Venenleiden ernst nehmen

Zu den großen Blutgefäßen des Blutkreislaufs gehören Arterien und Venen, wobei Letztere ungefähr 75 % aller großen Gefäße ausmachen. Fast ⅔ des gesamten Blutvolumens im Organismus befinden sich somit im venösen System. Venen haben, im Gegensatz zu Arterien, eine wesentlich dünnere Gefäßwand, da sie nur einem geringeren Druck standhalten müssen. Die dünnere Gefäßwand hat jedoch auch ein größeres Lumen zur Folge. Durch Venenklappen ist der Bluttransport aus der Peripherie zum Herzen – ohne Rückfluss – auch gegen die Schwerkraft möglich.

Die Bedeutung der Muskelpumpe

Sowohl oberflächliche als auch tiefliegende Venen haben Venenklappen, die aus zwei Flügeln, ähnlich einer Schwingtüre, bestehen. Eine weitere Unterstützung, vor allem der tiefen Venen, bietet die eng anliegende Skelettmuskulatur, die als Muskelpumpe fungiert. Besonders wichtig ist die Arbeit der Wadenmuskulatur, da sie für den Großteil des Blutrücktransports aus den Beinen verantwortlich ist. Allerdings wird die Skelettmuskulatur nur durch Bewegung aktiviert, bei längerem Sitzen oder Stehen fällt sie als zusätzliche Hilfe aus. Durch den Wegfall der Muskelpumpe lastet mehr Druck auf den Venenklappen wodurch diese allmählich nicht mehr richtig schließen. In weiterer Folge hält auch die Venenwand dem steigenden Druck nicht mehr stand und dehnt sich aus. Man spricht von venöser Hypertonie. Die Volumenüberlast macht sich in Form von Schweregefühl und Schwellungen in den unteren Extremitäten bemerkbar. Die Beine beginnen zu jucken, zu brennen und sind vor allem im Bereich der Knöchel sichtbar geschwollen. Speziell abends und in den wärmeren Monaten treten die Beschwerden verstärkt auf. Das gestaute, venöse Blut schimmert an der Oberfläche bläulich durch die Haut. Die feinen, verästelten Linien werden als Besenreißer bezeichnet, bei größeren Venen als Krampfadern. Bleibt die Venenschwäche unbehandelt, so entwickelt sich daraus die chronisch venöse Insuffizienz (CVI). Es kommt zu anhaltenden Störungen der Mikrozirkulation, Wadenkrämpfen, Veränderungen der Haut und Ödembildung. Ein offenes, nässendes Unterschenkelgeschwür (Ulcus cruris) stellt eine schwerwiegende Komplikation der CVI dar.

Klassifikation der chronisch venösen Insuffizienz

Die CVI wird international nach der CEAP-Klassifikation eingeteilt, die von C0 (keine sichtbaren Anzeichen einer Venenerkrankung) bis zu C6 (Varikose mit ausgeprägtem Ulcus) reicht. In Deutschland bedient man sich der Marshall-Klassifikation (in Anlehnung an das Widmer-Schema). Hier erfolgt die Einteilung in 4 Schweregraden, wobei Grad 1 asymptomatische Krampfadern ohne Komplikationen bezeichnet bis hin zu Grad 4 mit symptomatischen Krampfadern und ausgeprägtem Ulcus.

Risikofaktoren

Die Inzidenz von Venenleiden ist altersabhängig und tritt mit fortschreitendem Alter häufiger auf. Neben familiär bedingter Bindegewebsschwäche sind besonders Frauen betroffen sowie Menschen mit überwiegend sitzender oder stehender Tätigkeit. Weiters gehören Menschen mit Übergewicht, Raucher und Frauen, die hormonelle Kontrazeptiva oder Hormonersatzpräparate einnehmen, zu den Risikogruppen. Der in der Schwangerschaft steigende Östrogenspiegel macht die Venenwände elastischer und weicher, wodurch es vermehrt zu Venenschwäche und geschwollenen Beinen kommt. Das erhöhte Gewicht, vor allem im letzten Trimenon, trägt natürlich zusätzlich zu einer Verstärkung der Symptomatik bei.

Venenleiden als Symptom

Schwellungen und Ödeme im Bereich der Beine können allerdings auch auf eine Herzinsuffizienz oder eine ungenügende Arzneimitteltherapie hindeuten. Plötzlich auftretende Schwellungen, die mit Schmerzen verbunden sind und sich lokal abgrenzen lassen, sind klassische Symptome einer Thrombose. Eine rasche Abklärung durch den Arzt ist notwendig, um das Risiko einer nachfolgenden Lungenembolie zu verringern.

Lesen Sie im 2. Teil in der kommenden Ausgabe alles zu Vorbeugung und Therapie von Venenleiden!

Beine hochlagern bei Kreislaufkollaps
Im Fall eines Kreislaufkollapses ist es notwendig, die Beine hochzulagern, um möglichst viel venöses Blut zum Herzen zurückzuführen. Von dort aus fließt das Blut weiter in die lebenswichtigen Organe, um diese möglichst lange versorgen zu können.
AutorIn: Mag. pharm. Karoline Sindelar

Apo-K 10|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-05-28