraproduktiv. Gerade in der kalten Jahreszeit sind Gelenkschmerzen daher steter Begleiter für viele Betroffene. Grundsätzlich ist immer eine ärztliche Abklärung der Probleme erforderlich, ergänzend werden jedoch auch Schmerzmittel und/oder alternative Maßnahmen an der Tara erfragt.

NSAR – Klassiker in der Schmerzbehandlung

Jede Schmerzbehandlung muss individuell auf den Patienten abgestimmt sein, auch im OTC-Bereich. Rezeptfreie orale NSAR, wie beispielsweise Ibuprofen, Naproxen und Azetylsalizylsäure, sind bei kurzfristiger Anwendung gut verträglich. Gerade bei entzündlichen Krankheitsformen bringt der antiphlogistische Effekt der NSAR einen zusätzlichen Nutzen. Wichtig ist die Frage nach einer bereits bestehenden Medikation, um Wechselwirkungen zu vermeiden. Vorsicht geboten ist beispielsweise bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion, bei bestehendem Asthma, auch mögliche Arzneimittelunverträglichkeiten müssen berücksichtigt werden. Kontraindiziert sind NSAR bei Patienten, die den Wirkstoff Phenprocoumon einnehmen, bei Therapie mit anderen Thrombozytenaggregationshemmern wie Azetylsalizylsäure oder Clopidogrel sowie DOAK ist ebenfalls an den Arzt zu verweisen. Auch die längerfristige, gleichzeitige Gabe von NSAR mit systemischen Kortikoiden, SSRI und SNRI ist nicht zu empfehlen. Wenig problematisch bezüglich Neben- und Wechselwirkungen ist das Analgetikum Paracetamol, bei dem jedoch der antiphlogistische Effekt nur gering ausgeprägt ist.

Bei lokal begrenzten Schmerzen sind topische Arzneiformen eine wirksame und praktisch nebenwirkungsfreie Option. Besonders effektiv zeigt sich die äußerliche Verwendung von Diclofenac, das in 4%iger Formulierung nur zweimal täglich aufgetragen werden muss. Auch diclofenachältige Pflaster bewähren sich sehr. Weitere topisch verwendete Wirkstoffe sind beispielsweise Ibuprofen, Ketoprofen sowie die Gruppe der Salizylate. Auch lokale Nebenwirkungen treten höchst selten auf, lediglich für Ketoprofen wird empfohlen, Sonnenlicht beziehungsweise UV-Bestrahlung zu meiden.

Beinwell, Teufelskralle und Co.

Alternativ oder auch ergänzend zu Synthetika wird bei Gelenkproblemen gern auch auf Phytopharmaka zurückgegriffen. So eignet sich beispielsweise der Beinwell (Symphytum) aus pyrrolizidinalkaloidfreier Züchtung bei äußerlicher Anwendung sowohl bei Muskel- als auch bei Gelenkbeschwerden. Entzündungshemmend wirken vor allem die Inhaltsstoffe Allantoin und Rosmarinsäure. Ein klassisches pflanzliches Analgetikum ist die Weidenrinde (Salicis cortex), die aufgrund ihres Gehaltes an Salizin auch als „natürliches Aspirin“ bezeichnet wird. Die Wirkungen sind vielfältig, so weist Weidenrindenextrakt neben seiner analgetischen Komponente unter anderem auch antiphlogistische, antioxidative und knorpelprotektive Effekte auf. Blutverdünnende Effekte sind hingegen bisher nicht bekannt, die gleichzeitige Anwendung mit oralen Antikoagulanzien ist dennoch zu hinterfragen.

Eine weitere wirksame Heilpflanze ist die Afrikanische Teufelskralle (Harpagophytum procumbens), die sowohl antiphlogistisches als auch analgetisches Potenzial aufweist. Die Wirkung wird dem Gesamtextrakt zugeschrieben und beruht unter anderem auf einer Hemmung der Lipoxygenase, woraus eine verminderte Bildung der Leukotriene der 4er-Serie resultiert. Durch ihren Gehalt an Bitterstoffen ist auch ein Effekt auf den Verdauungstrakt zu erwarten. Bei Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren sollte die Teufelskralle nicht verwendet werden. Auch der Metabolismus bestimmter Arzneimittel, wie etwa Antidiabetika, Statine, PPI, Antiepileptika oder Antidepressiva, kann beeinflusst werden.

