Gastkommentar: „Rollenspiele

Der Gesundheitsmarkt ist einer der großen Wachstumsmärkte und gewinnt ökonomisch stärker an Bedeutung. Wegen der demografischen Entwicklung, aber auch wegen medizintechnischen Innovationen führt kein Weg daran vorbei, die vorhandenen Ressourcen möglichst effektiv und effizient einzusetzen. Kein Wunder also, dass die Ökonomie in der Medizin eine zunehmend wichtigere Rolle übernimmt, aber nicht immer nur in gutem Sinn. Der Grund ist einfach: Ökonomie wird oft vom Blickwinkel der betriebswirtschaftlichen Einzelinteressen ins Spiel gebracht. Dies ist selten hilfreich, wenn es um die Rolle von Innovationen im Gesundheitssystem geht. Hier benötigen wir vor allem einen volkswirtschaftlichen Blickwinkel, denn der Nutzen der Innovation fällt oft nicht dort an, wo er bezahlt wird. Hat der Zahler aber keinen unmittelbaren Vorteil, wird er leichter auf der Bremse stehen …

Innovative Finanzierungsformen

Die Herausforderungen, vor denen Gesundheitssysteme in Europa stehen, sind längst bekannt: die demografische Entwicklung, multimorbide Patienten, neue Krankheitsbilder als Folge von Migrationsströmen, all das bei höheren Ansprüchen und knapper werdenden Budgets – um nur einige Eckpunkte zu nennen. Mit innovativen Produkten oder innovativen Versorgungsformen allein werden wir nicht weiterkommen. Es braucht auch innovative Finanzierungsformen. Das erfordert das Denken in Netzwerken und das Überwinden von Sektoren: zwischen ambulant und stationär, zwischen akut und postakut, zwischen Heilungskosten und Lohnfortzahlungen. Spätestens jetzt wird klar: Wir müssen Denkblockaden überwinden. Diese sind zwar verständlich, weil wir nach wie vor traditionelle ­Lösungen für das historisch gewachsene System suchen. Wir müssen uns aber verabschieden von der Frage, welche Ursache, z.B. Krankheit oder Unfall, für die Versorgungsleistung verantwortlich ist. Es gilt, sich vermehrt hin zur Frage zu wenden, welche Gesundheitsversorgung Menschen heute, aber auch in fünf Jahren benötigen werden.
Viel Zeit, darüber nachzudenken, bleibt nicht. Wir sind gut beraten, das Einzelkämpfertum und die Mikrostrukturen als Auslaufmodelle anzuerkennen, weil sie nicht mehr zukunftstauglich sind.
Zukunftssicherung in einer jungen Gesellschaft braucht Investitionen in Bildung, in einer älter werdenden Gesellschaft wie der unseren muss in das Gesundheitssystem investiert werden. Hier geht es um langfristige, zukunftssichernde Maßnahmen!

Lenken statt steuern

Die Medizin und die Gesundheitssysteme sind zweifelsohne in einer Umbruchphase. Eine langfristige Planung oder Steuerung ist angesichts der Tatsache, dass die Halbwertszeit des medizinischen Wissens kaum mehr als drei Jahre beträgt, ein Artefakt. Wir werden auf Basis von „Big Data“ die Menschen beraten und vielleicht ein wenig lenken können, um sie vor künftigen Bedrohungen zu schützen versuchen, aber wir müssen auch einen Eigenanteil an Verantwortung einfordern. Wir leben in einer Multi-Options-Gesellschaft. Daher werden auch unterschiedliche Versorgungsformen unterschiedlichen Optionen besser gerecht als ein zentral gesteuertes System.

Mehr Flexibilität ist gefragt

Innovationen sind nicht der letzte Rettungsring für das Gesundheitswesen, aber ein Teil, der dazu beitragen kann, dass wir auch künftig eine hochwertige Versorgung für eine älter werdende Gesellschaft haben können. Wichtig ist, dass wir auf allen Ebenen Innovationen benötigen, also nicht nur bei Produkten, sondern auch bei Prozessen, dem Marketing oder den Organisations- und Finanzierungsformen. Es geht darum, mehr Wettbewerb zu wagen, um Innovationen zu fördern. Wettbewerb ist dabei nicht als eine Frage der Ideologie, sondern als ein Instrument zu verstehen. Wir benötigen beispielsweise eine offene und ehrliche Diskussion über Marktzulassungen von Produkten, die angesichts der kürzer werdenden Produktlebenszyklen, der sich rasch ändernden Ansprüche und der kurzen Halbwertszeit von medizinischem Wissen auch viel flexibler gehandhabt werden müssen. Dabei haben sowohl Zulassungsbehörden als auch Kostenträger und Produzenten die Bereitschaft aufzubringen, mehr Risiken einzugehen, anderseits aber auch konsequenter und häufiger anzupassen, falls Erwartungen und Versprechen nicht erfüllt werden. Innovation ohne Risiko gibt es nicht.

AutorIn: Dr. Willy Oggier

Gesundheitsökonomische Beratungen AG
Weinhaldenstrasse 22CH 8700 Küsnacht
Tel. +41 44 273 52 34
info(at)willyoggier.ch

Foto: Austromed


MP 01|2017

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2017-02-17