Funktionelle Einschränkungen nach Tumortherapie

Um kolorektale Karzinome zu heilen, werden sie reseziert oder je nach Stadium und Lokalisation auch mittels kombinierter Radio-Chemotherapie behandelt. Eine Darmresektion im kleinen Becken führt fast immer auch zu einer Beeinträchtigung von Muskeln und Nerven in diesem Bereich. Die meisten Patienten leiden nach einer erfolgreichen Behandlung des Rektumkarzinoms an einem vorderen Resektionssyndrom. Die häufigsten Symptome sind eine Stuhl- oder Dranginkontinenz sowie eine häufige Stuhlfrequenz. Leider wird in der postoperativen Betreuung meist viel zu wenig Augenmerk auf das funktionelle Outcome und die Lebensqualität des Patienten ­gelegt.

 

Im Gespräch:  Dr. Ingrid Haunold
Warum haben Tumoroperationen im kleinen Becken so massive ­Auswirkungen auf die Kontinenz?
Weil hier in einem Gebiet operiert wird, wo Nerven für eine Reihe von Organen verlaufen. Von der Anatomie her haben wir es mit einem sehr sensiblen Gebiet zu tun, wo etwa die Nerven zum Darm führen, aber auch jene für die Entleerung der Harnblase oder die Sexualfunktionen. Sie liegen teilweise am Beckenboden, aber auch an der Darmwand. Je tiefer ein Tumor sitzt, umso schwieriger wird es daher für den Operateur zu resezieren, ohne Nerven oder Muskeln zu beeinträchtigen.
Wie häufig treten Beschwerden nach der Tumorresektion auf?
Leichte Funktionseinbußen haben wir in bis zu 85 % der operierten Patienten. Manchmal ist nur die Stuhlfrequenz erhöht, es kann aber auch zu unwillkürlichem Stuhlverlust tags, aber auch nachts kommen. Darauf sollten die Patienten bereits präoperativ behutsam vorbereitet werden. Der Schweregrad der Kontinenzbeeinträchtigung kann mittels speziellem Fragebogen erhoben werden und wird als LARS Score angegeben.
Gibt es Genderunterschiede?
Tumore im kleinen Becken zählen bei Frauen zu den zweithäufigsten, bei Männern zu den dritthäufigsten Tumoren. Männer haben von Natur aus ein engeres Becken und sind daher meist schwieriger zu operieren, dies vor allem in Hinblick auf den Nervenplexus.
Gibt es Möglichkeiten der Prävention?
Mithilfe einer neuer Methode, der TAMIS (transanal minimal invasive surgery) wird nicht nur vom Bauch, sondern auch transanal operiert. Wir arbeiten seit etwa einem Jahr damit und hoffen, dass wir dadurch nicht nur das onkologische, sondern auch das funktionelle Outcome verbessern können.
Interview mit: Dr. Ingrid Haunold

Oberärztin an der Abteilung für Chirurgie, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien und Tagungspräsidentin der 25. Jahrestagung der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich


MP 05|2015

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2015-11-25