Viele Patienten profitieren von oralen und/oder topischen Weihrauchpräparaten. Das Harz des Weihrauchbaumes (Olibanum) wird in der ayurvedischen Medizin schon seit Jahrhunderten verwendet. Es enthält Boswellinsäuren (oder auch Boswelliasäuren genannt), die durch spezifische Hemmung der 5-Lipoxygenase die Leukotriensynthese reduzieren und somit den Krankheitsverlauf bremsen sollen.

Homöopathie gegen Gelenkschmerzen

Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparates sowie rheumatische Beschwerden lassen sich – je nach individuellem Krankheitsbild unterstützend oder ausschließlich – auch homöopathisch behandeln. Das Besondere an der Auswahl des richtigen homöopathischen Mittels besteht darin, nicht das Krankheitsbild isoliert zu betrachten, sondern vielmehr typische symptomatische Merkmale, die sich auch bei verschiedenen Erkrankungen in ähnlicher Weise zeigen können (zum Beispiel Besserung durch Bewegung), sowie natürlich den Patienten in seiner Gesamtheit zu beurteilen. Eines der wichtigsten Mittel im Bereich der Gelenke und der Muskulatur ist Toxicodendron quercifolium. Bryonia kommt unter anderem bei Gelenkschmerzen, die allmählich beginnen und schließlich stechend und sehr stark werden, zum Einsatz (zum Beispiel Gicht). Ledum bewährt sich im Bereich des Bewegungsapparates, vor allem bei Gelenksteifigkeit. Auch Arnica montana findet bei akuten Gelenkschmerzen erfolgreich Einsatz, vor allem bei starkem Zerschlagenheitsgefühl. Die Pflanze wird sowohl in potenzierter Form als auch verarbeitet als Urtinktur äußerlich verwendet.

Lebensstilmodifikation und individuelle Bewegungstipps

„Oft sind Blutwerte zur Abklärung einer rheumatologischen Erkrankung negativ, und dennoch kommt es zu Polyarthralgien und rheumatischen Beschwerden“, sagt Dr. Susanne Steindl, Allgemeinmedizinerin in Wien.  „In vielen Fällen sind die Beschwerden durch schlechte Ernährung, Übersäuerung, wenig Bewegung, Stoffwechselerkrankungen und Silent Inflammation herbeigeführt. Ein unzureichender Fettsäurestatus an Omega-3-Fettsäuren wirkt sich beispielsweise negativ auf die Prostaglandinsynthese aus.“ Der Körper müsse dann ständig gegen Entzündungsprozesse ankämpfen.
Bewegung bleibt trotz Gelenkbeschwerden immens wichtig, allerdings abgestimmt auf die individuellen Möglichkeiten, wie Steindl betont: „Es bringt nichts, einen übergewichtigen Patienten von heute auf morgen zum Laufen zu bringen. Das funktioniert nicht einmal bei einem normalgewichtigen Menschen, weil die Gelenke Monate brauchen, um sich an die neue Bewegung zu gewöhnen. Das heißt: dosiert beginnen, nicht zu schnell und nicht zu viel.“ Besonders wenn Schmerz und Abnützung schon manifest sind, sollte man langsam mit der Bewegung beginnen. „Hilfreich ist Physiotherapie mit gezieltem Muskelaufbau, um die Gelenke muskulär bestmöglich zu unterstützen. Ebenfalls wichtig sind Anleitungen, wie man Bewegung wieder in den täglichen Ablauf inte­grieren kann. Zusätzlich zu Schmerztherapie und Muskelaufbau braucht es auch eine brauchbare Ernährungsberatung, gegebenenfalls Gewichtsabnahme sowie umfassende Tipps zur Umsetzung einer Lebensstilmodifikation.“
Bei einem chronischen Geschehen verweist Steindl auch auf Unterstützung durch Mikronährstoff- und Enzymtherapie. „Diese kann einen großen Einfluss auf die Linderung von Gelenkschwellungen haben, weil Mikronährstoffe und bestimmte Enzyme direkt in den Zellstoffwechsel und damit in die Entzündungskaskade eingreifen und so die Balance zwischen pro- und antientzündlichen Prozessen im Körper wiederherstellen können.“ Wichtig sei aber dabei Geduld, denn diese Art der Therapie dauere einige Wochen. „Es ist ein langwieriger Prozess, aber ein sehr nachhaltiger“, sagt Steindl und merkt an: „Wünschenswert wäre, dass schon viel eher im Sinne der Prävention an diese so simplen Maßnahmen gedacht wird.“

Mag. Martin Schiller

© Monika Löff


AutorIn: Mag. pharm. Kornelia Baumgartner

Apo-K 20|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-10-23