Varizellen haben wieder Saison

Ihren Namen haben die Windpocken aufgrund ihrer hohen Infektiosität, zählen sie doch zu jenen Viruserkrankungen, die bereits durch geringen Kontakt übertragen werden können. Besonders wichtig ist die Linderung des lästigen Juckreizes, um Kratzen und etwaige Narbenbildung zu vermeiden. Verursacht wird die Krankheit durch Varizella-Zoster-Viren, wobei der Erkrankungsgipfel im Kindergarten- und Volksschulalter liegt. Dennoch können auch Erwachsene betroffen sein, und der Verlauf ist in dieser Altersgruppe unter Umständen schwerer. Die Viren sind praktisch ganzjährig aktiv, besonders häufig treten Erkrankungen jedoch in der kalten Jahreszeit auf. Die Übertragung erfolgt durch Tröpfchen- beziehungsweise Schmierinfektion, wobei bereits eine geringe Virenlast für eine Ansteckung ausreicht. Eine Vermeidung der Übertragung an im selben Haushalt lebende Personen ist daher meist nicht möglich. Die Inkubationszeit beträgt 10 bis 21 Tage, eine Übertragung ist hauptsächlich in den beiden Tagen vor Krankheitsbeginn sowie bis zum Abtrocknen des letzten Bläschens möglich. Aus diesem Grund müssen Kinder auch bei gutem Allgemeinzustand bis zu diesem Zeitpunkt von Schule und Kindergarten fernbleiben. Die Erkrankung führt zu einer lebenslangen Immunität, dennoch bleibt das Virus latent im Körper und kann im fortgeschrittenen Lebensalter eine Gürtelrose (Herpes Zoster) verursachen. Den besten Schutz bietet im Kindesalter die Varizella-Zoster-Impfung, die als Lebend­impfstoff erhältlich ist und auch gemeinsam mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung verabreicht werden kann. Für Personen ab dem 50. Lebensjahr wird außerdem eine Impfung gegen Herpes Zoster empfohlen.

Typische Symptome

Windpocken beginnen meist mit allgemeiner Müdigkeit und Abgeschlagenheit, auch Fieber und Kopfschmerzen können auftreten. Nach kurzer Zeit zeigen sich bereits die ersten Bläschen am Oberkörper, später breiten sich diese auf den ganzen Körper aus. Lediglich die Handinnenflächen und die Fußsohlen sind nie betroffen. Anfangs handelt es sich um rote juckende Pünktchen, die an Insektenstiche erinnern. Danach sind die Bläschen mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt, was sie deutlich von anderen Kinderkrankheiten wie etwa Masern, Röteln oder Scharlach unterscheidet. Dennoch ist eine ärztliche Differenzialdiagnose erforderlich. Nach mehreren Tagen trocknen die Bläschen unter Krustenbildung schließlich ab. Da die Anzahl der Bläschen kontinuierlich steigt, sind Bläschen in den verschiedenen Stadien gleichzeitig sichtbar.

Der Verlauf einer Varizella-Zoster-Infektion ist ganz unterschiedlich und reicht von sehr leichten, nahezu fieberfreien Formen mit wenigen Bläschen bis hin zu schweren Erkrankungen mit starker Beeinträchtigung des Wohlbefindens. Keinesfalls sollte die Erkrankung verharmlost werden. Schwere Verläufe zeigen sich besonders häufig bei Kindern mit Vorerkrankungen wie etwa atopischer Dermatitis und generell bei Erwachsenen. Selten sind Begleiterkrankungen wie zusätzliche Hautinfektionen, Pneumonie oder Enzephalitis zu beobachten. Vorsicht geboten ist in der Schwangerschaft: Die Windpocken können auf das Ungeborene übertragen werden und zu Komplikationen führen! Vor allem vor der 20. Schwangerschaftswoche ist das Risiko einer Varizellenembryopathie hoch. Vor einer geplanten Schwangerschaft sollte daher der Immunitätsstatus überprüft und eine aktive Immunisierung gegen Varizellen durchgeführt werden. Säuglinge erkranken hingegen eher selten, da sie durch die Antikörper der Mutter meist ausreichend geschützt sind.

Juckreiz muss nicht sein

Gegen den quälenden Juckreiz stehen verschiedene Maßnahmen zur Verfügung. Rasche Linderung verschafft das mehrmals tägliche Betupfen mit einer Zink-Schüttelmixtur oder einer gerbstoffhältigen Lotion. Dies erfolgt am besten mit einem Wattebausch oder Wattestäbchen. Zinkoxid und synthetische Gerbstoffe wirken austrocknend, entzündungshemmend und angenehm kühlend, wodurch sich der Juckreiz deutlich reduzieren lässt. Eine zusätzliche Option sind orale Antihistaminika, wie beispielsweise Dimetindenmaleat, das bereits für Kinder ab 1 Jahr zugelassen ist. Als Tropfen erhältlich, wird es entsprechend dem jeweiligen Alter dosiert. Für Erwachsene ist der Wirkstoff auch in Tablettenform erhältlich, ebenso andere orale Antihistaminika wie etwa Cetirizin, Loratadin und Desloratadin. Keinesfalls sollte gekratzt werden, da die Bläschen sonst Narben hinterlassen können. Außerdem können durch das Kratzen weitere Erreger in die Bläschen gelangen und zu einer bakteriellen Superinfektion führen.

Als Antipyretika eignen sich für Kinder vor allem Präparate mit Ibuprofen oder Paracetamol, die entsprechend dem Körpergewicht dosiert werden.

Homöopathische Unterstützung bei Windpocken

  • Aconitum: plötzliches hohes Fieber ohne Schwitzen
  • Atropa belladonna: hohes Fieber mit starkem Schwitzen und rotem Kopf
  • Ferrum phosphoricum: leichtes Fieber, guter Allgemeinzustand
  • Toxicodendron quercifolium: gefüllte Bläschen mit starkem Juckreiz
  • Antimonium crudum: Bläschen im Stadium der Krustenbildung
  • Mezereum: verkrustete Bläschen mit Eiterbildung, starker Juckreiz
  • Sulfur: starker Juckreiz, der durch Waschen schlimmer wird beziehungsweise nachts

Weitere hilfreiche Maßnahmen

Um den Juckreiz zu lindern, empfiehlt sich weiters luftige Kleidung aus Baumwollgewebe, um Schwitzen zu vermeiden. Enganliegende Kleidungsstücke führen außerdem durch die Reibung zu vermehrtem Juckreiz. Auch die Raumtemperatur sollte nicht zu hoch sein, insbesondere in den Schlafräumen. Kinder kratzen sich oft unbewusst – auch im Schlaf, daher sollten die Fingernägel kurzgehalten werden, um Verletzungen der Bläschen zu verhindern. Auch dünne Fäustlinge oder Handschuhe aus Baumwolle sind eine wirksame Option. Um den Abheilungsprozess zu beschleunigen, sollten die Bläschen möglich trocken gehalten werden. Daher ist es ratsam, auf Bäder zu verzichten, kurzes Abduschen mit lauwarmem Wasser ist möglich. Vorsicht geboten ist beim Abtrocknen, um die Bläschen nicht zu verletzen. Ideal ist sanftes Abtupfen mit einem weichen Handtuch, keinesfalls darf gerubbelt werden.

AutorIn: Mag. pharm. Kornelia Baumgartner

Apo-K 21|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-11-06