S3-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom vor Aktualisierung

In wenigen Wochen wird die aktualisierte S3-Leitlinie „Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie“ veröffentlicht. Bereits jetzt ist eine Konsultationsfassung online einsehbar.1

Im Kapitel zur Pathophysiologie wird nun die Rolle des Mikrobioms ausführlicher thematisiert. Das Reizdarmsyndrom (RDS) kann demnach mit einem veränderten Darm-Mikrobiom und -Metabolom assoziiert sein. RDS-Patienten weisen eine von gesunden Kontrollprobanden abweichende Zusammensetzung der Darmmikrobiota auf. Das betrifft sowohl die Qualität als auch die Quantität. Nicht ausgeschlossen wird in der Leitlinie, dass auch Veränderungen der Motilität, wie etwa die Transitzeit, bei den beobachteten Unterschieden des Stuhlmikrobioms eine Rolle spielen. Starken Konsens gibt es zum Statement, wonach die bei RDS veränderte Darmmikrobiota mit dem Schweregrad der Erkrankung und mit dem Ansprechen auf Ernährungstherapie assoziiert sein kann.1, 2

Das Kapitel Diagnostik wird aufgeteilt in „Allgemeine Diagnostik“ und „spezielle Diagnostik für Ernährung“, wobei Letztere nun deutlich umfangreicher als bisher ist – so wurden unter anderem die Themen Gluten-Sensitivität und Histamin-Intoleranz aufgenommen. Negative Empfehlungen gibt es für nichtetablierte IgG-basierte Tests auf Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten. Abgeraten wird von unnötigen und problematischen Eliminationsdiäten sowie von einer Stuhlanalyse auf Dysbiose.1–3

Größerer Stellenwert für Ernährung

Der Aspekt der Ernährung hat in der neuen Leitlinie einen höheren Stellenwert. Eine Low-FODMAP-Diät wird als mögliche Therapieform empfohlen. Dies gilt bei Schmerzen, Blähungen, Obstipation und Diarrhö als dominante Symptome. Die Kostform sollte in drei Phasen ablaufen: Elimination, Toleranzfindung, Langzeiternährung.1 Die FODMAP-Methode steht für fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole. Demnach sollten also Fruktane, Galactooligosaccharide, Laktose, Fruktose, Sorbit, Xylit und Mannit in geringen Mengen konsumiert werden. Das betrifft Weizen, Roggen, Gemüse wie Spargel, Fenchel, Knoblauch, Zwiebel, Schalotten, Rüben, Artischocken, Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Äpfel, Kirschen, Marillen, Nektarinen, Karfiol und Dörrobst.4 Eine spannende Erkenntnis findet sich dazu ebenfalls in der Leitlinie: Auf der Basis von Bakterien-Profilanalysen konnten Patienten, die auf FODMAP positiv reagierten, von Non-Respondern unterschieden werden.1

Präbiotika und Probiotika erhalten positive Bewertungen. Es besteht Konsens darüber, ausgewählte Probiotika in der Behandlung des RDS einzusetzen. Die Wahl des Stammes kann dabei entsprechend der Symptomatik erfolgen. Weiters kann aufgrund möglicher synergistischer Effekte eine Kombination aus Ballaststoffen und ausgewählten Probiotika in der Behandlung des RDS versucht werden.1

Bei der symptomorientierten Therapie erhielt Macrogol bei Obstipation eine stärkere Empfehlung. Auch Prucaloprid und Linaclotid wurden positiv bewertet. Bei Schmerzen werden Spasmolytika stärker empfohlen. Hier wird nun Pfefferminzöl als wirksam zur Behandlung der Symptome Schmerz und Blähungen genannt (starker Konsens). Die Anwendung hat sich in einer Studie nach 24 Stunden im Vergleich zu Placebo überlegen in der generellen Symptomatik und im Hinblick auf Bauchschmerz und Unwohlsein gezeigt. Nach wie vor als effektiv bei allgemeinen RDS-Beschwerden sowie bei abdominellen Schmerzen wird die pflanzliche Kombination aus Angelikawurzel, Kamillenblüten, Kümmelfrüchten, Mariendistelfrüchten, Melissenblättern, Pfefferminzblättern, Schöllkraut und Süßholzwurzel beschrieben. Neu in der Leitlinie ist außerdem die Empfehlung für Rifaximin in therapierefraktären Fällen des nichtobstipierten Reizdarmsyndroms.1, 2

 

Literatur:

1 https://www.dgvs.de/wissen-kompakt/leitlinien/dgvs-leitlinien/reizdarmsyndrom/, pdf: https://www.dgvs.de/wp-content/uploads/2020/06/Leitlinie-LL-RDS_19.06.20_Konsulationsfassung.pdf

2 Volkskrankheit Reizdarm: aktuelle Empfehlungen zu Diagnostik und Therapie in der neuen Leitlinie Reizdarmsyndrom. Referentenstatement von Viola Andresen. Jahrespressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS)

3 Eppinger U, Gastroenterologen informieren: Was die neue S3-Leitlinie „Reizdarm“ rät; wie Früherkennung von Leberschäden funktioniert. Medscape 25. Juni 2020

4 Petersdorfer S, Nigl K, Tammegger M, Die Fodmap-Methode. JEM Okt 2013

AutorIn: Mag. Martin Schiller

Apo-K 14|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-07-14