Windpocken: keine harmlose Kinderkrankheit

Feuchtblattern – die Erkrankung mit ihrem charakteristischen Hautausschlag ist allgemein bekannt, wenn auch unter verschiedenen Namen: Von den häufig verwendeten Bezeichnungen Windpocken und Varizellen bis hin zu weniger gebräuchlichen Begriffen wie Schafblattern und wilde Blattern reicht die Palette an Synonymen. Der Ausdruck Windpocken spielt auf die Übertragung des auslösenden Varizella-Zoster-Virus (VZV) an. Die Ansteckung erfolgt unter anderem über Tröpfcheninfektion aus mehreren Metern Entfernung, die Viren sind äußerst kontagiös.1, 2

Hochansteckender Erreger

Das Varizella-Zoster-Virus gehört zur Familie der Herpesviren. Sein Verbreitungsgebiet ist weltweit, die Infektiosität hoch mit einem Kontagionsindex nahe eins. Der Mensch ist der einzige Wirt, allerdings können die Erreger außerhalb des Körpers – vor allem im feuchten Milieu – über mehrere Tage hinweg infektiös bleiben. Die Übertragung erfolgt vor allem über die Luft durch virushaltige Tröpfchen, die beim Atmen, Sprechen oder Husten weitergegeben werden. Daneben ist allerdings auch eine Schmierinfektion durch den Inhalt von aufgekratzten Bläschen möglich. Erkrankungen treten ganzjährig, jedoch gehäuft im Winter und Frühjahr auf. Die Inkubationszeit liegt zwischen 8 und 21, meist bei 14 bis 16 Tagen. Erkrankte sind bereits zwei Tage vor Auftreten des Exanthems für etwa eine Woche bis zur Verkrustung der Bläschen ansteckend.1, 3

Gürtelrose durch Reaktivierung

Neben den Windpocken wird durch das Varizella-Zoster-Virus noch ein weiteres Krankheitsbild verursacht. Der Herpes Zoster oder Gürtelrose wird im Gegensatz zu den Feuchtblattern, die bei Erstinfektion auftreten, durch eine endogene Reaktivierung des Virus verursacht. Die Erkrankung kann daher nur bei Personen mit einer vorangegangenen VZV-Infektion auftreten bzw. ist sie auch bei mit Lebend­impfstoffen Geimpften möglich, aber sel­tener. Das Virus persistiert lebenslang in den Spinal- bzw. Hirnnervenganglien, eine Reaktivierung wird grundsätzlich durch die T-Zell-vermittelte Immunabwehr verhindert. Bei Abnahme dieser Immunabwehr kommt es jedoch zu einem Wiederaufflammen und Ausbruch der Gürtelrose. Besonders Ältere oder Immungeschwächte sind betroffen, es gibt jedoch auch Fälle bei Kindern und Jugendlichen. Gefürchtete Komplikation der Gürtelrose ist die durch starke Schmerzen geprägte Post-Zoster-Neuralgie, die selten sogar lebenslang anhält. Neuere Erkenntnisse zeigen außerdem ein erhöhtes Risiko für Myokardinfarkt und Schlaganfall bei Erkrankten. Beim Herpes Zoster ist die Infektiosität geringer ausgeprägt; nur die Bläschenflüssigkeit ist ansteckend. Eine Impfung mit Totimpfstoff wird in Österreich Personen ab dem 50. Lebensjahr bzw. bei hohem Risiko durch Grunderkrankungen oder Immunsuppression auch Jüngeren empfohlen. Dadurch soll die spezifische Immunabwehr gegen das Virus wieder gesteigert werden, um ein Auftreten der Erkrankung zu vermeiden.1, 4

Typische Symptomatik

Üblicherweise beginnen Windpocken mit unspezifischen Krankheitssymptomen wie Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und Unwohlsein. Diese Symptome treten meist ein bis zwei Tage vor dem typischen, juckenden Exanthem und Fieber auf. Der Ausschlag sowie das Fieber dauern in etwa drei bis fünf Tage. Die Hautläsionen – Bläschen, Papeln und Schorf – sind charakteristisch und gleichzeitig in verschiedenen Entwicklungsstadien vorhanden. Sie vermitteln so das Bild eines Sternenhimmels. Üblicherweise beginnt der Ausschlag am Stamm und im Gesicht und schreitet dann rasch auf die anderen Körperteile fort, auch die Schleimhäute können betroffen sein.1, 3

