Phytotherapie mit Lavendelöl bei Angststörungen

Angststörungen im psychiatrischen Sinne sind durch das Überzogene und Übertriebene von Angst und Furcht charakterisiert, wobei oft eine tatsächliche Bedrohung durch äußere Faktoren fehlt.1 Mit einer 12-Monats-Prävalenzrate von 14 % sind Angsterkrankungen die häufigsten psychiatrischen Störungen in der Europäischen Union.2 Trotz dieser hohen Prävalenz werden Angststörungen häufig nicht oder erst spät erkannt, und nur wenige Patienten erhalten eine adäquate Behandlung. Unter Berücksichtigung von subsyndromalen Angststörungen (SSAD), die einige, jedoch nicht sämtliche diagnostische Kriterien einer generalisierten Angststörung (GAD) erfüllen, steigt die Prävalenzrate von pathologischen Angstsymptomen vermutlich auf 20 %.3

Die GAD ist durch anhaltend erhöhtes Angstniveau, meist ohne beherrschende Paniksymptome, sowie ohne klare phobische Ausrichtung der Angst charakterisiert. Unrealistische Besorgnisse und übertriebene Katastrophenerwartungen dominieren. Die Patienten zeigen muskuläre Verspannungen, autonom-nervöse Übererregbarkeit, Schreckhaftigkeit sowie Hypervigilanz.1 Das Bewusstsein um die Existenz der SSAD ist dermaßen gering ausgeprägt, dass weder im Diagnosekatalog DSM-V noch im ICD-10 eine eigene diagnostische Kategorie dafür zu finden ist. Dieses fehlende Bewusstsein macht es nicht verwunderlich, dass mehr als die Hälfte der im Rahmen eines Gesundheitssurveys befragten, von Angststörungen betroffenen Patienten keine adäquate Behandlung erhielt.4 Die Tabelle zeigt einfache Kriterien zur Differenzialdiagnose von GAD und SSAD.5, 6

 

 

Therapie von Angststörungen

Klinische Studien haben gezeigt, dass eine Kombination aus medikamentöser und nichtmedikamentöser Therapie am effektivsten ist.7 Die gebräuchlichsten nichtpharmakologischen Behandlungen sind psychodynamische Psychotherapie (PDT), kognitive Verhaltenstherapie sowie Entspannungstechniken. In vielen Fällen ist es jedoch nötig, eine medikamentöse Akutbehandlung durchzuführen, um Patienten mit Angsterkrankungen einer nichtpharmakologischen Behandlung zuzuführen.

Das aus den Blüten der Lavandula angustifolia durch Wasserdampfdestillation gewonnene Lavendelöl (Silexan®) ist ein komplexes Vielstoffgemisch. Die wichtigsten aktiven Inhaltsstoffe sind Linalool und Linalylacetat.8, 9 Für die Wirksamkeit bei Angststörungen liegt umfangreiche Evidenz aus klinischen Studien vor. So wurde die Effektivität sowohl bei SSAD und GAD als auch bei MADS (Komorbidität von Angst und Depression) in mehr als 15 klinischen Studien mit insgesamt mehr als 2.200 Patienten evaluiert. Auch nach Metaanalysen10–12 der klinischen Studien sowohl in der Indikation SSAD als auch GAD erfüllt die Lavendelöl-Zubereitung die Kriterien für höchste Evidenz. Umfangreiches Datenmaterial aus kontrollierten Studien zeigt ein hervorragendes Sicherheitsprofil. Es kommt zu keinen sedierenden oder suchterzeugenden Effekten, zu keinen Absetzsymptomen und keinen Nebenwirkungen wie Schwindel, sexuelle Dysfunktion oder Gewichtszunahme. Da keine Metabolisierung über das CYP450-System erfolgt, kommt es zu keiner Interaktion mit anderen Medikamenten.

 

Literatur:

1 Kasper S et al., Clinicum Neuropsy, Sonderausgabe November 2018; S1–18

2 Wittchen HU et al., Eur Neuropsychopharmacol. 2011 Sep; 21(9):655–79

3 Wittchen HU et al., J Clin Psychiatry. 2002; 63 Suppl 8:24–34

4 Andrews G, Carter GL, Med J Aust. 2001 Jul 16; 175(S1):S48–51

5 Carter RM et al., Depress Anxiety. 2001; 13(2):78–88

6 Ruscio AM et al., J Anxiety Disord. 2007; 21(5):662–76. Epub 2006 Nov 21

7 Bandelow B et al., www.awmf.org/leitlinien.html

8 Cavanagh HM et al., Phytother Res. 2002 Jun; 16(4):301–8

9 Setzer WN, Nat Prod Commun. 2009 Sep; 4(9):1305–16

10 Möller HJ et al., Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2019 Mar; 269(2):183–193

11 Kasper S et al., Int Clin Psychopharmacol. 2017 Jul; 32(4):195–204

12 Kasper S et al., DGPPN 2019, Berlin

AutorIn: em. o. Univ.-Prof. Dr. h. c. Dr. Siegfried Kasper

Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Zentrum für Hirnforschung, Medizinische Universität Wien

Foto: © Felicitas Matern


Apo-K 08|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-04-24