Darmkrebs: vom opportunistischen Screening zur personalisierten Prävention

In Österreich nehmen derzeit nur etwa 30 bis 40 Prozent der anspruchsberechtigten Personen an der Darmkrebsvorsorge teil. Im bisherigen, nicht organisierten Vorsorgesystem liegen die Teilnahmeraten teils noch deutlich niedriger. Internationale und österreichische Daten zeigen jedoch klar, dass organisierte Programme die Teilnahme erhöhen und die Mortalität senken können. Besonders das Burgenland gilt als relevantes Beispiel: Ein organisiertes Screening erreichte dort hohe Teilnahmeraten und war mit einer Reduktion der Mortalität des kolorektalen Karzinoms assoziierten.

Mit dem Start eines organisierten bevölkerungsbasierten Screenings in Wien wurde nun ein wichtiger Schritt gesetzt. Die Zielbevölkerung zwischen 45 und 75 Jahren erhält dabei eine Einladung und einen FIT-Test (fäkaler immunochemischer Test). Alternativ kann primär eine Koloskopie gewählt werden. Bei positivem FIT-Test soll zeitnah eine Koloskopie erfolgen. Für die Endoskopie bedeutet dies eine erhebliche organisatorische Herausforderung, zugleich aber auch eine große Chance: Bei FIT-positiven Personen ist mit einer deutlich höheren Adenomdetektionsrate zu rechnen als bei unselektierten Vorsorgekoloskopien.

Ein wesentlicher Faktor bleibt die Wahl des FIT-Cut-offs. Je niedriger der Grenzwert für okkultes Blut im Stuhl angesetzt wird, desto sensitiver wird das Screening – allerdings auf Kosten zusätzlicher Koloskopien. In Wien werden unterschiedliche Cut-offs für Männer und Frauen eingesetzt. Künftig könnten adaptive oder kombinierte Strategien helfen, Sensitivität und Spezifität besser auszubalancieren.

Auch die Koloskopie selbst wird sich weiterentwickeln. Künstliche Intelligenz (KI) kann die Echtzeitdetektion von Polypen unterstützen. Neben der reinen Läsionsdetektion rücken weitere Anwendungen in den Vordergrund: KI-gestützte Charakterisierung von Polypen, automatisierte Befunderstellung, Qualitätskontrolle, Messung der Rückzugszeit und objektivere Größenbestimmung von Läsionen. Damit könnte KI nicht nur die Adenomdetektionsrate verbessern, sondern auch Dokumentation und Qualitätssicherung standardisieren.

Gleichzeitig ist der Nutzen von KI differenziert zu betrachten. Studien zeigen, dass vor allem Trainees und weniger erfahrene Endoskopiker:innen profitieren, während der Zusatznutzen bei sehr erfahrenen Untersucher:innen geringer sein kann. Zudem stellt sich die Frage, wie KI sinnvoll in bestehende Workflows integriert wird, ohne neue Abhängigkeiten oder Überdiagnostik zu erzeugen. Entscheidend wird sein, die Technologie als Unterstützung der endoskopischen Qualität zu nutzen – nicht als Ersatz für Erfahrung und strukturierte Ausbildung.

Neben FIT und Koloskopie werden zunehmend neue Screeningmethoden entwickelt. Multitarget-Stuhl-DNA-Tests und Stuhl-RNA-Tests erreichen hohe Sensitivitäten für kolorektale Karzinome, erkennen fortgeschrittene Adenome jedoch deutlich schlechter. Ähnliches gilt für blutbasierte Tests auf zirkulierende Tumor-DNA. Der Vorteil solcher Verfahren liegt in der höheren Akzeptanz, insbesondere bei Personen, die Stuhltests oder Koloskopie ablehnen. Ihr Nachteil bleibt die eingeschränkte Präventionsleistung, da relevante Vorstufen weniger zuverlässig erfasst werden.

Zukünftige Strategien werden mehrere Ebenen kombinieren: FIT, molekulare Stuhl- oder Blutmarker, Mikrobiom- und Metabolom-Daten, Lebensstilfaktoren und genetische Risikoprofile. KI-gestützte Modelle könnten daraus personalisierte Risikokategorien ableiten und Screening-Intervalle individuell anpassen. Digitale Plattformen, Reminder-Systeme, Risikorechner und Chatbots könnten zusätzlich helfen, Teilnahmequoten zu erhöhen und Patient:innen besser durch das Vorsorgeprogramm zu führen.

Fazit
Die zentrale Innovation in der Darmkrebsvorsorge ist daher nicht ein einzelner Test, sondern der Übergang zu organisierten, qualitätsgesicherten und perspektivisch personalisierten Programmen. Für Österreich wird entscheidend sein, bevölkerungsbasierte Einladungsmodelle flächendeckend umzusetzen, endoskopische Kapazitäten gezielt zu steuern und neue Technologien dort einzusetzen, wo sie Teilnahme, Qualität und Prävention tatsächlich verbessern.