Die Zukunft der Uroonkologie

Aussagen über die Zukunft zu treffen, ist grundsätzlich schwierig, denn die Welt verändert sich auf eine Art und Weise, die sich unserer Vorstellung entzieht. Nichtsdestotrotz ist die Vorwegnahme der Zukunft – und die Vorbereitung darauf – auch in der Medizin eine zwingende Notwendigkeit, denn Prognosen zufolge wird die Zahl der Patienten mit urologischen Krebserkrankungen in den kommenden Jahren weltweit dramatisch ansteigen. Um nötige Versorgungsleistungen erbringen zu können, sind daher jetzt wichtige Weichenstellungen erforderlich.
Die Überlebensrate und die Lebensqualität bei den meisten urologischen Krebserkrankungen sind in den vergangenen 50 Jahren signifikant gestiegen. Die treibenden Kräfte dieses Fortschritts sind jedoch nicht dieselben, die die Zukunft formen werden. Es zeichnen sich wissenschaftliche, technische und ökonomische Trends ab, die aller Wahrscheinlichkeit nach die Uroonkologie in den nächsten 20 Jahren stärker verändern werden als in den vergangenen 50 Jahren. Drei Schlüsselfaktoren werden in den kommenden Jahrzehnten den größten Einfluss auf die Krebstherapie haben:

  1. „Big Data“: Rasche Fortschritte der Informationstechnologie im Gesundheitswesen haben beispiellose Möglichkeiten geschaffen, riesige Datenmengen aus der realen Welt zu sammeln, zu analysieren und Informationen daraus zu gewinnen.
  2. Cancer Panomics – „Krebsomik“: Komplexe Netzwerke molekularer Signal­wege und die Charakteristika von Tumormikroumgebungen, die bei der Krebsentstehung miteinander interagieren, werden immer besser verstanden. Mittels Kombinationstherapien müssen Präventionsstrategien und kurative Therapien entwickelt werden.
  3. Wert und Nutzen für Patienten: Untragbare Kostenerhöhungen und Verbesserungen hinsichtlich der Qualitätsmetriken lenken die Aufmerksamkeit immer stärker auf die Effizienz beim Preis-Leistungs-Verhältnis und auf den Wert und Nutzen in der Gesundheitsversorgung, im Sinne von „value-based healthcare“.

Datenmengen wachsen

Bei der Entwicklung und Implementierung der Informationstechnologie (IT) im Gesundheitswesen sind rasche Fortschritte zu verzeichnen. Diese reichen von den Verbesserungen bei der Datenarchivierung und der Verarbeitungsgeschwindigkeit bis zu neuen Möglichkeiten der Auswertung „unstrukturierter“ Notizen in elektronischen Patientenakten. Mithilfe der IT im Gesundheitswesen lässt sich voraussichtlich innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte die Art und Weise ändern, wie Patienten versorgt werden.
Heutzutage sind über die Versorgung der meisten Krebspatienten nur wenige Daten in aggregierter Form vorhanden, geschweige denn über die Ergebnisse der Therapiewirksamkeit oder die Toxizität bei der Behandlung. In den kommenden Jahren werden jedoch dank der IT-Fortschritte im Gesundheitswesen Erkenntnisse aus großen Mengen an Daten der „realen Welt“ gewonnen werden, die derzeit auf gesonderten Servern und in Aktenschränken unzugänglich aufbewahrt werden. So können Daten zu sämtlichen Patienten mit urologischen Krebserkrankungen analysiert und aus einer enormen Menge an Beobachtungsdaten sofortige, praxisverändernde Schlussfolgerungen gezogen werden. Klinische Leitlinien werden in lebendige Dokumente umgewandelt, die auf Crowd Sourcing gestützt sind. Statt sich ausschließlich auf klinische Studien und Analysen zu ver­lassen, werden Informationen aus aussagekräftigen Schlussfolgerungen in die Leitlinien eingebunden, die den Versorgungsszenarien der realen Welt entstammen.

Wandel der Aufgaben

Dieser Wandel zu einer regelbasierten Versorgung wird sich erheblich auf die Akteure in der Uroonkologie auswirken: In der Routineversorgung werden andere Leistungserbringer eine große Rolle spielen. Die Ärzte in der medizinischen Grundversorgung bzw. die Arzthelfer werden dafür gerüstet sein, die Versorgung bei minder komplizierten Krebsfällen und bei der Nachsorge für eine insgesamt steigende Zahl an überlebenden Krebspatienten zu übernehmen. Die Uroonkologen wiederum werden ihre profunden Fachkenntnisse nutzbringender einsetzen: Neben der Entwicklung von Behandlungsplänen werden sie sich auf das Management von Versorgungsteams und die Zusammenarbeit mit Leistungserbringern in der medizinischen Grundversorgung konzentrieren. Darüber hinaus werden sie komplizierte Fälle überwachen, bei denen die „Regeln“ und Entscheidungshilfen unklar bleiben.
Angesichts der alternden Bevölkerung und der Erhöhung der Krebsinzidenz ist ein Mangel an Urologen zu prognostizieren. Die zunehmende Beteiligung von Nichtspezialisten wird diesen Mangel jedoch abfedern, wenn auch nicht beheben.

