Psyche und Psychosomatik: Überblick zu Studien

Quarantäne: psychische Folgen erheblich – Aufklärung erforderlich

Die durch eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 angeordnete häusliche Isolation wirft Fragen auf, wie es abseits der Physis in dieser Zeit um die Psyche steht. Dazu ist nun am Department of Psychological Medicine am britischen King’s College in London eine Publikation erschienen, für die man 3.166 Studien, die sich mit den psychischen Aspekten der Quarantäne beschäftigt hatten, sichtete. Laut den Studienautoren sind die Konsequenzen erheblich und nachhaltig – psychische Beeinträchtigungen können nach Ende der Isolation noch monatelang andauern. Als hauptsächliche Probleme wurden Ängste, Depression, Wut und posttraumatische Belastungsstörung ermittelt. Als relevante Faktoren dazu lassen sich die Dauer der Quarantäne und der damit verbundene Freiheitsentzug, soziale Isolation, mangelnde Informationen, ungenügende Versorgung während dieser Zeit, finanzieller Stress sowie Stigmatisierung herausarbeiten. Aus den Ergebnissen sollte allerdings nicht der Schluss gezogen werden, dass die Maßnahme per se falsch sei; sie sollte nur mit Bedacht angewendet werden, und die Folgewirkung auf die Betroffenen sollte nicht vergessen werden. Um die psychischen Folgen möglichst gering zu halten, empfehlen die Autoren detaillierte Aufklärung über die Notwendigkeit der Isolation, möglichst kurze Quarantänezeiten, Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten sowie angemessene Ausgleichszahlungen für selbständig Tätige. Auch zu Sport als Abbau des psychischen Stresses wird geraten.

Quelle: COVID-19: Eine verordnete Quarantäne bleibt meist nicht ohne Folgen für die Psyche – doch die lassen sich minimieren. Medscape, 4. 3. 2020. Originalpublikation: Brooks SK, Webster RK, Smith LE et al., The psychological impact of quarantine and how to reduce it: rapid review of the evidence. Lancet 2020 Mar 14; 395(10227):912–920. DOI: 10.1016/S0140-6736(20)30460-8

 

In einem Review zu dieser aktuellen Publikation wird festgehalten, dass Pandemien im Allgemeinen beim Menschen Tendenzen zur Katastrophisierung und kognitiven Verzerrung auslösen. Die aus den inkludierten deskriptiven Studien hervorgegangene Nachhaltigkeit der psychischen Beeinträchtigung wird nochmals betont. Als Antidot gegen individuelle Ängste, die zu weitreichenden Folgen wie Verhaltensänderungen, exzessiver Vermeidungsstrategie oder Stigmatisierung führen, nennt der Autor die Erleichterung sozialer Verbindungen sowie die Übermittlung detaillierter rationaler Informationen über das Virus und dessen Verbreitungswege.

Roy-Byrne P, Psychological Effects of Quarantine: A Qualitative “Rapid Review”. NEJM Journal Watch.

 


 

Psychosomatische Auswirkungen: Herzklopfen, beeinträchtigtes Immunsystem

Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) weist darauf hin, dass die aktuelle Lage Ängste und seelische Belastungen auslöst, die sich auch körperlich auswirken können. Angst ist generell ein nützlicher Begleiter, der nicht nur Gefahren signalisiert, sondern auch für ein besonnenes und verantwortungsbewusstes Verhalten sorgt. Übermäßige (und unrealistische) Ängste jedoch könnten zu Panik führen, die sich beispielsweise durch Herzklopfen, Herzrasen, Engegefühle in der Brust oder Beklemmungsgefühle äußert. Eine rationale Auseinandersetzung mit gezielter Information zur Senkung des Infektions- und Erkrankungsrisikos über seriöse Quellen kann hierzu Abhilfe schaffen. Auch das Immunsystem kann durch die aktuellen Belastungen und existenzielle Sorgen beeinträchtigt werden. Die Gesellschaft verweist auf experimentelle Studien, die zeigen, dass ein derart chronischer Stress das körpereigene Immunsystem hemmt. Die Angst vor einer Infektion kann sich auch im körperlichen Erleben von Krankheitssymptomen äußern, obwohl keine Infektion vorliegt. Dazu meint Prof. Dr. Harald Gündel, Mediensprecher der DGPM: „Dann verschlimmern sich die gesundheitlichen Ängste noch einmal, und es droht ein Teufelskreislauf. Ein erster Schritt zur Bewältigung wäre es, seine Ängste zu benennen und sich mit anderen darüber auszutauschen. Nehmen Angstzustände überhand, sollten Betroffene professionelle Hilfe durch einen ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten suchen.

Quelle: Presseaussendung der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM): Seelenhygiene in Zeiten der Krise – psychische Belastungen durch COVID-19 und was wir dagegen tun können. (Zugriff 31. 3. 2020)

 


 

Sozialministerium: Informationsblätter des Psychologenverbandes in mehreren Sprachen

Das Sozialministerium stellt auf seiner Website Informationsblätter des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen (BÖP) zur Verfügung. Die Informationsblätter enthalten Tipps, wie man mit Hilfe der Psychologie die Quarantäne und häusliche Isolation trotz Einschränkungen gut überstehen kann beziehungsweise wenn man trotz Coronapandemie an den Arbeitsplatz muss. Sie stehen auch in leichter Sprache sowie in mehreren Fremdsprachen zur Verfügung, um alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen.

 


 

Kommunikation: WHO-Appell zum Abbau von Stigmata

Die Weltgesundheitsorganisation WHO wendet sich an die Allgemeinbevölkerung mit Botschaften zur Kommunikation, um die mentale Gesundheit und das psychosoziale Wohlbefinden bestimmter Gruppen während der Pandemie zu unterstützen.
Die WHO hat dazu drei Appelle formuliert:

  1. COVID-19 sollte nicht an Ethnizitäten oder Nationalitäten festgemacht werden. Die WHO bittet um Empathie für alle Betroffenen – unabhängig ihrer Herkunft.
  2. Erkrankte sollten nicht als „COVID-19-Fälle“, „Opfer“ oder „COVID-19-Familien“ bezeichnet werden, sondern als „Menschen, die COVID-19 haben“ beziehungsweise als „Menschen, die in der Genesungsphase von COVID-19 sind“. Die Person selbst sollte immer vom Krankheitsgeschehen getrennt betrachtet werden. Dies könne maßgeblich dazu beitragen, die Stigmatisierung abzubauen, die den Betroffenen oft selbst schwer zu schaffen macht.
  3. Updates zu spezifischen Zeiten des Tages anstelle eines permanenten Informationsempfangs ist ein guter Selbstschutz für die Psyche. Ein weiterer Appell lautet: „Get the facts; not rumours!“ Fakten können dabei helfen, Ängste zu minimieren.

Quelle: World Health Organization 18th March 2020: Mental health and psychosocial considerations during the COVID-19 outbreak. (Zugriff 31. 3. 2020)

AutorIn: Mag. Martin Schiller

Apo-K 07|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-04-09