Winterapotheke: Das Immunsystem boosten

Das menschliche Immunsystem ist ein hochkomplexes System, das durch verschiedenste endogene und exogene Faktoren beeinflusst wird. Ganz grob lässt sich das Immunsystem in einen angeborenen, unspezifischen und einen erworbenen, spezifischen Teil gliedern. Gerade bei den jährlich im Herbst und Winter wiederkehrenden grippalen Infekten spielt das unspezifische Immunsystem der Schleimhäute eine wesentliche Rolle. Krankheitserreger treffen zuerst, meist über die Atemluft, auf die Schleimhäute im Nasen- und Rachenbereich. Die Nasenschleimhaut im Speziellen gliedert sich in zwei Teile: die Regio respiratora, die aus Flimmerepithel besteht, und die Regio olfactiria, die sich im oberen Nasenraum befindet und der Geruchswahrnehmung dient. Das Flimmerepithel transportiert mithilfe der Flimmerhärchen (Zilien) Schleim und darin festklebende Krankheitserreger in den Rachenraum, wo diese dann entweder ausgeschneuzt, -gehustet oder geschluckt und somit unschädlich gemacht werden. Diesen Vorgang bezeichnet man auch als mukoziliäre Clearance. Das Nasensekret ist ein seromuköses Sekret, das sich aus einer wässrigen Phase und den von Becherzellen gebildeten Muzinen zusammensetzt. Zu den Funktionen des Nasenschleims gehören unter anderem die Befeuchtung der Atemluft und die Infektabwehr. Hierbei ist das nasenassoziierte lymphatische Gewebe (NALT) für die erste Immunabwehrreaktion von Krankheitserregern verantwortlich. Sämtliche Keime werden von den M-Zellen der Schleimhaut absorbiert und zum lymphatischen Gewebe der Schleimhaut transportiert, wo anschließend B-Lymphozyten die Produktion von IgA und IgM initiieren. Somit wird die Anhaftung von Keimen an das Epithel und ein weiteres Vordringen in subepitheliale Schichten verhindert.

Schleimhautbarriere stärken

Wird die Nasen- bzw. auch die Rachenschleimhaut nun durch zu trockene Luft, schlechte Durchblutung, Konservierungsmittel in Nasensprays oder andere Ursachen geschädigt, so können diverse Keime ungehindert eindringen und Krankheiten auslösen.
Mithilfe verschiedener Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmittel lässt sich die Schleimhautbarriere verbessern, die unspezifische Abwehr aktivieren und das Immunsystem stärken. Denkt man an Abwehrkräfte, so stehen Antioxidanzien immer ganz oben auf der Liste der wichtigsten Immunsystembooster, allen voran natürlich Zink, Selen, Vitamin C und Vitamin D. Zink hemmt im Speziellen das Anheften von Rhinoviren an die ICAM-Rezeptoren des Schleimhautepithels. Besonders wichtig ist bei der Anwendung von Zink die ausreichende therapeutische Dosierung und der direkte Kontakt von Zinkionen mit der Virusoberfläche. Somit sind vor allem Lutschtabletten und flüssige Zubereitungen, die Zink enthalten, sinnvoll. Die Dosierung kann kurzfristig (7–10 Tage) auf bis zu 60 mg Zink täglich gesteigert werden. Weiters reduziert Zink die Histaminfreisetzung aus basophilen Granulozyten, und es soll auch die Interferonproduktion anregen. Ein weiterer Klassiker in der Infektabwehr ist unter den Phytopharmaka zu finden – der Sonnenhut. Echinacea purpurea enthält unter anderem Kaffeesäurederivate, Alkamide, Flavonoide und ätherisches Öl. Welcher dieser Inhaltsstoffe letztendlich für die immunmodulierende Wirkung verantwortlich ist, lässt sich nicht einheitlich beantworten. Man geht hier von einer Summenwirkung aller Inhaltsstoffe in Kombination aus, so wie es bei den meisten Phytopharmaka der Fall ist. Zu den wichtigsten Eigenschaften des Sonnenhutes gehören sicherlich die Stimulation der Phagozytoseaktivität von Leukozyten, die Aktivierung der natürlichen Killerzellen und der T-Zellen. Aufgrund der immunstimulierenden Wirkung ist es wichtig, zu bedenken, dass Sonnenhutpräparate nicht für Personen mit Autoimmunerkrankungen und immunsupprimierte Patienten (HIV, MS, Chemotherapie etc.) geeignet sind!

Adaptogene

Gerne werden in der Erkältungsprophylaxe auch adaptogene Heilpflanzen verwendet. Hierzu gehören Pflanzen, die selbst unter widrigsten Witterungsbedingungen überleben können und somit viele Inhaltsstoffe bilden, die auch dem menschlichen Immunsystem zu besserer Stresstoleranz und einer erhöhten Abwehrkraft verhelfen. Zu den bekanntesten Vertretern zählen Ginseng- und Taigawurzel, die auch in der TCM aufgrund ihrer antioxidativen, antiphlogistischen und immunmodulierenden Wirkung schon sehr lange zur Stärkung des Immunsystems verwendet werden. Auch die Zistrose wird bereits seit der Antike als Stärkungsmittel eingesetzt. Die antimikrobiellen Eigenschaften lassen sich wahrscheinlich über eine physikalische Wirkung an der Schleimhaut erklären, wo Extrakte der Zistrose das Eindringen von Viren und Bakterien hemmen sollen. Eine weitere Möglichkeit zur Stärkung der Immunabwehr ist die Einnahme von Beta-Glukanen. Diese Polysaccharide kommen in Getreide, Pilzen und auch Bakterien vor und werden vom menschlichen Immunsystem, vorrangig im Darm, als fremdartig und somit als potenzielle Krankheitserreger eingestuft. Dadurch werden im Anschluss vermehrt Makrophagen und dendritische Zellen in die Lymphe ausgeschüttet, wo sie zirkulieren und somit bei einem Eindringen von tatsächlichen Krankheitserregern bereits aktiviert und vor Ort sind.

Neben der großen Gruppe der immunstimulierenden Phytopharmaka und Vitamine sowie Spurenelemente ist auch die Pflege der eingangs erwähnten Nasenschleimhaut besonders wichtig, schließlich bildet sie die erste Hürde, die es für Keime zu überwinden gilt. Besonders bewährt haben sich Nasensprays oder -spülungen mit physiologischer Kochsalz­lösung, wodurch die Schleimhaut ausreichend befeuchtet wird und etwaige Krankheitserreger ausgeschwemmt werden. Das aus Rotalgen stammende Polysaccharid Carrageen bildet einen Schutzfilm auf der Nasenschleimhaut aus, auf dem Erreger kleben bleiben und somit am Eindringen in tiefere Epithelschichten gehindert werden sollen. Auch wenn die Studienlage zur Wirksamkeit von Carrageen nicht eindeutig ist, so zählt es doch, spätestens seit dem Auftreten der ersten COVID-19-Fälle, zu den beliebtesten Wirkstoffen in der Infektprophylaxe.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es zahlreiche Möglichkeiten gibt, um das Immunsystem zu stärken, wobei aber keiner dieser Wirkstoffe eine ausgewogene Ernährung und einen generell gesunden Lebensstil ersetzen kann.

AutorIn: Mag. pharm. Karoline Sindelar

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Apo-K 19|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-10-15