Im Normalfall heilen Feuchtblattern bei gesunden Kindern folgenlos und ohne Narben ab, Kratzen oder bakterielle Superinfektionen können jedoch Narben verursachen. Bei Erwachsenen treten häufiger Komplikationen auf als bei Kindern. Besonders, aber nicht ausschließlich bei Immungeschwächten und Neugeborenen kann die Erkrankung einen schweren Verlauf mit möglicherweise sogar letalem Ausgang nehmen. Schwerwiegende Komplikationen sind unter anderem eine bakterielle Superinfektion der Hautläsionen – meist durch Streptococcus pyogenes oder Staphylococcus aureus ausgelöst – und die Varizellenpneumonie, sie tritt bei bis zu 20 % der Erwachsenen auf, besonders gefährdet sind Schwangere. Auch das Zentralnervensystem kann von schweren Komplikationen betroffen sein, Beispiele dafür sind das Guillain-Barré-Syndrom, Reye-Syndrom oder eine Enzephalitis. Erstinfektionen in der Schwangerschaft können zum sogenannten fetalen Varizellensyndrom führen. Dabei kann es zu fetalen Missbildungen, neurologischen Defekten und Hautläsionen sowie einer erhöhten Sterblichkeit in den ersten Monaten nach der Geburt kommen. Erkrankt die Mutter erstmals in der Zeit um den Geburtstermin, können schwer verlaufende neonatale Windpocken entstehen, die eine Letalität von bis zu 30 % aufweisen.1, 4

Behandlung und allgemeine Tipps

Verläuft die Erkrankung unkompliziert, ist es ausreichend, die Symptome – allem voran den Juckreiz – zu behandeln. Dazu stehen verschiedene Präparate zur lokalen Anwendung zur Verfügung, beispielsweise Zink-Schüttelmixturen oder gerbstoffhaltige Lotionen. Auch Antihistaminika sind eine gute Option, um das Kratzen zu verhindern. Oral verabreicht, helfen sie auch gegen starken Juckreiz. Für Kinder stehen zum Beispiel Dimetinden-Tropfen zur Verfügung, die an das Körpergewicht angepasst dosiert werden.

Allgemeinmaßnahmen zur Linderung des Juckreizes sind außerdem das Tragen von weiter Baumwollkleidung, um ein Scheuern der Kleidung auf der Haut zu verhindern, sowie ein kühles Raumklima. Die Haut sollte außerdem gepflegt und täglich gewaschen werden. Um das Kratzen und damit das Risiko für bakterielle Superinfektionen und Narben zu reduzieren, sollte außerdem auf kurz geschnittene Fingernägel geachtet werden. Auch Handschuhe können notfalls helfen und verhindern, dass die Bläschen aufgekratzt werden. Bei allgemeinem Krankheitsgefühl und Fieber kann bei Kindern Paracetamol eingesetzt werden. Bei Erkrankten mit Immunschwäche ist eine spezifische antivirale Therapie möglich.1 Als Prophylaxe gibt es die Varizellenimpfung, die ab dem vollendeten ersten Lebensjahr empfohlen wird. Auch seronegativen Erwachsenen wird die Impfung empfohlen, besonderes Augenmerk liegt hier unter anderem auf Frauen im gebärfähigen Alter vor Eintritt einer Schwangerschaft („prepare for pregnancy“).4


Literatur:

  1. Robert-Koch-Institut, RKI-Ratgeber: Windpocken (Varizellen), Gürtelrose (Herpes Zoster), https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Varizellen.html
  2. Kretschmer C, Gelbe Liste: Windpocken (Varizellen),
    https://www.gelbe-liste.de/krankheiten/varizellen-windpocken
  3. Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK): Feuchtblattern (Varizellen, Windpocken). Auf: https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Uebertragbare-Krankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/Feuchtblattern-(Varizellen,-Windpocken).html
  4. Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK): Impfplan Österreich 2021. Auf: https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Impfen/Impfplan-Österreich.html
AutorIn: Mag. pharm. Katja Steiner

Apo-K 19|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-10-15