Patienten werden aktiv

Durch personalisierte, patientenfreundliche IT-Tools im Gesundheitswesen werden die Patienten weitaus mehr Gelegenheit haben, als gut informierte Fürsprecher in Bezug auf ihre eigene Versorgung zu agieren. Über patientenfreundliche Portale der Gesundheits-IT bleiben die Patienten in Echtzeit mit ihren Uroonkologen und anderen Leistungserbringern verbunden. Bei ihrer Versorgung werden sie eine aktive Rolle übernehmen, indem sie ihren Gesundheitszustand, die Nebenwirkungen und andere Erfahrungen zeitgleich zum Geschehen melden. Schnittstellen der Gesundheits-IT werden dazu beitragen, die Patienten ab dem Moment ihrer Diagnose entsprechenden Studien zuzuordnen. Aufgrund der veränderten Patientenbeteiligung treten möglicherweise neue Ungleichheiten auf: Nicht alle Patienten sind gleichermaßen dazu motiviert oder dafür gerüstet, ihre eigene Versorgung voranzutreiben. Wird eine stärkere Beteiligung seitens der Patienten erwartet, können neue Ungleichheiten auftreten, die als ungerecht empfunden werden.

„Krebsomik“: Präzisionsmedizin in Anwendung

Gezielte und individualisierte Therapien haben bereits den Wandel der Krebstherapie eingeläutet. Anstatt einzelne Signalwege in Krebszellen anzuvisieren, wird die Medizin künftig über Werkzeuge verfügen, um die „Omiken“ des Krebses anzugreifen. Dabei handelt es sich um die komplexe und individuelle Kombination aus einer patientenspezifischen Kreb­s­charakteristik, die ausschlaggebend bei Themen wie Krankheitsentwicklung, Ansprechen auf Therapien und langfristige Toxizitäten ist. Cancer Panomic wird die treibende Kraft hinter den meisten Krebstherapien werden. Bis zum Jahr 2030 ist zu erwarten, dass Panomic-Tools einfach, erschwinglich und allgemein verbreitet sein werden und ein beträchtlicher Anteil von Krebsarten auf molekularer Ebene entschlüsselt und gut behandelbar sein wird. Die Krebsvorsorge und -diagnose wird den Kinderschuhen entwachsen und validierte Biomarker werden dazu beitragen, viele Patienten mit einem Krebsrisiko zu identifizieren. Dadurch werden die Leistungserbringer in der Lage sein, der Krebsentwicklung durch frühzeitige Behandlung oder Präventionsstrategien zuvorzukommen.
Auf die Forschung bleibt diese Entwicklung aber nicht ohne Auswirkung: Damit Studien kleiner, schneller und kostengünstiger durchgeführt werden können, werden die Interessengruppen neue Studiendesigns und Zielsetzungen entwickeln müssen, die eine baldige Zulassung ermöglichen. Die klinische Forschung wird durch eine leistungsfähige beobachtende Forschung unterstützt werden. Da die Medikamente zunehmend in Kombination miteinander getestet werden, werden die Unternehmen feststellen, dass sich die Entwicklung von Kre
bstherapien nur durch Forschungskooperationen fortführen lässt. Zudem wird sich dies als eine leistungsfähige Möglichkeit erweisen, um Effizienzgewinne bei der Testung vieler unterschiedlicher Medikamente an eng spezifizierten Populationen zu generieren, was die Forschungstätigkeit kostengünstiger machen wird.

Abkehr vom Kostendenken

Nicht nur in der Uroonkologie werden sich Ärzte daran gewöhnen müssen, dass ein Plus an Qualität, Effizienz und Transparenz in der gesamten Versorgung verlangt wird. Die Universitätsklinik für Urologie der Medizinischen Universität Wien nimmt bereits jetzt eine führende Rolle ein, indem Qualitätsmessungen und Verbesserungsansätze entwickelt werden, die zu einer besseren Versorgung der Patienten führen.
Neue Vergütungsmodelle, die die Qualität und die Werthaltigkeit fördern, werden sich durchsetzen und routinemäßige Qualitätsmessungen und -verbesserungen werden fest in unserer täglichen Praxis verankert sein. Es ist zu erwarten, dass die Dienstleister nach ihrer Fähigkeit vergütet werden, Werthaltigkeit und Qualität nachzuweisen. Die Ausbildungsprogramme für Uroonkologen werden die erforderlichen Fertigkeiten vermitteln müssen, um eine qualitativ hochwertige Versorgung sicherzustellen. Die medizinischen Studiengänge, die Assistenzarzt- und CME-Programme werden einen Schwerpunkt auf Qualitätsmessungen, Datenanalyse, Mitarbeitermanagement und weitere Kompetenzen legen, die die Ärzte benötigen, um unter den neuen Praxisbedingungen erfolgreich zu sein.

Wissenschaft: Prim. Univ.-Prof. Dr. Shahrokh F. Shariat

Universitätsklinik für Urologie, Medizinische Universität Wien, und Comprehensive Cancer Center, AKH Wien

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MP 01|2016

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2016-02-26