Geriatrie im Wandel

Wo liegen derzeit die „Hot Spots“ in der Geriatrie und Gerontologie?

In besonderem Ausmaß müssen und wollen wir uns vermehrt mit der Vernetzung der Grundlagenforschung zur klinischen Anwendung beschäftigen. Dies gilt nicht nur in der kurativen Medizin, sondern auch im Bereich der Technologieentwicklung. In der westlichen Welt stehen wir vor den Chancen, aber auch Herausforderungen und Problemen einer alternden Gesellschaft. Gleichzeitig haben sich Lebensschwerpunkte und individuelle und berufliche Biografien verändert. Tradierte Familienkonzepte gibt es kaum mehr. Die Patchworkfamilien und die Zunahme der Singlehaushalte bei gleichzeitiger Abnahme der informellen Pflege- und Betreuungsressourcen fordern die Entwicklung neuer Strukturen.

Welche Highlights erwarten die Besucher auf dem Kongress?

Multiprofessionelle und interdisziplinäre Sitzungen, ein vernetzender Dialog, der das voneinander Lernen unterstützt. In diesem Sinne werden die Themenbereiche Alterstraumatologie – von der Fraktur bis zur Rehabilitation – sowie Palliative Care breite Bögen spannen, die die ganze Versorgungskette abbilden. Auch in den klassischen Themen der Geriatrie werden neue Erkenntnisse präsentiert: Demenz und Delir, Ernährung, Sarkopenie, Mangelernährung, Frailty sowie Polypharmazie. Wir werden miteinander klinische Fälle diskutieren.

Ist die heimische Gesundheitslandschaft für die demografische Entwicklung gut gerüstet?

Public Health wird in vielen Aspekten beleuchtet werden. Von der öffentlichen bis zur individuellen Verantwortung, von den Strukturen und Netzwerken, Modellprojekten und neuen Wegen wird berichtet werden. Der Veränderungsprozess von einem paternalistischen System zu einem verantwortlich wahrgenommenen Solidarsystem hat begonnen. Die „Social Dividend of Ageing“ wird dargestellt werden – Alter(n) ist eine Chance. Die Hochaltrigenstudie wird hier auch neue Aspekte einbringen.

Wo gibt es Schwachstellen?

Die Zahl der gewonnenen Jahre ist rasch gewachsen, die sozialen Rahmenbedingungen wie Berufstätigkeit und altersadäquate Beschäftigungsmodelle sind noch nicht entsprechend entstanden. Die Geburtenrate sinkt kontinuierlich. Die logische Konsequenz ist ein bereits jetzt voraussagbarer Mangel an Ärzten, Pflegepersonen und Therapeuten. Es wird an neuen Modellen gearbeitet. Chronische Erkrankungen, sensorische Defizite, kognitive Einschränkungen nehmen im Alter zu. Soziale Isolation und Betreuungsdefizite können die Folge sein. Gesundheitsförderung und Prävention könnten hier positiv entlasten. Diese Maßnahmen werden noch zu wenig akzeptiert.

Wo sind wir gut vorbereitet?

Österreich verfügt über ein solides Sozialversicherungssystem, Gesundheitsvorsorge, medizinische und pflegerische Betreuung auf einem hohen Niveau. Es sind gute Strukturen vorhanden, auch wenn die Wege manchmal verschlungen sind.

Was sind Ihre dringlichsten Wünsche an die Weiterentwicklung des Faches?

Geriatrie sollte ein eigenständiges medizinisches Sonderfach wie in zahlreichen europäischen Staaten werden. Die Etablierung der universitären Geriatrie und Gerontologie muss ausgebaut werden. Forschungsbudgets für klinische Forschung im Bereich der Medizin, der Pflegewissenschaften und der Sozialgerontologie sowie der Grundlagenforschung und vor allem der translationalen Forschung müssen zur Verfügung gestellt werden. Letztlich trifft sie eine rasch wachsende Personengruppe mit vielfältigen Bedürfnissen und Ressourcen.

Interview mit: Prim. Dr. Katharina Pils

Vorstand des Instituts für Physikalische ­Medizin und Rehabilitation, SMZ – Sophienspital und Präsidentin des 55. Kongresses der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie


MP 01|2015

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2015-02-04